Bericht vom 16. Februar 2012
Bei vielen hochgradig komplexen Problemen in der Politik führt nüchternes Abwägen sachlicher Argumente nicht zu eindeutigen Lösungen. In solchen Fällen müssen Politiker Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Das gilt erst recht dann, wenn Wertvorstellung die Grundlage für Entscheidungen sind.
Der Namensbeitrag ist in ähnlicher Fassung im "Spektrum der Wissenschaft - Spezial" 1/2012 erschienen.
Weitere Information zum Spektrum-Spezial "Wie entscheiden wir? Im Widerstreit zwischen Vernunft und Bauchgefühl"
Vorausgeschickt sei, dass im Folgenden gemäß dem allgemeinen Sprachgebrauch mit „Kopf“ ein Entscheidungsort gemeint ist, in dem das Für und Wider einer Sache auf geordnete Art und Weise gegeneinander abgewogen und schließlich eine Alternative gewählt wird, bei der sich für jeden nachvollziehbar angeben lässt, welche sachlichen Überlegungen dahinter stehen. Unter „Bauch“ hingegen wird ein unklares Gemenge von gefühlsmäßigen Beweggründen verstanden, das zu Entscheidungen führt, die weder derjenige, der sie gefällt hat, noch seine Mitmenschen im einzelnen verstehen können. Der Kopf steht also für die rein logische Ratio und der Bauch für Intuition und im besten Falle für „Risikointelligenz“ – ein treffender Begriff für gute Entscheidungen in riskanten oder gefährlichen Situationen, den die Sachbuchautorin Brigitte Witzer geprägt hat.
Politische Entscheidungen im engeren Sinne sind Wertentscheidungen, die nur die Politik legitimiert treffen kann, da es kein absolutes „richtig“ oder „falsch“ gibt. Ob ein bestimmter Steuertarif als „richtig“ oder „falsch“ empfunden wird, hängt von individuellen wie gesellschaftlichen Werturteilen ab – zum Beispiel darüber, ob es gerecht ist, Gutverdienende stärker zu belasten als arme Schlucker. Oder ob es umgekehrt nur recht und billig ist, Leistungsträger dafür zu belohnen, dass sie schwer gearbeitet haben, und ihnen nicht die Motivation zum sich anstrengen zu rauben, indem der Staat den größten Teil ihres Einkommens für sich behält.
Für Wertentscheidungen ist nicht der Kopf zuständig, sondern der Bauch. Man kann die Werte, die man verfolgt, zwar unter Umständen rational erklären. Am Ende aber kommt es darauf nicht an. Vielmehr fühlen wir uns bei einer Bauch-Entscheidung einfach wohler als bei einer, die nüchternem Kalkül entspringt. Und dies gilt ganz besonders bei unübersichtlichen, d. h. riskanten oder gefährlichen Entscheidungen. Zwar propagiert unsere Erziehung kopflastiges Handeln als Ideal und verteufelt Gefühle als störend bei der Suche nach der richtigen Entscheidung. Das ändert aber nichts daran, dass der individuelle Entschluss, bestimmte Werte zu verfolgen, nur aus dem Bauch heraus getroffen werden kann.
Trotzdem sollten politische Entscheidungen selbstverständlich auf gut gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Das ist wichtig, um handwerkliche Fehler zu vermeiden, die dazu führen, dass die angestrebten Ziele verfehlt oder auf dem Weg dahin Mittel sinnlos verschwendet werden. Politik sollte Ziele effektiv und sparsam erreichen. Insofern ist eine wissenschaftliche Politikberatung sinnvoll, die den Kopf einsetzt. Freilich kann der Verstand nicht als Leitlinie bei echten, nämlich wertgebundenen politischen Entscheidungen dienen – und die Volkswirtschaftslehre ebenso wenig: Sie bleibt wegen des Sparsamkeitsgebots zwar immer unverzichtbar, weil es außerhalb des Paradieses unvernünftig ist, Gelder sinnlos auszugeben, die man besser dazu einsetzen könnte, ungestillte Bedürfnisse zu befriedigen. Aber Sparsamkeit ist eine echte Sekundärtugend. Sie bemisst sich immer nur daran, welches Ziel es zu erreichen gilt.
