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Zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit: Nach Deutschland Geflüchtete der Jahre 2015 und 2016: Editorial

DIW Wochenbericht 48 / 2023, S. 661-662

Cornelia Kristen, Miriam Gauer, Elisabeth Liebau

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Das Migrationsgeschehen und seine Folgen gehören zu den Kernthemen der Gegenwart. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und demografischem Wandel geht es etwa um das notwendige Ausmaß der Zuwanderung, um den wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland zu erhalten. Genauso bestimmt wird die Diskussion aber von der Frage, wer aus welchen Motiven kommt oder kommen darf. Welche Art der Zuwanderung ist also gewünscht, welche soll begrenzt werden? Wie die Integration der neu Zugewanderten verläuft und wie sie gelingen kann, ist ebenfalls zentraler Gegenstand der Debatten.

Eine wichtige Grundlage hierfür liefern Arbeiten, in denen Personen in den Blick genommen werden, die bereits seit einiger Zeit in Deutschland leben, so wie dies für im Jahr 2015 und 2016 nach Deutschland Geflüchtete der Fall ist. Für sie liegen inzwischen belastbare Daten vor, die es ermöglichen, die ersten Jahre nach dem Zuzug nachzuzeichnen und damit wichtige Entwicklungen und die gegenwärtige Situation dieser Geflüchteten zu beschreiben.

Die vorliegende Ausgabe des DIW Wochenberichts thematisiert die Erwerbstätigkeit von Geflüchteten. Es geht um die Frage, welche Positionen sie auf dem Arbeitsmarkt einnehmen und wie sie, bei gegebener Erwerbstätigkeit, die unbezahlte häusliche Sorgearbeit untereinander aufteilen.

Hierzu werden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)infoJan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 239 (2), 345–360; Miriam Gauer und Cornelia Kristen (2023): A guide to using the Socio-Economic Panel for research on individuals of immigrant origin. SOEP Survey Papers 1332, Series C (online verfügbar; abgerufen am 17.11.2023. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Editorials, sofern nicht anders vermerkt). und die darin integrierte IAB-BAMF-SOEP-Befragung von GeflüchteteninfoSie wird vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie dem Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) durchgeführt. Herbert Brücker, Nina Rother und Joachim Schupp (2017; korrigierte Fassung 2018): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016: Studiendesign, Feldergebnisse sowie Analysen zu schulischer wie beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen sowie kognitiven Potenzialen. DIW Politikberatung kompakt 123 (online verfügbar); Martin Kroh et al. (2016): Das Studiendesign der IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten. SOEP Survey Papers 365, Series C (online verfügbar). genutzt. Sie beruht auf Informationen zu Schutzsuchenden, die zwischen 2013 und 2020 nach Deutschland gekommen sind. Die meisten Geflüchteten sind in den Jahren 2015 und 2016 zugewandert und leben seitdem in der Bundesrepublik. Sie werden mithilfe der SOEP-Daten mit anderen neu Zugewanderten ohne Fluchthintergrund und mit Personen gänzlich ohne Zuwanderungsgeschichte verglichen.

Im ersten Bericht wird die Erwerbsbeteiligung und die Positionierung von bereits länger in Deutschland lebenden Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt untersucht. Es zeigt sich, dass die Erwerbsbeteiligung im Zeitverlauf zugenommen hat. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt erfolgt in erster Linie über Tätigkeiten als Hilfs- oder Fachkraft. Über die Zeit steigen einige der Geflüchteten, die zunächst als Hilfskraft begonnen haben, zur Fachkraft auf. Triebfeder des Aufstiegs in eine höherwertige Position sind die Qualifikationen der Geflüchteten. Dazu gehören die aus dem Herkunftsland mitgebrachte Bildung ebenso wie in Deutschland erworbene Bildungsabschlüsse. Auch absolvierte Sprachkurse zahlen sich auf dem Arbeitsmarkt aus. Diese Befunde machen deutlich, dass eine Forcierung der Qualifizierung von zentraler Bedeutung ist für eine erfolgreiche Positionierung. Unter den als Hilfskräften tätigen Geflüchteten verbergen sich Potenziale für die weitere Rekrutierung von Fachkräften.

Auch im zweiten Bericht spielt die Erwerbstätigkeit eine zentrale Rolle. Betrachtet werden verschiedene Erwerbskonstellationen von Paaren – also zum Beispiel eine Situation, in der eine Person erwerbstätig ist, die andere aber nicht, oder eine Situation, in der sowohl der Mann als auch die Frau erwerbstätig sind. Für diese unterschiedlichen Konstellationen lässt sich untersuchen, wie die unbezahlte Sorgearbeit aufgeteilt wird, wer also in welchem Maße bestimmte Aufgaben im Haushalt übernimmt, sich um die Kinder kümmert, putzt, kocht, wäscht, einkauft und repariert. Unterschiede in der Aufteilung der Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern werden als „Gender Care Gap“ bezeichnet. Die Geschlechterdifferenz kommt meist dadurch zustande, dass Frauen mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen als Männer. Im Bericht wird gezeigt, dass dies für Geflüchtete ebenso gilt wie für andere Paare mit und ohne Migrationsgeschichte. Der Gender Care Gap ist jeweils dann am geringsten, wenn sowohl der Mann als auch die Frau erwerbstätig sind. Wenn die Frau zudem eine höhere Stellung als ihr Partner auf dem Arbeitsmarkt einnimmt und wenn sie gleich viel oder mehr Zeit als der Mann bei der Arbeit verbringt, reduziert sich die Differenz weiter. Diese grundlegenden Muster lassen sich für alle betrachteten Gruppen nachweisen. Möchte man also für eine ausgeglichene Aufteilung unbezahlter Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern sorgen, ist die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen, einschließlich der dort verbrachten Arbeitsstunden und einer entsprechenden Positionierung, eine zentrale Stellgröße. Die Erwerbstätigkeit ist der Motor der Gleichberechtigung – für Geflüchtete ebenso wie für Paare ohne Fluchthintergrund.

Aus den Erkenntnissen der beiden Berichte lässt sich schließen, dass die Arbeitsmarktintegration geflüchteter Frauen und Männer unterstützt werden sollte. Dies gelingt in erster Linie über Qualifizierungsmaßnahmen wie Sprachkurse, nachgeholte oder zusätzliche Bildungsabschlüsse oder gezielte Weiterbildung. Hierüber könnten sich noch ungenutzte Potenziale heben lassen.

Cornelia Kristen

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Miriam Gauer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Elisabeth Liebau

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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