Russlands Wirtschaft auf riskantem Kurs
Langsameres Wachstum und sinkende Gewinne

Pressemitteilung vom 6. Februar 2002

Das Wachstum des russischen Bruttoinlandsprodukts lag im Jahre 2001 mit 5 % deutlich unter dem vom Vorjahr (8,3 %). Noch wesentlich stärker verlangsamte sich das Wachstum der Industrieproduktion und Bruttoanlageinvestitionen. Als besonders kritisch für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Russlands bezeichnet das DIW Berlin in seinem aktuellen Wochenbericht 6/2002 den kräftigen Rückgang der Unternehmensgewinne im vergangenen Jahr um real mehr als 7 %. Gewinne müssen in Russland eine hohe Risikoprämie enthalten, um die gravierenden Mängel des Investitionsklimas zu überspielen. Sinken die Gewinne, geht dies zu Lasten der Investitionen - die Kapitalflucht geht unvermindert weiter. Getragen wurde das gesamtwirtschaftliche Wachstum im Jahre 2001 vor allem durch den hohen privaten Verbrauch. Der reale Einzelhandelsumsatz wuchs um etwa 11 %. Dahinter steht ein Anstieg der Reallöhne von 20 % und der realen Renten von fast 23 %. Das DIW Berlin sieht in dieser ungleichgewichtigen Entwicklung ein erhebliches Risiko für das weitere Wirtschaftswachstum.
Im Verlauf des Jahres 2001 beschleunigte sich der Abwärtstrend der Unternehmensgewinne drastisch. Im Oktober betrug der Rückgang bereits 17 %. Dafür verantwortlich sind drei Faktoren: die Aufwertung des Rubels, die stark wachsenden Reallöhne und der Rückgang der Weltmarktpreise für Energieträger. Diesen letzten Faktor kann die russische Politik kaum beeinflussen. Die reale Aufwertung wird sich nach Ansicht des DIW Berlin angesichts einer erwarteten Inflationsrate von fast 20 % fortsetzen - wobei ein etwas weniger ambitioniertes Wechselkursziel überlegenswert wäre. Die exorbitanten Lohnsteigerungen könnten allerdings von der Politik gebremst werden. Das Berliner Institut plädiert für eine maßvollere Lohnentwicklung vor allem im teilprivatisierten Sektor mit Signalwirkung auf die übrige Wirtschaft. Als Richtgröße hält das DIW Berlin das Tempo des BIP-Wachstums, also etwa 5 %, für geeignet.

Die Verbesserungen der institutionellen Rahmenbedingungen in Russland sind unverkennbar. Positiv wird auch das Streben nach einem raschen Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) bewertet. Das DIW Berlin kritisiert allerdings die mangelhafte Umsetzung neuer gesetzlicher Regelungen, insbesondere in den russischen Regionen. Die Verbesserung des Investitionsklimas wird auch in Zukunft nur langsam vorangehen.