An dieser Stelle möchte ich ein grundsätzliches Problem der Kopf-Arbeiter der Volkswirte ansprechen. Sie betreiben in aller Regel Grundlagenforschung, die auf besonderen Annahmen und speziellen Datensätzen beruht. Dessen ungeachtet neigen Volkswirte dazu, die erzielten Ergebnisse, die zweifellos interessant und wichtig, wegen der Voraussetzungen aber oft nur stark eingeschränkt gültig sind, vorschnell auf die Wirtschaftspolitik zu übertragen. Dieser menschlich verständliche Eifer kann gründlich in die Irre führen; denn auch die am besten abgesicherten Ergebnisse, selbst wenn ihnen natürliche Experimente zu Grunde liegen, lassen sich keineswegs immer verallgemeinern. So ist es nicht möglich, um ein Beispiel zu nennen, aus Erfahrungen mit der Einführung von Mindestlöhnen in wenigen US-Bundesstaaten generelle Kausalbeziehungen abzuleiten oder zu widerlegen und diese Erkenntnisse unmittelbar auf Deutschland zu übertragen. Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich nur davor warnen, Forschungsergebnisse, und seien sie noch so brillant, mit Hilfe gewagter „Brückenhypothesen“, die oft noch nicht einmal ausdrücklich genannt werden, zu generalisieren und der wissenschaftlichen Politikberatung zu Grunde zu legen. Das ist fahrlässig und gelegentlich höchst gefährlich.
Neben dem Grundsatz-Problem der Werturteile gibt es aber noch eine zweite, nicht weniger fundamentale Schwierigkeit bei politischen Entscheidungen (wie bei fast allen größeren Entscheidungen im Laufe eines menschlichen Lebens): Viele Probleme lassen sich zwar grundsätzlich wissenschaftlich untersuchen, also Kopf-Kalkulationen und -Beurteilungen zugänglich machen, aber im realen Leben reicht die Zeit meist nicht aus, große Probleme derart gründlich zu durchdringen. Man denke nur an den Klimawandel: Politiker müssen über Klimapolitik hier und heute entscheiden, obwohl sie nicht genau wissen, wie sich die globale Erwärmung in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird und welche Gegenmaßnahmen auch unter wirtschaftlichen Aspekten am wirksamsten sind. Für diese in der Politik durchaus typische Situation lehrt die Erfahrung, dass nicht unbedingt der angesehenste Grundlagenforscher aus den vorliegenden spärlichen und speziellen Befunden die besten Empfehlungen ableiten kann, sondern ein auf Bauch-Beratung spezialisierter Pragmatiker. Dieser Pragmatiker greift im Idealfall auf sehr viel Sachwissen zurück – aber am Ende fügt er das Entscheidungs-Puzzle mit Bauchgefühl zusammen.
Dass es sich nicht unbedingt empfiehlt, die Erkenntnisse der „klügsten Köpfe“, also die neusten volkswirtschaftlichen Forschungsergebnisse, ungeprüft umzusetzen, lässt sich allein schon an einem einfachen Faktum erkennen: Die Volkswirtschaftslehre entwickelt sich nach wie vor weiter. Nur dann, wenn kein Fortschritt mehr zu erwarten wäre, könnte man den aktuellen Ergebnissen einer Disziplin blindlings vertrauen. Sofern jedoch weitere Erkenntnisse zu erwarten sind, was die unvermindert intensiv forschenden Volkswirte ja für sich reklamieren, darf man sich offenbar auch auf den neuesten Forschungsstand nicht vorbehaltlos verlassen. Schließlich könnte er sich ja morgen als falsch oder zumindest unvollständig erweisen.
Die Fortschritte auf dem Gebiet der Institutionenökonomik, welche die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen wie der Rechtsordnung oder wirtschaftlicher Organisationsformen untersucht, sind ein Beispiel. Über die traditionelle nichtmathematische und vorempirische Ordnungspolitik hinaus wissen wir heutzutage viel besser, wie Märkte funktionieren (oder auch nicht) und wie man sie im Detail regulieren sollte, als vor einem halben Jahrhundert. Dies hat aber in den 1950er Jahren Wirtschaftswissenschaftler nicht davon abgehalten, „letzte Wahrheiten“ zu verkünden und die Politik für angeblich kurzsichtige und sachfremde Entscheidungen zu tadeln oder gar zu beschimpfen.
