Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 01.09.2016

Studie zu früherer Fluchtzuwanderung zeigt Ansatzpunkte für Integration aktuell Geflüchteter

World Bank / Flickr.com CC BY-NC-ND 2.0 (Copyright)  Flüchtlinge Syrien Refugees
Copyright: World Bank / Flickr.com CC BY-NC-ND 2.0

Sozial- und WirtschaftswissenschaftlerInnen des DIW Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin untersuchten Integration Geflüchteter, die vor allem in den Jahren 1990 bis 2010 nach Deutschland kamen – Befragungsdaten deuten auf schwierige Startbedingungen hin, mit der Zeit konnten Geflüchtete bei Sprachkenntnissen und auf dem Arbeitsmarkt aber gegenüber anderen MigrantInnen aufholen

Wie kann die Integration der vor allem in den Jahren 2014 und 2015 zahlreich nach Deutschland geflüchteten Menschen gelingen? Eine Gruppe von Sozial- und WirtschaftswissenschaftlerInnen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und der Humboldt-Universität zu Berlin haben einen Blick in die jüngere Vergangenheit geworfen, um zur Beantwortung dieser Frage beitragen zu können. Ihre zentrale Erkenntnis: Nach anfänglichen Startschwierigkeiten konnten Geflüchtete, die in den Jahren 1990 bis 2010 nach Deutschland kamen, bei ihren Sprachkenntnissen und auf dem Arbeitsmarkt gegenüber anderen MigrantInnen aufholen.

Viele junge Geflüchtete investieren in Bildung in Deutschland

Geflüchtete brachten zwar im Durchschnitt geringere formale Qualifikationen aus ihrem Herkunftsland mit als andere MigrantInnen, sprachen bei ihrer Ankunft schlechter Deutsch, nahmen später ihren ersten Job auf und brachten ihre unter drei Jahre alten Kinder seltener in eine Kita. Allerdings konnten sie ihre Sprachkenntnisse schneller verbessern und erreichten beim Besuch von Schulen in Deutschland häufiger hohe Abschlüsse als andere MigrantInnen. Außerdem nahmen Kinder von Geflüchteten häufiger an Schul-AGs teil. „Eine Hürde ist zu Beginn, dass ankommende Flüchtlinge kaum Deutsch sprechen. Im Gegensatz zu ArbeitsmigrantInnen können sie sich aber auch kaum auf ihr Zielland vorbereiten“, sagt Martin Kroh, stellvertretender Leiter der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am DIW Berlin.

Zusammen mit acht KollegInnen hat Kroh Daten der gemeinsamen Migrationsbefragung des SOEP und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ausgewertet. Aus der Analyse der vor allem in den Jahren 1990 bis 2010 nach Deutschland geflüchteten Menschen leiten die ForscherInnen Erkenntnisse darüber ab, wie die Integration der jüngst eingereisten Geflüchteten gelingen kann. Da es heute weitaus mehr Integrationsmaßnahmen gebe als in der Vergangenheit, könne man durchaus optimistisch sein: „Die Vielzahl der Maßnahmen und auch gesellschaftlichen Initiativen lässt auf eine schnellere Integration der jüngst Geflüchteten hoffen“, so Kroh.

Geflüchtete hatten geringere formale Qualifikationen als andere MigrantInnen

Geflüchtete brachten im Vergleich zu anderen MigrantInnen in der Vergangenheit geringere Qualifikationen aus dem Ausland mit und hatten insgesamt niedrigere formale Qualifikationen als andere MigrantInnen in Deutschland. So verließen 20 Prozent der 1990 bis 2010 gekommenen Geflüchteten die Schule in ihrem Herkunftsland ohne Abschluss, in anderen Zuwanderergruppen waren es zehn Prozent.

Allerdings erreichten Geflüchtete – sofern sie in Deutschland eine allgemeinbildende Schule besuchten – hierzulande höhere Schulabschlüsse als andere MigrantInnen. Auch der Anteil derjenigen mit Berufserfahrung war kaum niedriger als in den anderen Zuwanderergruppen und die durchschnittliche Erwerbsdauer zum Zeitpunkt des Zuzugs sogar etwas höher.

