Jenseits des BIP: „W3-Indikatoren“ und ein Jahreswohlstandsbericht

Kommentar vom 19. April 2013

Die Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand. Lebensqualität“ hat am 15.4.2013 ihre Arbeit abgeschlossen (Abschlussbericht Teil1 & Teil 2). Entgegen der öffentlichen Erwartungen und Kommentierungen hat sie ihr zentrales Ziel erreicht: die Relativierung des „Bruttoinlandprodukts (BIP)“ in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion.

Der von der Enquête-Kommission vorgeschlagene Indikatoren-Satz  soll nach dem Vorschlag der Kommission mit dem Namen „W3-Indikatoren“ versehen werden. Dieser Name, der die gleichberechtigte Bedeutung der drei Wohlstands-Dimensionen „Ökonomie“, „Ökologie“ und  „Soziales“  hervorhebt, ist knapp und griffig genug, um sich neben dem BIP zu positionieren.

Es wird nicht ein einziger neuer Indikator (Anti-BIP) vorgeschlagen, wie das Viele sich gewünscht hatten, sondern für die drei Ziel-Dimensionen „Ökonomie“, „Ökologie“ und „Soziales“ ein Satz von zehn statistischen Indikatoren (und zehn „Warnlampen“). Die Indikatoren im Einzelnen sind: „BIP, Einkommensverteilung und Staatsschulden“, „Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt“ und „Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und Freiheit“.

Nur durch mehrere Indikatoren ist es möglich, die gesamte Fülle gesellschaftlicher Ziele und Herausforderungen abzudecken. Aber für die politische Wirksamkeit von statistischen Indikatoren reicht deren bloße Berechnung und Veröffentlichung ohnehin nicht aus, sondern es muss eine Diskussionskultur geschaffen werden, die den Indikatoren zu politischer Relevanz verhilft. Die Enquete-Kommission schlägt vor, dass die Bundesregierung dazu regelmäßig (z. B. jährlich) in „ressortübergreifender Weise“ Stellung bezieht. Dies könnte beispielsweise in Form eines  „Jahres-Wohlstandsberichtes“ erfolgen. Die Enquête empfiehlt in diesem Zusammenhang  zu Beginn der kommenden Legislaturperiode zu prüfen, welche Sachverständigenräte und Beiräte der Bundesregierung zur Kommentierung der Indikatoren beitragen können und sollten. Dies könnte beispielsweise auch bedeuten, dass ein „Sachverständigenrat  für nachhaltige Lebensqualität“ eingerichtet werden sollte.

Generell gilt: Statistische Indikatoren können und sollen den politische Diskussionsprozess nicht ersetzen, sondern lediglich durch gut aufbereitete Informationen befördern. Wer geglaubt hat, dass ein Anti-BIP-Indikator die Welt verändert, hatte überzogene Vorstellungen. Realistisch betrachtet hat die Enquête-Kommission ihr Ziel erreicht.

Prof. Dr. Gert G. Wagner ist Sachverständiges Mitglied der Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags, Vorsitzender des RatSWD und Vorstandsmitglied des DIW Berlin.