Die Spanische Wirtschaft expandierte in den vergangenen Jahren weitaus kräftiger als der Durchschnitt des Euroraums und fast dreimal so stark wie Deutschland. Im Jahr 2003 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 2,4%. Dieser beeindruckende Wachstumsprozess steht jedoch auf wackeligen Füßen, so der aktuelle Wochenbericht des DIW Berlin 11/2004. Die Hauptfaktoren für die rasche Expansion – niedrige Realzinsen, Multiplikatorwirkungen der EU-Mittel sowie fiskalische Anreize –, werden nicht auf Dauer aufrechtzuerhalten sein. Großenteils liegen sie zudem außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs der spanischen Wirtschaftspolitik. Spanien wählt am 14. März 2004 ein neues Parlament und damit auch eine neue Regierung. Diese sollte die Aufbruchsstimmung zu Beginn der Legislaturperiode nutzen, um die notwendigen Veränderungen rasch in Angriff zu nehmen.
Wichtig ist, dass die neue spanische Regierung zusätzliche Schritte unternimmt, um das langfristige Wachstumspotential und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Auch wenn eine Abschaffung der Lohnindexierung und ein produktivitätsorientierter Lohnbildungsmechanismus erste wichtige Schritte wären, um den Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den EWU-Ländern aufzuhalten, liegt das Problem nicht allein in der andauernden realen Aufwertung, die gegenüber dem langjährigen Durchschnitt (1980 bis 2002) knapp 8 % beträgt. Spaniens Preisniveau hat 2002 bereits 83 % des EU-Durchschnitts erreicht und liegt damit weit über dem Preisniveau neuer Konkurrenten in Osteuropa.
Schwerwiegender für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ist der Umstand, dass Spanien mit 57 % immer noch den zweithöchsten Anteil (nach Portugal) niedrig qualifizierter Arbeitnehmer in der EU hat; im EU-Durchschnitt sind es 37,8%. Damit sind die Arbeitnehmer in den Beitrittsländern grundsätzlich nicht nur billiger, sondern meist auch deutlich besser ausgebildet. Wenn Spanien langfristig auch ohne umfangreiche Zuschüsse aus Brüssel eine Wachstumsperspektive haben will, dann darf es gerade im Hochtechnologiebereich nicht den Anschluss verpassen. Hochtechnologieprodukte haben jedoch an der Wertschöpfung wie auch an den Exporten einen im EU-Vergleich unterdurchschnittlichen Anteil. Angesichts der relativ niedrigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Unternehmenssektor, die in Relation zum Bruttoinlandsprodukt nicht einmal die Hälfte des EU-Durchschnitts erreichen, gibt es hier einen großen Nachholbedarf.
Einige Maßnahmen hat die Regierung im vergangenen Jahr bereits ergriffen, um neue Technologien – insbesondere im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie – zu fördern und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2007 auf 1,4 % des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, was fast einer Verdreifachung entsprechen würde. Unter anderem soll die Innovationsfähigkeit der Unternehmen durch steuerliche Anreize gefördert werden. Dies erscheint angesichts des Nachholbedarfs Spaniens für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll. Andere steuerliche Begünstigungen, etwa jene im Wohnungsbau, sollten hingegen schrittweise eingestellt werden.