Neues länderübergreifendes Wertpapier wäre elegantester Weg zu geringerem Home Bias: Interview

DIW Wochenbericht 15/16 / 2020, S. 295

Dorothea Schäfer, Erich Wittenberg

get_appDownload (PDF  84 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  3.14 MB)

Frau Schäfer, bisher müssen Banken für Staatsanleihen, die sie in ihren Wertpapierbeständen halten, kein Eigenkapital als Risikofürsorge hinterlegen. Welche Probleme ergeben sich daraus? Staatsanleihen werden als risikofreie Wertpapiere angesehen, wenn sie aus Ländern der Europäischen Union oder des Euroraums stammen. Doch seit der europäischen Schuldenkrise weiß man, dass auch europäische Staatsanleihen nicht risikofrei sind. Das Problem ist, dass die Banken dazu neigen, überproportional viele Anleihen ihres Heimatlandes in den Büchern zu halten. Das nennt man dann Home Bias.

Gibt es außer dem Kapitalprivileg noch andere Gründe, warum Banken zu einem Home Bias neigen? Wenn Banken sehr viele Staatsanleihen des eigenen Landes in den Büchern haben, glauben sie vielleicht, eher gerettet zu werden, wenn sie in Schwierigkeiten sind. Zudem könnten Banken es grundsätzlich als wichtig empfinden, viele Staatsanleihen des eigenen Landes in den Büchern zu haben, weil das auch die Finanzierung des Staates erleichtert. Sie sind prinzipiell verpflichtet, bestimmte Liquiditätsquoten einzuhalten, und staatliche Wertpapiere sind hoch liquide Anleihen.

Welche Risiken bringt die Verflechtung von Staaten und Banken mit sich? Das prinzipielle Risiko ist natürlich, dass Staat und Banken sich gegenseitig anstecken. Ein Beispiel ist die jetzige Corona-Krise. Es herrscht große Angst, dass vielleicht Kredite ausfallen können, deswegen Banken gerettet werden müssen, dadurch die Staatsverschuldung steigt und dadurch wiederum der Wert der Staatsanleihen in den Bankbüchern abnimmt. Und dann würde dieser Teufelskreis wieder von vorn beginnen.

Es gibt bereits Reformvorschläge, um den Home Bias der Banken zu reduzieren. Wie sehen die aus? Ein Vorschlag ist, dass man die Eigenkapitalunterlegungen auch für Staatsanleihen einführt. Das würde dazu führen, dass Banken mehr Eigenkapital brauchen, zumindest wenn die eigenen Staatsanleihen mit einem relativ schlechten Rating versehen sind, die Kreditwürdigkeit des dahinterstehenden Staates also nicht die beste ist. Dann wäre das Risikogewicht entsprechend hoch. Ein zweiter Vorschlag ist, dass man ein neues gemeinsames Wertpapier mit Staatsanleihen von allen Euroländern konstruiert, das man den Banken dann als Anlageinstrument zur Verfügung stellt.

Inwieweit könnte die Eigenkapitalunterlegung von Staatsanleihen Banken und Staaten in Schwierigkeiten bringen? Nicht alle Banken haben es leicht, sich Eigenkapital zu besorgen. Zum Beispiel ist es für italienische Banken schwer. Möglicherweise müsste der Staat einspringen, um den Kapitalbedarf zu decken. Das wäre dann wiederum schwierig für den italienischen Staat und so geriete man auch hier sehr schnell wieder in diesen Teufelskreis. Die Folge wäre mit Sicherheit auch, dass der italienische und spanische Staat Schwierigkeiten hätten, sich am Markt weiterhin mit Geld zu versorgen, denn sie würden ihre Staatsanleihen schwerer loswerden. Das würde die Zinsen in die Höhe treiben und wir hätten im Anschluss daran sehr schnell eine neue Staatsverschuldungskrise im Euroraum.

Wie ließe sich der Home Bias der Banken bei Staatsanleihen dann ohne die Gefahr solcher Verwerfungen reduzieren? Der Vorschlag, ein automatisch voll diversifiziertes neues Wertpapier zu schaffen, scheint mir die eleganteste Lösung zu sein. Mit diesem gemeinsamen Wertpapier hätten die Banken eine sichere Alternative zu übermäßigen Investitionen in Staatsanleihen ihres Heimatlandes. Wenn man diese sichere Alternative geschaffen hat, könnte man auch wieder darüber nachdenken, ob man dann für die einzelnen Staatsanleihen eine Pflicht zur Eigenkapitalunterlegung einführt.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Dorothea Schäfer

Forschungsdirektorin in der Abteilung Makroökonomie