Es ist nicht zu erwarten – im Gegenteil: die Volkswirte prognostizieren es ja –, dass der jetzige Kenntnisstand der Volkswirtschaftslehre in 20 oder 30 Jahren noch gelten wird. Entsprechend vorsichtig muss eine rationale Politikberatung sein. Es wäre leichtsinnig, nur den klügsten Köpfen zu folgen. Ja es wäre sogar leichtsinnig, einzig und allein der Volkswirtschaftslehre zu folgen. Ansätze anderer Disziplinen, etwa politikwissenschaftliche und soziologische sowie zunehmend auch psychologische Einsichten, müssen auf ihre Relevanz für die Wirtschafts- und Sozialpolitik geprüft und gegebenenfalls berücksichtigt werden.
Als Resümee all dieser Überlegungen bleibt die Schlussfolgerung, dass es in der Politik – wie im menschlichen Leben insgesamt – jede Menge Raum für Bauch-Entscheidungen gibt. Das betrifft Fragen, die Werturteile beinhalten, aber auch komplexe Sachverhalte. Welches Konjunkturprogramm wäre wirksam? Wie lässt sich vermeiden, dass von dem massiv überschuldeten Griechenland ein Flächenbrand ausgeht? Solche Fragen lassen sich von der Natur der Sache her nicht mit absoluter Sicherheit durch rein rationale Überlegungen beantworten. Und es sind nicht die einzigen: In der Politik wimmelt es von Sachproblemen, die nur schwer analytisch, also mit dem Kopf, zu durchdringen und zu bewerten sind.
Gute Politiker sollten demnach - wie erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeiten - Bauch-Entscheider sein, die sich zuvor bei kopflastigen Mitarbeitern und Beratern schlau gemacht haben. Letztere können aber keine legitimen politischen Entscheidungen treffen, da diesen immer auch Wertmaßstäbe zu Grunde liegen. Und die sitzen nicht nur im Kopf, sondern mindestens zu gleichen Teilen auch im Bauch: Man weiß, was man persönlich für richtig oder falsch hält, ohne das im Einzelnen begründen zu können. Und bei schwierigen Sachentscheidungen, bei denen Prognosen über das Ergebnis ungewiss sind, kommen Politiker ohnehin nicht an Bauch-Entscheidungen vorbei. Dann ist „Risikointelligenz“ gefragt.
Das heißt natürlich nicht, wie noch einmal ausdrücklich betont sei, dass man sachliche Argumente einfach ignorieren sollte. Im Gegenteil: Unumstößliche Tatsachen sind anzuerkennen, sonst ist das Scheitern vorprogrammiert. In diesem Zusammenhang hilft es, wenn Politiker ein Gespür dafür haben, was gute oder schlechte Analysen sind und zwischen beiden unterscheiden können. Nachdem alle Fakten und Faktoren angemessen gewürdigt sind, muss bei komplexen Problemen zum Schluss aber der Bauch entscheiden. Dabei spielen neben den eigenen Werturteilen („Was möchte ich erreichen?“) vor allem auf Erfahrungswissen aufbauende Intuition und letztendlich auch Glück eine Rolle.
Deswegen ist es für Politiker wie für Unternehmensgründer bzw. auf Dauer erfolgreiche Unternehmer unumgänglich, dass sie bereit sind, Risiken einzugehen. Wer allzu lange abwägt, den überholen die Probleme. Für Unternehmer ist dies recht gut erforscht. Verwiesen sei auf historische Arbeiten, wie sie zum Beispiel der Princeton-Historiker Harold James vorlegt. Oder auf moderne volkswirtschaftliche Analysen, wie sie zum Beispiel Marco Caliendo (Institut Zukunft der Arbeit, Bonn) und Mitautoren vorlegen.
