Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren und Naturwissenschaftlern nimmt zu

Pressemitteilung vom 18. November 2015

Zahl der Studierenden ist in den vergangenen zehn Jahren um knapp 40 Prozent gestiegen - Immer mehr junge Leute entscheiden sich für ein Studium insbesondere in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern - Auf niedrigem Niveau deutlich steigende Arbeitslosigkeit bei Ingenieuren, Ärzten und anderen Naturwissenschaftlern

Fast 60 Prozent eines Geburtenjahrgangs nehmen mittlerweile in Deutschland ein Studium auf – das sind fast doppelt so viele wie 20 Jahre zuvor. Der Trend zum Studium entspricht den Veränderungen in der Arbeitswelt, in der akademische Qualifikationen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Einfache Arbeit wird indes weniger gebraucht. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist in überdurchschnittlichem Maße die Zahl der Studierenden in Medizin und anderen Naturwissenschaften, Mathematik sowie Informatik gestiegen. „Auf ingenieurwissenschaftliche Studiengänge gab es sogar einen regelrechten Run“, stellt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am DIW Berlin und Autor der Studie, fest.

Anstieg der Arbeitslosenzahlen trotz guter Konjunktur

Der Arbeitsmarkt war aber trotz guter Konjunktur nicht in der Lage, das zusätzliche Arbeitskräfteangebot aufzunehmen, denn die Zahl der arbeitslosen Akademiker mit einem Abschluss in einem technischen oder naturwissenschaftlichen Fach hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Die Zuwächse sind zwar nicht gewaltig, der prozentuale Anstieg lässt aber deutlich zunehmende Beschäftigungsprobleme bei naturwissenschaftlich-technischen Akademikerberufen erkennen. So ist die Zahl der arbeitslosen IT-Experten in den vergangenen drei Jahren um ein Drittel auf 8.500 gestiegen. Ähnlich war die Veränderungsrate bei Ingenieuren,  die in der Industrie eingesetzt werden können. Hier gab es im Oktober 2015 etwa 18.000 Arbeitslose. Ein noch höheres Tempo hatte der Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Ärzten (plus 50 Prozent oder 1.400 Personen) und Physikern (plus 50 Prozent oder 700 Personen). Eine erhebliche Zunahme der Unterbeschäftigung gab es auch bei Chemikern (plus 24 Prozent oder 500 Personen).

Geringere Arbeitslosigkeit unter Architekten und Bauingenieuren

Bei denjenigen Berufen mit weniger starken Zuwächsen bei den Studierendenzahlen ist die Arbeitslosigkeit indes kaum gestiegen oder gar zurückgegangen - wie bei Wirtschaftswissenschaftlern, Gesellschaftswissenschaftlern und Lehrern. Das trifft auch auf Architekten und Bauingenieure zu; hier nahm die Zahl der Arbeitslosen in den letzten drei Jahren um 700 ab. Erst seit wenigen Jahren steigt bei Architektur und Bauingenieurwesen die Zahl der Studenten wieder; zuvor hatte die lang anhaltende Flaute in der Bauproduktion junge Menschen eher abgeschreckt, diese Studiengänge zu wählen. Die Berufswahl wurde offensichtlich von den Arbeitsmarktchancen beeinflusst. „Im Falle der industrienahen Ingenieure und anderer so genannter MINT-Berufe haben sich junge Leute offenbar von den Klagen der Unternehmen und ihrer Verbände über einen angeblichen Fachkräftemangel leiten lassen – und nun steigt hier die Arbeitslosigkeit. Es wurde mal wieder ein so genannter Schweinezyklus produziert", so DIW-Experte Brenke.

Das Image der praktischen Ausbildung aufwerten

Aus volkswirtschaftlicher Sicht stellt sich laut der DIW-Studie die Frage, ob die weiter wachsende Zahl an Studienabgängern überhaupt wünschenswert ist. Denn schon jetzt gibt es Regionen in Deutschland, in denen zu wenige Bewerber auf die angebotenen Ausbildungsplätze kommen – in Süddeutschland, in Hamburg und in Teilen Ostdeutschlands. Der DIW-Arbeitsmarktexperte empfiehlt daher, in der Berufsberatung vermehrt auf die Lehre hinzuweisen: „Ziel der bildungspolitischen Debatte müsste es sein, das Image der praktischen Ausbildung aufzuwerten und dabei auch die neuen Möglichkeiten der Verbindung von Lehre und Studium aufzuzeigen.“