Bester Wochenbericht und bester wissenschaftlicher Aufsatz des DIW Berlin prämiert

Pressemitteilung vom 15. Mai 2003

Zum zweiten Mal wurden gestern auf der Mitgliederversammlung der „Vereinigung der Freunde des DIW Berlin“ die Preise für den besten Wochenbericht und den besten wissenschaftlichen Aufsatz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des DIW Berlin vergeben. Der Vorstand des DIW Berlin will damit die Anstrengungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler honorieren, das DIW Berlin in der breiten wirtschaftpolitischen Diskussion mit empirisch fundierten Analysen zu positionieren und zugleich im akademischen Diskurs präsent zu sein.
Unter vielen sehr guten Beiträgen wurden in diesem Jahr die folgenden Arbeiten ausgewählt:

Bester Wochenbericht ist der Bericht „Lohneffekte der Zeitarbeit“, den Axel Werwatz aus der Abteilung Innovation, Industrie und Dienstleistung in Zusammenarbeit mit Michael Kvasnicka von der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Bericht ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion von Arbeitsmarktreformen.

Mit der flächendeckenden Einführung sogenannter Personal-Service-Agenturen ist die Zeitarbeit zu einem offiziellen Instrument der Beschäftigungspolitik der Bundesregierung geworden. Dennoch ist die gewerbliche Zeitarbeit nach wie vor umstritten. Der Zeitarbeitsektor verkörpert zwar eines der dynamischsten Segmente des deutschen Arbeitsmarktes. Die Kritik richtet sich aber auf die vermeintlich geringere Qualität der durch Zeitarbeit entstehenden Beschäftigungsverhältnisse und auf die vergleichsweise niedrige Entlohnung von Zeitarbeitern.

Werwatz und Kvasnicka haben erstmals methodisch fundiert den Lohnabschlag bei Zeitarbeitnehmern geschätzt. Sie berücksichtigen bei ihrem Lohnvergleich die erheblichen Unterschiede zwischen Zeitarbeiternehmern und anderen Erwerbstätigen hinsichtlich Ausbildung, Berufserfahrung und anderer für die Entlohnung wichtiger Variablen. Im Ergebnis zeigt sich, dass Arbeitnehmer in Zeitarbeit einen signifikanten Lohnabschlag hinnehmen müssen; er ist allerdings bis zu 50% geringer, als bislang angenommen. Wenn Arbeitnehmer unmittelbar nach einer Zeitarbeit ein reguläres Beschäftigungsverhältnis aufnehmen, haben sie aber gegenüber anderen Arbeitnehmern im Durchschnitt keine Lohneinbußen zu verzeichnen.

Aus den Beiträgen zu referierten Fachzeitschriften wurde der Aufsatz ausgewählt, den Dorothea Schäfer zusammen mit Franz Hubert, wiederum von der Humboldt-Universität zu Berlin, zum Thema „Coordination Failure with Multiple-Source Lending: The Cost of Protection against a Powerful Lender“ verfasst hat. Die Autoren leisten eine wichtigen Beitrag zum Verständnis des Verhaltens von mittelständischen Unternehmen, Kreditbeziehungen mit mehreren Banken einzugehen, auch wenn damit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein spezifisches Risiko verbunden ist. Unkoordiniertes Verhalten, d.h. der Versuch jedes einzelnen Kreditgebers seine Ansprüche durch schnellen Rückzug in Sicherheit zu bringen, kann bei einem angeschlagenen Unternehmen zu lebensbedrohenden Liquiditätsengpässen führen. Wenn das Unternehmen nur eine Hausbank hat, besteht hingegen kein solches erhöhtes Insolvenzrisiko. Die Autoren zeigen nun, dass die erhöhte Gefahr einer liquiditätsbedingten Insolvenz der Preis ist, den Unternehmen zu zahlen bereit sind, um sich vor Abhängigkeit von der Hausbank zu schützen.

Zugleich wird deutlich, warum es bei Unternehmenssanierungen oft zu einem Bankenpool kommt. Damit versuchen Banken und Unternehmen das Beste aus zwei Welten zu erreichen. Durch das Eingehen vieler Kreditbeziehungen schützt sich das Unternehmen in guten Zeiten vor der Ausbeutung durch eine mächtige Hausbank. In schlechten Zeiten verhindert der Kreditgeberpool den unkoordinierten Rückzug einzelner Kreditgeber und eliminiert so die Gefahr des Auftretens einer ineffizienten, rein liquiditätsbedingten Insolvenz. Aus der modelltheoretischen Analyse wird auch eine klare Richtlinie für das Insolvenzrechts abgeleitet: Es sollte so ausgestaltet sein, dass für die Kreditgeber bereits im Vorfeld einer Insolvenz der Anreiz zur Poolbildung möglichst hoch ist.

Veröffentlicht in:
Journal of Institutional and Theoretical Economics, Vol. 158 No.2, June 2002, S. 256-275.
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