DIW Wochenbericht 36 / 1989, S. 433-441
Reinhard Pohl
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In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts war Berlin international führender Finanzplatz. Heute nimmt die Stadt einen untergeordneten Rang ein, weit hinter London, Tokio und New York, aber auch deutlich hinter dem Finanzplatz Frankfurt am Main. Der Berliner Finanzplatz kann aber ausgebaut werden: Die Kreditinstitute dort verfügen über erhebliche Einlagenüberschüsse, die auf auswärtigen Märkten angelegt werden und sich auch in einem wachsenden Forderungsüberschuß im Interbankgeschäft niederschlugen (Abbildung). Gut sind auch andere wichtige Rahmenbedingungen für einen Finanzplatz, wie die Infrastruktur, die Nähe zum RGW-Raum, die Steuervorteile. Diese Bedingungen vermehrt zu nutzen und zu verbessern, ist ein Ziel, das im Dezember 1984 auf einer Berliner Konferenz der führenden Dienstleistungsunternehmen gesetzt wurde. Berlin wird zwar kein Finanzplatz im großen Stil werden, aber auf der Suche nach Nischen kann es seinen "Weg in die Dienstleistungsgesellschaft" finden. Manches, z. B. die Idee eines Finanzfreihafens Berlin, wurde inzwischen erwogen und verworfen. Anderes, wie der schon 1982 gegründete Berliner lnnovationsfonds, wurde vorangetrieben oder, wie der Deutsche Venture Capital Verband und der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften, erfolgreich auf den Weg gebracht. In neuester Zeit entwickeln sich auch Institutionen, die sich mit Beratung, Finanzierung und Abwicklung im Zusammenhang mit dem Ost-West-Handel beschäftigen. Auf dem Sektor "Information" gab es wichtige Aktivitäten (Tagungen, Gründung von Institutionen). Den Finanzplatz Berlin kennzeichnet auch die im Vergleich zum übrigen Bundesgebiet überdurchschnittlich starke Bankkreditexpansion. Nach Schätzungen des DIW entfiel ein Drittel des in den Jahren 1985 bis 1988 von den Berliner Kreditinstituten erzielten Forderungszuwachses auf Anlagen außerhalb Berlins. An diesem "Kapitalexport" auch in Form von Krediten an private Unternehmen und private Haushalte zu partizipieren, ist freilich der Sparkasse der Stadt Berlin West, einer Landesbank und Girozentrale, die am Geschäftsvolumen gemessen das größte Kreditinstitut in Berlin ist, durch das in deren Satzung verankerte Regionalprinzip verwehrt. Dieses Prinzip hat sich auf kommunaler Ebene bewährt. Es paßt aber nicht zu einer Girozentrale einer relativ kleinen Region. Schon gar nicht gehört diese Barriere auf einen Finanzplatz, der im EG-Binnenmarkt bestehen soll!
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