Bildungswesen in Ostdeutschland im Übergang

DIW Wochenbericht 45 / 1990, S. 637-642

Wolfgang Jeschek

Abstract

Im vereinten Deutschland befindet sich das Bildungswesen der ehemaligen DDR in der Umgestaltung von einem zentralstaatlichen in ein föderatives System. Zwar gab es in den beiden ehemaligen Teilstaaten gemeinsame Strukturmerkmale wie das Abitur, die "duale" Berufsausbildung und ein differenziertes Hochschulwesen, doch die Divergenzen als Resultat verschiedener politischer und gesellschaftlicher Leitbilder sind groß. Im dezentralen Bildungssystem Westdeutschlands haben die Länder überwiegend die Entscheidungsgewalt, so im Schulwesen und in wesentlichen Teilen des Hochschulbereichs. Der Bund hat die Gesetzgebungskompetenz bei der betrieblichen Berufsausbildung, der Ausbildungs- und Forschungsförderung sowie dem Hochschulrahmenrecht: Somit werden die öffentlichen Bildungsausgaben überwiegend von den Bundesländern getätigt. Ausnahmen sind die Gemeinschaftsaufgaben des Hochschulbaus und der Bi/dungsplanung. Ferner gewährt der Bund Finanzhilfen, und einen Teil der Kosten tragen auch die Gemeinden. In der DDR war das Bildungswesen einheitlich und zentralstaatlich organisiert, die Verfügungsgewalt und die Finanzierung lagen bei der Zentralregierung. Die Bildungsplanung war auf gesetzlicher Grundlage mit der Volkswirtschaftsplanung verzahnt, Bildungs- und Beschäftigungssystem wurden aufeinander abgestimmt. Es gab eine Berufslenkung und rigide, politisch vorgegebene Zugangsbeschränkungen für weiterführende Schulen und Hochschulen. Den zentralstaatlichen Entscheidungsstrukturen entsprach der vergleichsweise straffe Aufbau des Bildungssystems. So stehen sechs Schularten in der ehemaligen DDR den fünfzehn in der Bundesrepublik gegenüber. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied mit zwei zu sieben bei den beruflichen Schularten. Bei den allgemeinbildenden Schulen gibt es in Ostdeutschland ein eingliedriges Schulsystem mit den polytechnischen Oberschulen und den erweiterten Oberschulen.

Themen: Bildung