Die Kunst von dynamischen Unternehmern wie von Spitzenpolitikern besteht darin, zu wissen, wann das Abwägen ein Ende haben und etwas gewagt werden muss. Im Extremfall hat bei völlig unübersichtlichen Problemen wie der Konjunkturpolitik sogar ein gewisses Ausmaß an Irrationalität das Potenzial, neuen, kreativen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Diese Ansicht vertritt jedenfalls der Ökonom und Soziologe Michael Hutter vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
Auf der Grundlage meiner persönlichen Erfahrungen halte ich es für ratsam, in der Politik die eigentlichen Entscheidungsträger nicht mit den Alltagspolitikern und insbesondere den Mitarbeitern in Ministerien, Verbänden und Parteien sowie (wissenschaftlichen) Beratern in einen Topf zu werfen. Diese Gruppen entscheiden nämlich jeweils anders. Aber eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie haben ein riesengroßes Interesse an der Faktenlage. Kein Akteur im Politikbetrieb möchte von Tatsachen, die er hätte wissen können, überrascht werden. Insofern spielen der Kopf und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur konzeptionell, sondern auch faktisch in der Politik eine nicht zu ersetzende Rolle.
Nach meinen eigenen Erfahrungen besteht jedoch zwischen gewählten (Spitzen-)Politikern einerseits und Mitarbeitern und Beratern andererseits in einem Punkt eine erhebliche Diskrepanz: Mitglieder des Stabs, oft handelt es sich dabei um Fachbeamte, sind viel weniger risikofreudig als ihre Chefs. Dies gilt auch für (wissenschaftliche) Berater. Während diese sich von komplexen Sachproblemen eher lähmen lassen, haben Politiker die Courage, den Gordischen Knoten einfach zu durchschneiden – und die damit verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen.
Beispiele für risikofreudige Spitzenpolitiker gibt es in der Weltgeschichte zuhauf. Viele waren geradezu Hasardeure (von Alexander dem Großen, über Napoleon bis hin zu Kaiser Wilhelm II)). Mut zum Risiko bringt in vordemokratischen Gesellschaften den Erfolgreichen ja auch reichen Lohn. Über die gescheiterten Risikospieler in der Vergangenheit wissen wir freilich wenig, da bekanntlich die Sieger die Geschichte schreiben (lassen). Aber auch heutzutage gehen Spitzenpolitiker noch große Risiken ein. Manchmal ist das auch im privaten Bereich zu beobachten; man denke etwa an Bill Clinton.
In der jüngeren deutschen Geschichte hat Helmut Kohl große Bereitschaft zum Risiko bewiesen, als es um die Wiedervereinigung Deutschlands ging. Das steht nicht unbedingt im Widerspruch dazu, dass er in der Innenpolitik auch versucht hat, Probleme durch „Aussitzen“ gewissermaßen risikoavers zu lösen. Geradezu legendär sind inzwischen die Bauch-Entscheidungen von Gerhard Schröder. Angefangen von der „Agenda 2010“ – auch wenn diese vom Beamtenapparat im Kanzleramt vorbereitet war – bis hin zu dem Entschluss, durch ein konstruiertes konstruktives Misstrauensvotum den Bundestag auflösen zu lassen und Neuwahlen herbeizuführen. Diese Wahlen hat Schröder zwar knapp verloren, aber immerhin konnte er seine Partei an der Regierung halten.
In der allerjüngsten Geschichte liefert Ex-Bundespräsident Horst Köhler einen Beleg dafür, dass Fachbeamte mehr auf Sicherheit bedacht sind als (Spitzen-)Politiker. Köhler prägen die 17 Jahre von 1976 bis 1993, in denen er als Mitarbeiter in verschiedenen Ministerien tätig war. Im Amt des Bundespräsidenten scheiterte er dann letztlich wohl – nach allem was wir wissen – an seinem Beamtenethos, das ihn allzu vorsichtig und bedacht agieren ließ. Er hat sich von den Problemen, wie er sie sah, erdrücken lassen, statt einen Befreiungsschlag zu riskieren. Der Journalist Stefan Braun hat das in der Süddeutschen Zeitung so auf den Punkt gebracht: „Einer, der ihn die ganze Zeit begleitet hat, sagt heute, Köhler habe >das Spielerische in der Politik< nie verstanden“. Köhler fehlte also genau jenes Persönlichkeitsmerkmal, das Spitzenpolitiker auszeichnet: die Bereitschaft, immer wieder auch ein riskantes Spiel zu spielen. Zugleich ging ihm das Verständnis dafür ab, dass Spitzenpolitik nur zu oft aus diesem Spielen riskanter Spiele besteht. Wobei die Spielanalogie auch insofern zutreffend ist, als erfolgreiche Profispieler, etwa beim Pokern, ihre Chancen sehr genau mit dem Kopf kalkulieren – was Politiker, wie oben ausgeführt, ja auch tun sollten und meist tun (lassen). Profi-Pokerer wie Spitzenpolitiker zögern dann aber auch nicht, hohe Risiken einzugehen.
