DIW Wochenbericht 31 / 2000, S. 508-515
Maria Lodahl
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In seiner ersten Rede zur Lage der Nation bezeichnete Präsident Putin vor kurzem die demographische Situation seines Landes als "alarmierend", das "Überleben der Nation" sei in Gefahr. Nun ist in den meisten Industriestaaten der Saldo der natürlichen Bevölkerungsentwicklung negativ, d.h. die Sterbefälle übersteigen die Geburten. In Russland setzte diese Entwicklung zwar relativ spät ein - mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft -, dafür aber sofort mit rasantem Tempo. Von 1992 bis zum Jahresanfang 2000 schrumpfte die Bevölkerung Russlands um knapp 3 Mill. auf 146 Mill.; ohne Migrationsgewinne wäre der Rückgang sogar doppelt so stark gewesen. Bis zum Jahr 2016 wird von russischen Demographen ein Bevölkerungsrückgang auf eine Größenordnung von 125 Mill. erwartet. Es wird sogar schon ein Rückgang auf unter 100 Mill. als bedrohliches Szenario diskutiert, mit dem das Selbstverständnis Russlands als Großmacht infrage gestellt würde. Die ohnehin niedrige Lebenserwartung sank weiter; sie betrug 1999 für Männer lediglich 59,6 Jahre und für Frauen 71,3 Jahre. Mit der verringerten Geburtenrate ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen bis zu 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung in nur zehn Jahren von einem Viertel auf ein Fünftel zurückgegangen. Die Bevölkerungsanteile sowohl von Personen im arbeitsfähigen Alter als auch von Senioren wachsen dagegen. Sollte sich die jüngste wirtschaftliche Erholung fortsetzen, dürfte die Lebenserwartung wieder zunehmen, da die Sterberate nicht nur vom Altersaufbau der Bevölkerung, sondern auch vom Lebensstandard abhängt. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts wird sich die Alterung der Gesellschaft rasch fortsetzen; bis 2016 dürfte der Seniorenanteil an der Bevölkerung auf 25 % steigen. Wegen seiner wirtschaftlichen Folgen wird dieser demographische Umbruch in Zukunft noch mehr in den Mittelpunkt der russischen Politik rücken.
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