In der wissenschaftlichen Diskussion: Krankenkassenwettbewerb, Selbstbehalte und Beitragsbemessung

Pressemitteilung vom 26. Februar 2003

DIW Berlin stellt neues Vierteljahrsheft zur Wirtschaftsforschung vor

Gesundheitspolitische Reformen können sich auf solide wissenschaftliche Erkenntnisse stützen, so beim Risikostrukturausgleich. Allerdings gibt es auch Reformbereiche, die wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht sind, wie die Selbstbehalte in der Schweiz. Neben Beiträgen von führenden internationalen Gesundheitsökonomen finden sich im neusten Vierteljahrsheft zur Wirtschaftsforschung vor allem Arbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland. Experten und Expertinnen kommentieren deren Ergebnisse.
Der Niederländer Wynand van de Ven vergleicht die beiden in der Realität am weitesten verbreiteten Methoden zur Durchsetzung eines „solidarischen“ Ausgleichs der Krankheitslasten in einem wettbewerblichen Krankenversicherungs-System: das Diskriminierungsverbot und die risikobezogenen Prämiensubventionen, in Deutschland besser als „Risikostrukturausgleich“ (RSA) bekannt. Er zeigt, dass das Diskriminierungsverbot allein die Risikoselektion nicht wirksam zu verhindern vermag, sondern ein RSA sinnvoll ist. Stefan Greß argumentiert anhand empirischer Analysen, die u. a. auf den SOEP-Daten des DIW Berlin beruhen, dass der in Deutschland gegenwärtig implementierte RSA noch nicht ausreicht, um eine weitere Risikoentmischung durch den Kassenwechsel zu vermeiden.

Martin Schellhorn und Andreas Werblow untersuchen, ob die wählbaren Selbstbehalte in der sozialen Krankenversicherung der Schweiz zu einer spürbaren Dämpfung der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen geführt oder lediglich eine Segmentation zwischen hohen und niedrigen Risiken bewirkt haben. Während Schellhorn an Hand von Umfragedaten die These der Risikoentmischung unterstützt, kommt Werblow zum Ergebnis, dass auch ein nennenswerter Nachfragedämpfungseffekt eingetreten ist. In seinem Korreferat zeigt Viktor Steiner (DIW Berlin), dass die methodischen Grundlagen für die Analyse der Wirkungsweise der schweizerischen Selbstbehalte noch nicht ausgereift sind und gesundheitspolitische Schlussfolgerungen nur unter größter Vorsicht gezogen werden können.

Mathias Kifmann untersucht aus verfassungsökonomischer Sicht, welche Auswirkungen auf das Leistungsniveau einer sozialen Krankenversicherung von der Art der Beitragsbemessung ausgehen. Er zeigt, dass die heute vielfach geforderte Auslagerung der (reinen) Einkommensumverteilung durch eine Lösung der Beiträge vom Erwerbseinkommen („pauschale Gesundheitsprämie“) die politische Unterstützung eines umfassenden Leistungskatalogs untergraben könnte. Insofern bedarf eine grundlegende Reform der Krankenversicherungen in Deutschland großer Sorgfalt hinsichtlich der Implementierung und der nachhaltigen Absicherung des „sozialen Ausgleichs“.
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