Bis hierher habe ich nur Alltagsbeobachtungen wiedergegen, über persönliche Erfahrungen berichtet und eigene Schlussfolgerungen in Form von Thesen dargelegt. Abschließend möchte ich meine Aussagen nun auch noch mit empirischen Befunden auf einer transparenten wissenschaftlichen Grundlage untermauern. Sie basiert auf einer Analyse zur Risikofreude von politisch interessierten Menschen. Die Daten beruhen auf jener alljährlich durchgeführten repräsentativen Erhebung in der deutschen Bevölkerung, die als „Sozio-oekonomisches Panel“ (www.diw.de/soep) bekannt ist. Trotz der ungewöhnlich großen Anzahl von mehr als 20|000 befragten Erwachsenen enthält die Stichprobe aber nicht genügend aktive Politiker, Mitarbeiter und hohe Ministerialbeamte, als dass es möglich wäre, deren Risikoeinstellung quantitativ zu analysieren. Deshalb müssen an ihrer Stelle jene Teilnehmer herangezogen werden, die sich als politisch interessiert bezeichnen.
Beim SOEP von 2010 gab es auf die Frage „Wie sehr interessieren Sie sich für Politik?“ die Antwortmöglichkeiten „sehr stark“, „stark“, „nicht so stark“ und „überhaupt nicht“. Jeweils 13 Prozent der Befragten gaben „überhaupt nicht“ oder „stark“ an. Dazwischen lag fast die Hälfte – 46 Prozent – mit „nicht so stark“. Nur 8 Prozent erklärten sich als „sehr stark“ interessiert. Diese Gruppe, zu der die relativ kleine Zahl der ehrenamtlichen und professionellen Politiker gehört, bildet also eine krasse Minderheit in der erwachsenen Bevölkerung.
Die SOEP-Frage zur Risikobereitschaft lautete: „Wie schätzen Sie sich persönlich ein: sind Sie im Allgemeinen ein risikobereiter Mensch, oder versuchen Sie Risiken zu vermeiden?“. Die Skala der möglichen Antworten reichte von null (gar nicht risikobereit) bis zehn (sehr risikobereit), wobei die fünf genau in der Mitte der elf Werte liegt, zwischen denen die Befragten auswählen konnten. Streng genommen darf man bei einer solchen Skala das arithmetische Mittel nicht berechnen; denn es ist keineswegs klar, ob die Befragten die Abstände zwischen den einzelnen Werten – beispielsweise zwischen null und eins sowie neun und zehn – als gleich groß ansehen. Doch hat sich in vielen Analysen gezeigt, dass Menschen bei Skalen mit mehr als vier Antwortvorgaben ihre Wahl in einer Weise treffen, die es erlaubt, den arithmetischen Mittelwert als sinnvollen Indikator zu benutzen.
Bei der SOEP-Erhebung zur Risikobereitschaft der Menschen in Deutschland ergab sich für den Durchschnitt aller Befragten ein Wert von 4,3. Demnach war die Mehrzahl der Befragten eher risikoscheu. Das deckt sich mit dem, was man aus vielen Alltagssituationen kennt oder gemeinhin lesen kann und wofür auch immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen Belege liefern: Die meisten Menschen meiden allzu hohe Risiken. Andernfalls wäre die Menschheit wohl auch schon längst ausgestorben.
