„Noch schlechter als ein ungeordneter Brexit wäre nur eine andauernde Hängepartie und Ungewissheit“

Statement vom 23. Juli 2019

Boris Johnson wurde zum neuen Tory-Vorsitzenden gewählt und wird damit aller Wahrscheinlichkeit nach der nächste Premierminister Großbritanniens. Zu den damit verbundenen Aussichten mit Blick auf den Brexit-Prozess eine Einschätzung von Stefan Gebauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Konjunkturpolitik am DIW Berlin:

BlockquoteMit der Wahl von Boris Johnson zum neuen Vorsitzenden der britischen Konservativen und dem näher rückenden Austrittstermin des Vereinigten Königreichs aus der EU dürfte die Sorge um einen ungeordneten Brexit wieder zunehmen. Zwar war es seit der Verschiebung des Brexit-Datums auf spätestens Ende Oktober in London und Brüssel scheinbar etwas ruhiger geworden. Aktuelle Wirtschaftsdaten legen jedoch nahe, dass die mit der Verschiebung weiter genährte Unsicherheit über den Ausgang des Brexit-Dramas die Entwicklung im Vereinigten Königreich auch weiterhin stark belastet. So liegt das britische Pfund, dessen Wert als ein wichtiger Gradmesser des Brexit-Fiebers gilt, derzeit auf dem niedrigsten Niveau seit zwei Jahren. Auch in aktuellen Umfragen spiegelt sich die große Verunsicherung der Unternehmen und der Verbraucherinnen und Verbraucher wider. Zudem zeichnet sich immer deutlicher ab, dass ein ungeordneter Brexit die britische Wirtschaft deutlich stärker als etwa Deutschland und andere Mitgliedstaaten der EU treffen würde. Ob es einem Premierminister Boris Johnson – zu dem er wohl morgen ernannt werden wird – aus dieser Position heraus gelingen wird, seine Forderung nach weitreichenden Nachverhandlungen des ursprünglich mit Brüssel ausgehandelten Austrittsabkommens durchzusetzen, bleibt abzuwarten. Umso wichtiger wäre es, den Brexit-Prozess zeitnah abzuschließen: Die einzig schlechtere Option als ein ungeordneter Brexit wäre wohl nur eine sich weiter hinziehende Hängepartie und eine chronisch werdende Ungewissheit für Unternehmen und Haushalte.

Stefan Gebauer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Themen: Europa