DIW Wochenbericht 11 / 2026, S. 173
Geraldine Dany-Knedlik, Erich Wittenberg
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Frau Dany-Knedlik, macht der Ende Februar ausgebrochene Iran-Krieg jede Hoffnung auf eine Erholung der deutschen Wirtschaft zunichte? Es gibt zurzeit große Unsicherheiten darüber, welchen Effekt der Iran-Krieg mit sich bringt, gerade für die deutsche Wirtschaft. Wir erwarten, dass der Öl- und Gaspreis in den kommenden Monaten auf einem höheren Niveau liegt, aber danach graduell wieder sinkt. Insgesamt dürfte die Inflation damit um ungefähr 0,4 Prozentpunkte höher liegen, als es ohne den Krieg der Fall gewesen wäre. Für das deutsche Bruttoinlandsprodukt bedeutet das eine Dämpfung des Wachstums um ungefähr 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte. Insgesamt wird sich der Aufschwung vom Iran-Krieg aber nicht aufhalten lassen. Die Effekte des Iran-Kriegs eingeschlossen liegen wir für das Jahr 2026 bei rund einem Prozent Wirtschaftswachstum. Für das kommende Jahr prognostizieren wir ein Wachstum von 1,4 Prozent – also jeweils etwas weniger als noch im Winter erwartet.
Wodurch wird diese leichte Erholung gestützt? Gestützt wird diese leichte Erholung vor allen Dingen durch die Binnenwirtschaft. Der private Verbrauch hat sich gerade zum Abschluss des vergangenen Jahres besonders kräftig gezeigt. Das dürfte sich weiter fortsetzen, wenn auch mit einer etwas geringeren Dynamik. Der Arbeitsmarkt sieht robust aus. Zusätzlich werden jetzt langsam Investitionsimpulse sichtbar. Insbesondere die Bauinvestitionen dürften sich im Laufe des Jahres recht kräftig entwickeln. Wir rechnen aber auch damit, dass sich die Ausrüstungsinvestitionen in diesem Jahr allmählich erholen werden.
Welche Rolle spielen die öffentlichen Investitionen? Die öffentlichen Investitionen spielen eine besonders große Rolle, denn sie werden gestützt durch Ausgaben aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, aber auch aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Der bisherige Impuls scheint mehr von der Verteidigung zu kommen als von den Infrastrukturinvestitionen. Das war erwartbar, denn Infrastrukturinvestitionen brauchen einen längeren Planungszeitraum. Deshalb rechnen wir damit, dass ab dem kommenden Quartal allmählich auch die Impulse aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität wirken dürften.
Wie ist die Lage der Industrie? Die deutsche Industrie ist immer noch in einer schwierigen Lage. Insbesondere verteidigungsnahe Wirtschaftszweige entwickeln sich jetzt aber relativ positiv. Insgesamt konnte sich die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen, vor allem im Verarbeitenden Gewerbe, im vergangenen halben Jahr jedoch nicht deutlich verbessern. Die Rahmenbedingungen sind außenwirtschaftlich durch die US-Handelspolitik und binnenwirtschaftlich durch relativ hohe Produktionskosten beeinträchtigt. Die Exporte werden sich dementsprechend relativ schwach entwickeln, weil sich an der grundlegenden Auslandsnachfrage und an der grundlegenden Wettbewerbssituation bislang noch nicht so viel getan hat.
Wie schätzen Sie die Inflationsentwicklung ein? Die Inflation prognostizieren wir im laufenden Jahr mit einer jährlichen Zuwachsrate von 2,4 Prozent und im kommenden Jahr mit einer jährlichen Zuwachsrate von 2,3 Prozent. Das ist etwas höher, als wir das noch in der Winterprognose unterstellt haben. Vor allen Dingen die Dienstleistungspreise entwickeln sich weiterhin sehr stark und damit auch die Kerninflation. Nicht absehbar waren die jetzt stark steigenden Energiepreise, die ein Plus von 0,4 Prozentpunkten ausmachen.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
Themen: Konjunktur
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-11-3
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