EU-Osterweiterung: Neue Schätzung des Migrationspotentials

Pressemitteilung vom 18. Februar 2004

Ein Gutachten des DIW Berlin für die Europäische Kommission

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat in einer Studie „Potential Migration from Central and Eastern Europe into the EU-15 – An Update“ für die Europäische Kommission seine Forschungsergebnisse aktualisiert und die Auswirkungen unterschiedlicher Übergangsperioden für die Freizügigkeit untersucht.
Die Studie kommt zu folgenden Ergebnissen:

Im hypothetischen Fall einer Einführung der Freizügigkeit für alle zehn Beitrittskandidaten aus den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL-10; einschließlich Bulgariens und Rumäniens) bereits im Jahre 2004 wäre in Deutschland im ersten Jahr eine Nettozuwanderung von 180.000 Personen aus den Beitrittskandidaten zu erwarten. Die Nettozuwanderung würde ihren Höhepunkt ein Jahr nach Einführung der Freizügigkeit mit 225.000 Personen erreichen. Rund 25 Jahre danach wäre ein Gleichgewicht bei einer ausländischen Bevölkerung aus den MOEL-10 von 2,0 bis 2,8 Millionen Personen erreicht. Gegenwärtig leben bereits 600,000 Personen aus den MOEL in Deutschland, so dass dies einer weiteren Zuwanderung von 1,4 bis 2,2 Millionen Personen entspricht.

Eine Hochrechnung dieser Ergebnisse auf die EU-15 ergäbe eine anfängliche Nettozuwanderung von 294.000 Personen, die ihren Höhepunkt bei 370.000 Personen erreicht. Das langfristige Migrationspotential für die EU-15 wird auf 3,8 Millionen Personen geschätzt. Nach Deutschland, auf das gegenwärtig rund 60 Prozent der Zuwanderer aus den Beitrittsländern entfallen, sind Italien (11 Prozent) und Österreich die wichtigsten Zielländer für die Zuwanderer aus den Beitrittsländern.

Die Verzögerung der Wanderung durch ein Ausschöpfen der Übergangsfristen für die Freizügigkeit bis zu sieben Jahren wird das langfristige Migrationspotential in der EU nur um wenige tausend Personen verringern. Grund hierfür ist, dass sich der Abstand zwischen den Pro-Kopf-Einkommen in dieser Zeit nicht wesentlich verringern, und der Anreiz zur Migration somit aufrechterhalten wird. Um kurzfristige Friktionen auf den Arbeitsmärkten zu vermeiden, bietet es sich für Deutschland an, während der Übergangsfristen die Arbeitsmärkte für Zuwanderer aus den MOEL bereits partiell zu öffnen, um damit das Migrationspotential sukzessive abzubauen.

Die Einführung der Freizügigkeit in einem Teil der Mitgliedsstaaten im Mai diesen Jahres (voraussichtlich Großbritannien, Spanien, Portugal) würde ein Umlenken eines Teils der Migrationsströme in diese Länder bewirken. Angesichts der geographischen Lage, Netzwerkeffekten und der Erwartung, dass auch in Deutschland und Österreich schrittweise die Freizügigkeit eingeführt wird, dürften diese Umlenkungsprozesse vermutlich nicht sehr groß ausfallen. Da historischer Parallelen nicht vorhanden sind, können auch im Rahmen ökonometrischer Modelle diese Prozesse nicht quantifiziert werden.

Die Ergebnisse der Studie des DIW Berlin bestätigen die Projektionen einer Studie des European Integration Consortium (2001) für die Europäische Kommission, an der das DIW Berlin als Konsortialführer beteiligt war. Dort wurde die anfängliche Zuwanderung in die EU-15 auf 335.000 Personen und das langfristige Migrationspotential aus den MOEL-10 auf 3,9 Millionen geschätzt. Ein Test zahlreicher Prognoseverfahren zeigt, dass Schätzverfahren, die sogenannte fixe Effekte berücksichtigen, anderen Schätzverfahren deutlich überlegen sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass fixe Faktoren, wie Distanz, geographische Lage, Kultur und Sprache die Wanderungsbewegungen zwischen Ländern erheblich beeinflussen. Schätzverfahren, die auf eine Berücksichtigung dieser Faktoren verzichten, führen nicht nur zu verzerrten und inkonsistenten Ergebnissen, sondern schneiden auch bei der Prognosefähigkeit schlecht ab.

Auch wenn ein zunehmender Teil der Studien ähnliche Größenordnungen für das Migrationspotential prognostiziert, unterliegen alle Schätzungen einer erheblichen Ungewissheit. Dies ist auf methodische Probleme und die besondere historische Situation in den Beitrittsländern zurückzuführen. Die tatsächlichen Migrationsbewegungen können deshalb erheblich von den Schätzungen abweichen. Es ist auch zu berücksichtigten, dass die realen Wanderungsbewegungen mit dem Konjunkturverlauf erheblich schwanken werden. In diesem Sinne sind die hier vorgelegten Projektionen als Hinweis auf die Grössenordnungen des Migrationspotentials, nicht als exakte Prognose zu verstehen.

Das vollständige Gutachten finden Sie im Internet unter der URL http://www.diw.de/deutsch/produkte/publikationen/gutachten/jahrgang2004/index.html.
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