Ob eine rote Karte tatsächlich ein Nachteil für die betroffene Mannschaft ist oder sich positiv auswirkt, ist eine – im Stadion und vor dem Fernseher - vieldiskutierte Frage unter Fußballfans. Eine Studie des DIW Berlin, bei der alle Weltmeisterspiele seit 1930 untersucht wurden (veröffentlicht als Diskussionspapier Nr. 592) entkräftet dabei die alte Fußballweisheit, wonach es mit zehn Spielern besser klappt. Erfolgt der Platzverweis zu Beginn des Spiels, schießt das vollständige Team im Durchschnitt drei Tore mehr, während das in Unterzahl spielende Team nur ein einziges zusätzliches Tor erzielt. Erst bei einer roten Karte ab der sechzigsten Spielminute gleicht sich dieser Nachteil aus. Das heißt, erst ab diesem Zeitpunkt sollte über ein strategisches Foul nachgedacht werden – natürlich nur theoretisch!
In den insgesamt 643 Weltmeisterschaftsspielen seit 1930 gab es bei 89 Spielen mindestens eine rote Karte. In 64 % aller Fälle hatte sie keinen Einfluss auf das Ergebnis. In 20% der Fälle verschlechterte sich die betroffene Mannschaft, und nur in 16 % aller Fälle konnte die betroffene Mannschaft ihr Ergebnis noch verbessern. Diese Zahlen allein sagen jedoch noch nichts über den tatsächlichen Effekt einer roten Karte aus. Was wäre, wenn z.B. die schwächere Mannschaft häufiger eine rote Karte erhielte oder die rote Karte häufiger gegen Ende des Spiels gegeben würde? Um das herauszufinden, führten die Ökonomen des DIW Berlin einen sogenannten Vorher-Nachher-Vergleich zwischen der in Unterzahl befindlichen und der vollzähligen Mannschaft durch: Für jede der beiden Mannschaften schätzten sie zunächst die durchschnittliche Torintensität pro Minute – und zwar vor und nach roter Karte. Dabei wurden Faktoren wie etwa der Spielstand bei Ausschluss oder die Minute des Ausschlusses sowie Besonderheiten von WM-Turnieren (Vor- oder KO-Runde) berücksichtigt. In einem zweiten Schritt haben die Wissenschaftler dann die Veränderung der Torintensitäten nach einer roten Karte bestimmt und der Vergleich dieser Torintensitäten (sog. Differenz-in-Differenzen-Schätzer) ergibt den wahren Effekt der roten Karte.
Diskussionspapier 592 des DIW Berlin: Ten Do It Better, Do They? An Empirical Analysis of an Old Football Myth. Von Marco Caliendo und Dubravko Radić.