Aus ökonomischer Sicht steht der geplanten Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nur noch wenig entgegen, so der aktuelle Wochenbericht des DIW Berlin 15/2005. Die ökonomische Lage in der Türkei hat sich stabilisiert und normalisiert. Der Stand der Reformen insbesondere im Bankensektor weist eine durchaus zufriedenstellende Entwicklung auf, auch im Vergleich mit dem entsprechenden Stand in den der EU zuletzt beigetretenen MOE-Ländern vor einigen Jahren. Wichtig ist jetzt vor allem, dass es gelingt, den staatlichen Einfluss auf Wirtschaft und Banken weiter zu reduzieren und die makroökonomische Stabilität zu gewährleisten.
Die Folgen der schweren Finanzkrise im Jahre 2001 scheinen inzwischen weitgehend überwunden. Immer noch ist die Inflationsrate mit derzeit rund 9 % zu hoch; jedoch wird es für möglich gehalten, die Maastricht-Kriterien für die öffentlichen Haushalte schon in den nächsten zwei Jahren zu erfüllen. Nach den jüngsten Zahlen lag das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr bei gut 9 %; auch für dieses Jahr wird ein kräftiges Wirtschaftswachstum erwartet. Der Aktienindex hat sich fast verdreifacht, und der Wechselkurs bewegt sich seit 2001 um die Marke von 0,70 US-Dollar je neue türkische Lira. Die internationale Bonitätseinstufung der Türkei ist gestiegen, wenn auch mit einem Rating von zumeist ‚BB’ noch nicht befriedigend. Die langfristigen Zinsen haben sich in den letzten vier Jahren annähernd halbiert und liegen nunmehr – nach bis zu 40 % im Jahre 2001 – bei real etwa 8 %. Das Zentralbankgesetz der Türkei wird weitgehend von der Europäischen Zentralbank akzeptiert. Insgesamt sind jedoch noch weitere Reformschritte zur Konsolidierung des Bankensystems erforderlich, wie z. B. Schaffung von mehr Transparenz, Stärkung des Kapitalmarktes und Kreditvergabe mit Entwicklung der entsprechenden Überwachungsfunktionen. Ungelöst sind weiterhin die regionalpolitischen Probleme, die sich aus dem ökonomischen Rückstand im Osten und Südosten des Landes ergeben.