Facebook-Währung Libra: Nur ein genialer Marketingtrick? Kommentar

DIW Wochenbericht 37 / 2019, S. 688

Dorothea Schäfer

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Einen genialeren Marketingtrick hätte man sich kaum ausdenken können. Die „Facebook-Währung“ Libra ist in aller Munde. Die US-Notenbank Fed und US-Präsident Trump haben sich bereits geäußert, ebenso die Bundesbank, die Bank of England und nun auch die Europäische Zentralbank. Nur eine unabhängige Notenbank mit einem starken Mandat wie die EZB könne die institutionellen Rahmenbedingungen für eine verlässliche und allgemein akzeptierte Währung und das dafür nötige Vertrauen bieten, heißt es aus deren Kreisen. Während dem Facebook-Geld einerseits also Skepsis bis Ablehnung entgegenschlägt, gibt es andererseits auch positive Äußerungen. Manche träumen bei der Kombination von Libra und Facebook sogar vom Weltgeld.

Nach mehreren Datenskandalen kann sich Facebook mit der Libra-Initiative nun jedenfalls als soziales Unternehmen präsentieren, dem finanzielle Inklusion eine Herzensangelegenheit ist. Libra soll schnelle, billige Überweisungen in die entlegensten Winkel von Schwellen- und Entwicklungsländern, beispielsweise in Afrika, ermöglichen. Auch an der Sicherheit der hochsensiblen Finanztransaktionsdaten soll es nicht mangeln. Das ist verblüffend, denn bislang ist Facebook bekanntermaßen nicht durch einen besonders herausragenden Schutz vor Datenmissbrauch aufgefallen.

Die Kunstwährung Libra wäre Teil der Schattenwirtschaft und Facebook beziehungsweise das Libra-Konsortium wäre eine Art Schattenbank. Solange Libra kein gesetzliches Zahlungsmittel ist, muss auch niemand Libra gegen Güter und Dienstleistungen tauschen. Libra-Nutzerinnen und -Nutzer müssen daher auch mit dem Risiko leben, auf einen Vertragspartner zu stoßen, der bei Libra abwinkt. Die meisten Regierungen und Zentralbanken werden auch kaum bereit sein, eine Parallelwährung zu dulden, über die sie keine Kontrolle haben. Das Libra-Konsortium soll seinen Sitz in der Schweiz haben, die Zentrale von Facebook liegt in den USA. Facebook gehört auch zu jenen Internetriesen, die im Verdacht stehen, Gewinne in Niedrigsteuerländer zu transferieren und sie so dauerhaft dem Zugriff der Steuerbehörden anderer Länder zu entziehen. Auch vor diesem Hintergrund ist es illusorisch anzunehmen, die Zentralbanken könnten den Libra kontrollieren. Eine verpflichtende Banklizenz für das Libra-Konsortium würde daran nichts ändern.

Der Geltungsbereich des Libra ist die gesamte Welt. Damit ist eine einheitliche Regulierung von vornherein ausgeschlossen. Staatliche Regulierung ist allerdings auch nicht ratsam. Regulierung bedeutet staatliche Anerkennung und einen impliziten Zwang, das Kunstgeld in einer Krise zu retten. Der Verbraucherschutz aber sollte Nutzerinnen und Nutzer eindringlich vor den Wechselkursrisiken des Libra warnen. Finanzmarkt- und Bankenaufsicht sollten wachsam sein und, falls notwendig, einschreiten, um eine starke Vernetzung von Kunstgeld und herkömmlichen Finanzmärkten zu verhindern. Auch aus einem anderen Grund ist Wachsamkeit geboten. Emittenten von Kunstgeld, aber auch viele andere Fintechs, benötigen für ihre Geschäfte jene Infrastruktur, die herkömmliche Banken aufgebaut haben und unterhalten. Auch der Kauf von Libra ist ohne Bankkonto kaum möglich. Zur Deckung der Kosten der Infrastruktur benötigen Banken Erträge. Werden diese in großem Stil auf Internetfirmen umgeleitet, ist auch die von den Banken bereitgestellte Infrastruktur gefährdet.

Ob angesichts all dessen die Facebook-Währung – sollte sie überhaupt jemals das Licht der Welt erblicken – wirklich zum Weltgeld wird, ist mehr als offen. Vielleicht ist sie am Ende doch nur ein clever angewandter Marketingtrick im Sommerloch des Jahres 2019.

Dorothea Schäfer

Forschungsdirektorin in der Abteilung Makroökonomie