Schlüsselt man nun die durchschnittliche Risikobereitschaft nach dem politischen Interesse auf, so zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den jeweiligen Gruppen: Die politisch „überhaupt nicht interessierten“ Befragten offenbaren mit einem Mittelwert von 4,0 eine weit geringere Risikofreude als die politisch „sehr stark“ interessierten, die mit 4,8 immerhin fast die Mitte der Skala erreichen, also im Durchschnitt beinahe als „risikoneutral“ zu bezeichnen sind. Die politisch nur „stark“ Interessierten liegen mit einem Mittelwert von 4,5 und die „nicht so stark“ Interessierten mit einem von 4,2 zwischen den beiden Extremen.
Das Ergebnis zeigt also klar: Mit dem politischen Interesse steigt die Risikofreude. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass besser Gebildete eher Risiken eingehen – was an ihrer Erziehung, aber auch an einer im Durchschnitt höheren materiellen Sicherheit im Elternhaus liegen dürfte – und höhere Bildung wiederum politisches Interesse fördert. Desgleichen sind Männer nicht nur risikofreudiger als Frauen, sondern auch stärker an Politik interessiert (einer der Gründe für ihre weiterhin bestehende Dominanz im Politikbetrieb). Doch all das ändert nichts an dem generellen Befund, dass politisch sehr Interessierte überdurchschnittlich stark dazu neigen, Risiken einzugehen. Diese Erkenntnis aber hilft, zu erklären, warum sich Politiker dadurch auszeichnen, bei schwierigen Problemen auch riskante Entscheidungen zu treffen.
Noch deutlicher wird der Zusammenhang, wenn man die Antworten im Detail betrachtet. Dann zeigt sich, dass von den Personen mit der höchsten Risikobereitschaft (einem Wert von zehn) 15 Prozent politisch „sehr interessiert“ sind – knapp doppelt so viele wie in der Gesamtheit aller Befragten. Auch wenn man die weniger Extremen mit einbezieht und alle hochgradig Risikobereiten (mit Werten zwischen acht und zehn) zu einer Gruppe zusammenfasst, fällt der Anteil der politisch sehr stark Interessierten mit 13 Prozent immer noch weit überdurchschnittlich aus.
Diese repräsentative Analyse bestätigt also meine eigenen Überlegungen und die Schlussfolgerungen aus meinen Erfahrungen mit der Politikberatung. Die risikofreudigen Bauch-Entscheider sind in der Politik überdurchschnittlich vertreten. Und das ist auch gut so – um es mit den Worten des Berliner Bürgermeisters zu sagen, der damit ein seinerzeit durchaus riskantes Bekenntnis seiner sexuellen Orientierung abgab. Risikofreude und damit verbundene Bauchentscheidungen sind für Spitzenpolitiker gut, weil politische Fragen mit ihren vielen Facetten und ihrer meist unüberschaubaren Komplexität sich nicht mit dem Kopf allein entscheiden lassen.
Angesichts der großen Probleme der Welt können wir froh sein, dass es risikobereite Bauch-Politiker gibt. Die meisten von uns sind vor allem auf Sicherheit bedacht und scheuen das Wagnis. Von den schwierigen Entscheidungen, vor denen die Politik oft steht, würden wir Normalbürger gelähmt. Die Arbeitsteilung zwischen Politik-Profis und dem gemeinen Volk hat also durchaus ihre Berechtigung und ihren tieferen Sinn.
AUF EINEN BLICK
Gert G. Wagner ist Vorstandsvorsitzender des DIW Berlin und Vorsitzender des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten. Er gehört auch der Enquete Kommission „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags an.
QUELLEN
Bös. N.: Ich will hier rein. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 140/2011, S. C1
Braun, S.: Brüder im Amt. Süddeutsche Zeitung, 121/2011, S. 3
Brinkbäumer, K.: Traut Euch. Der Spiegel, 22/2011, S. 120-121
Caliendo, M. et al., Selbständige sind anders: Persönlichkeit beeinflusst unternehmerisches Handeln. Wochenbericht des DIW Berlin, 11/2011, S. 2-8
Dohmen, T. et al.: Individual Risk Attitudes: Measurement, Determinants, and Behavioral Consequences, Journal of the European Economic Association, 3/2011, S. 522-550
Hutter, M., Das Potenzial des Irrationalen. WZB Mitteilungen, 132/2011, S. 7-9
James, H., Der Schöpfer. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 40/2011, S. 32
Witzer, B.: Risikointelligenz. Econ Verlag, Berlin 2011