Das deutsche Innovationssystem der roten Biotechnologie ist international wettbewerbsfähig. Dominiert wird die Biotechnologieindustrie weltweit jedoch von den USA. Auch im europäischen Vergleich liegt Deutschland in der roten Biotechnologie noch nicht an der Spitze. Über die ausgereifteste Biotechnologieindustrie insgesamt verfügt hier derzeit Großbritannien im Vergleich zu Deutschland, Indien und Israel, so der aktuelle Wochenbericht Nr. 26/2006 des DIW Berlin.
Großbritannien verfügte 2004 über 43 börsennotierte Core-Biotechnologieunternehmen mit 165 Produkten in der Entwicklung. In Deutschland waren es 12 börsennotierte Unternehmen mit 12 Produkten in der Entwicklung. Deutschland hat jedoch im Vergleich zu den anderen drei Ländern einen Wettbewerbsvorteil in der roten Biotechnologie in den Bereichen Diagnostik und Produktion. In Deutschland erzielten 2002 im Bereich der biotechnologischen Diagnostik 104 Unternehmen mit 2913 Beschäftigten einen Umsatz von 625 Mill. Euro. In Großbritannien beschäftigten 74 Unternehmen 2450 Mitarbeiter und erzielten einen Umsatz von 400 Mill. Euro. Die moderne Biotechnologie ist die Anwendung von Wissenschaft und Technologie auf lebende Organismen sowie auf deren Bestandteile, Produkte und Modelle mit dem Ziel, lebende und nicht lebende Materialien für die Produktion von Wissen, Waren und Serviceleistungen zu verändern. Weltweit zeigt sich im Anwendungsbereich der Pharmazeutischen Industrie und der Medizin, der sogenannten roten Biotechnologie, die größte Wachstumsdynamik.
Das britische Innovationssystem weist derzeit mehr Stärken als Schwächen gegenüber den drei Vergleichsländern auf. Großbritannien hat nach wie vor eine leistungsfähige Wissenschaft in der roten Biotechnologie gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen und deren Zitierhäufigkeit. Sowohl die öffentlichen als auch die privaten Ausgaben in der Gesundheitsforschung liegen über denen in Deutschland, Indien und Israel. Großbritannien ist der attraktivste europäische FuE-Standort für die Pharmazeutische Industrie und rote Biotechnologie. Die britische Regierung hat das strategische Ziel formuliert, in Europa das führende Land in der Biotechnologie und Biomedizin zu bleiben. Dies ist ein politisches Signal der Verpflichtung gegenüber der Industrie, das weitere FuE-Anreize setzt. Deutschland ist deutlich später in die Kommerzialisierung der Biotechnologie eingestiegen, hat aber Ende der 90er Jahre eine dynamische Wachstumsphase durchlaufen. Diese ist mit dem Einbruch der Finanzmärkte und der Schließung des Neuen Marktes Anfang des 21. Jahrhunderts wieder gestoppt worden. Derzeit hat das deutsche Innovationssystem der roten Biotechnologie Schwächen in der Finanzierung der Biotechnologieunternehmen sowie deren Gründungsfinanzierung. Weitere Gründe liegen in der Abnahme der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Pharmazeutischen Industrie und der Kostendämpfungspolitik im Gesundheitssystem, die einen negativen Innovationsanreiz setzt.
Um seine Wettbewerbsposition weiter zu stärken, sollte Deutschland eine nationale Strategie mit dem Ziel formulieren, das Land zu einem führenden Gesundheitsinnovationsstandort auszubauen. Anknüpfend an die vorhandenen Stärken in Deutschland sollten damit kohärente und koordinierte Maßnahmen der Forschungs-, Gesundheits-, Wirtschafts-, Verbraucherschutz- und Rechtspolitik entwickelt werden.