Die jüngsten Bestrebungen, im Ausland informell erworbene Qualifikationen anzuerkennen, seien daher zu begrüßen, erklärt Zerrin Salikutluk, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin. „Zudem sollten Geflüchtete besser über Möglichkeiten informiert werden, ihre Abschlüsse und Erfahrungen aus dem Ausland in Deutschland anerkennen zu lassen“, so Salikutluk. „In der Vergangenheit tat dies nur ein Drittel.“

Geflüchtete nahmen später einen ersten Job in Deutschland auf als andere MigrantInnen

Neben entsprechenden Qualifikationen und Erfahrungen sind Kenntnisse der deutschen Sprache eine wichtige Voraussetzung für die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Zwar brachten Geflüchtete kaum Deutschkenntnisse bei der Einreise mit, im Jahr 2013 hatten sie aber das Sprachniveau anderer MigrantInnen nahezu erreicht und konnten ihre Deutschkenntnisse somit in einem ähnlichen Zeitraum stärker verbessern.

Die zwischen 1990 und 2010 nach Deutschland Geflüchteten benötigten mehr Zeit als andere MigrantInnen, bis sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen konnten. Noch Jahre nach der Einwanderung waren diese Menschen häufiger erwerbslos und erzielten geringere Einkommen. Etwa zwei Drittel aller geflüchteten Männer, aber nur jede vierte Frau haben in den ersten fünf Jahren ihres Aufenthalts in Deutschland eine erste Stelle gefunden. Sie waren 2013 vor allem in kleinen Unternehmen, im verarbeitenden Gewerbe und in der Gastronomie tätig. „Unter anderem die Partizipation im deutschen Bildungssystem und ein häufiger Sprachgebrauch, insbesondere am Arbeitsplatz, stehen in einem positiven Zusammenhang mit dem Spracherwerb“, sagt Elisabeth Liebau, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim SOEP. Insofern könnte eine frühzeitige Öffnung von Bildungs- und Arbeitsmarktangeboten die Sprachkenntnisse Geflüchteter zügig verbessern.

Auch soziale Kontakte spielten eine entscheidende Rolle für den Arbeitsmarkterfolg: Etwa die Hälfte der Geflüchteten fand ihren ersten Job in Deutschland in der Vergangenheit über FreundInnen, Bekannte oder Verwandte. In anderen Zuwanderergruppen war dies noch häufiger der Fall.

Kinder mit Fluchthintergrund nahmen freiwillige Angebote in der Schule häufiger wahr

Einige freiwillige Bildungs- und Freizeitangebote in der Schule, beispielsweise Sport-AGs, nahmen Kinder von Geflüchteten ähnlich stark oder sogar häufiger in Anspruch als andere Kinder. Allerdings beteiligten sie sich als GrundschülerInnen und auch später seltener an Aktivitäten außerhalb der Schule, beispielsweise in Sportvereinen. Unter drei Jahre alte Kinder waren zudem seltener in einer Kindertageseinrichtung und gingen seltener in eine Eltern-Kind-Gruppe. „Die frühe Bildung birgt ein besonders großes Potential, das für eine gelungene Integration noch stärker ausgeschöpft werden sollte“, empfiehlt C. Katharina Spieß, Leiterin der Abteilung Bildung und Familie am DIW Berlin. Denkbar wären unter anderem Ansätze wie eine interkulturellere Ausrichtung der Angebote und eine gezielte Rekrutierung von Ehrenamtlichen und MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund.

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DIW Wochenbericht 35/2016 | PDF, 1.08 MB

DIW Wochenbericht 35/2016 als E-Book | EPUB, 2.43 MB

Interview: "Vielzahl der Maßnahmen und Initiativen lässt auf schnellere Integration aktuell Geflüchteter hoffen" - Fünf Fragen an Martin Kroh (Print | PDF, 100.98 KB und Podcast) | MP3, 4.34 MB

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Das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist seit 1925 eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Es erforscht wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge in gesellschaftlich relevanten Themenfeldern und berät auf dieser Grundlage Politik und Gesellschaft. Das Institut ist national und international vernetzt, stellt weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur bereit und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das DIW Berlin ist unabhängig und wird als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.

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Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut Kantar Public (zuvor TNS Infratest Sozialforschung) in mehreren tausend Haushalten statistische Daten erhoben. Zurzeit sind es etwa 30.000 Personen in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.

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