Selbst zahlen für Tests: Außerhalb des Paradieses hat nun mal alles seinen Preis: Kommentar

DIW Wochenbericht 33 / 2021, S. 556

Gert G. Wagner

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Dass eine unpopuläre Maßnahme, wie die Beschlüsse zur Testpflicht für Ungeimpfte, vor einer Bundestagswahl verkündet wird, spricht für ihre Dringlichkeit und dafür, dass sie tatsächlich umgesetzt wird. Dazu wird es ab Mitte Oktober auch gehören, dass die Tests aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, wenn es keinen medizinischen Grund gibt, der gegen eine Impfung spricht, oder – wie bei Kindern – keine Impfempfehlung vorliegt. Das wirft die Frage auf, ob es ungerecht ist, dass die Testkosten Einkommensschwache stärker belasten als Gutverdienende und Vermögende.

Als Ökonom soll man sich in der Regel nicht zu Fairnessfragen äußern, da dafür andere WissenschaftlerInnen aus der Philosophie oder Ethik zuständig sind. Aber in diesem speziellen Fall kann auch die Ökonomie etwas beitragen, da die Analyse von Preisen und Kosten zu ihrem Metier gehört. Und das Ergebnis wird eindeutig sein: Die Impf-Verweigerer sparen sich die Kosten von Nebenwirkungen der Impfung und das hat seinen Preis!

Die Mehrheit der Fachleute und Menschen in Deutschland geht davon aus, dass die Corona-Pandemie nicht einfach mit Hilfe einer „Durchseuchung“ überwunden werden kann. Deswegen wurden sehr schnell Tests auf akute Infektion entwickelt und überraschend zügig auch Impfstoffe, die reguläre Zulassungsverfahren durchlaufen haben. Da es aber naturgemäß keine Langzeituntersuchungen zu Wirkung und Nebenwirkungen der Impfung geben kann, ist es nicht völlig irrational, dass man sich gegen eine Impfung entscheidet. Zumal einigen Menschen die häufig auftretenden kurzzeitigen und harmlosen Nebenwirkungen schon zu viel sein mögen.

Fakt ist: der deutsche Gesetzgeber traut sich nicht, eine Impfpflicht zu erlassen. Den Verzicht auf eine Impfpflicht kann man in der Tat auch damit begründen, dass es jenseits von Lockdowns andere Möglichkeiten gibt, um die Gesellschaft vor einer unkontrollierbaren Corona-Pandemie zu bewahren, nämlich massenhaftes Testen. Wer sich nicht impfen lässt, weil er Nebenwirkungen befürchtet, der vermeidet offensichtlich die Probleme und Kosten, die mit einer Corona-Impfung verbunden sind. Aus Sicht der Impf-Unwilligen sind das sogar sehr hohe Kosten! Warum soll jemand, der bestimmte Kosten vermeidet und dadurch seine Mitmenschen einer Gefahr aussetzt, die durch Impfen besser vermeidbar ist als durch Testen (das naturgemäß lückenhaft ist), nicht dafür einen Preis zahlen? Die Gesellschaft belegt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die minimiert werden sollen, mit Steuern, wie das Tabakrauchen, oder im Fall von CO2-Ausstoß mit Nutzungspreisen. Warum soll das Nicht-Impfen, das für die Gesellschaft schädlich ist, nicht ebenso mit einem Preis belegt sein? Zumal sich die Impf-Unwilligen die Kosten von individuellen Nebenwirkungen ersparen.

Bleibt dennoch die Frage: Ist es fair, dass Impf-Unwillige mit niedrigem Einkommen relativ eine höhere Belastung haben als Unwillige mit hohem Einkommen. Nun: SozialhilfeempfängerInnen werden kostenlose Tests bekommen, und auch bei einer Reihe von Krankheiten wird weiterhin kostenlos getestet werden. Aber gerade Menschen mit niedrigem Einkommen sollten sich besonders gut überlegen, ob es für sie klug ist, sich nicht impfen zu lassen. Denn Menschen mit niedrigem Einkommen und niedrigem Bildungsstand üben oft berufliche Tätigkeiten aus, die mit einem deutlich erhöhten Corona-Infektions- und Erkrankungsrisiko verbunden sind. Das zeigen internationale Studien und – für die erste Welle 2020 – eine für Deutschland repräsentative RKI-SOEP-Studie.

Intensives Nachdenken wird durch die relativ höheren Kosten für Tests, die aus eigener Tasche gezahlt werden müssen, gefördert. Und es bleibt immer noch die Freiheit, sich trotzdem gegen das Impfen zu entscheiden.

Inwieweit der Schubser, den die Kostenpflichtigkeit der Tests den Leuten gibt, wirken wird, weiß man natürlich nicht. Wichtiger sind wahrscheinlich mehr Möglichkeiten für spontanes Impfen ohne lange Wegestrecken, etwa am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus.

Der Beitrag ist am 11. August 2021 beim Tagesspiegel online erschienen.

Gert G. Wagner

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Themen: Gesundheit

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