Bericht vom 3. Juli 2012
Von Jürgen Gerhards, Michael Mutz und Gert G. Wagner
Der Namensbeitrag ist in ähnlicher Fassung im "Der Tagesspiegel" vom 03.07.2012 erschienen.
Am Ende der Fußball-EM 2012 hält das teuerste Team den Pokal in den Händen – wieder einmal. Auch in fast in allen Vorrunden-Gruppen und Finalspielen haben sich die Mannschaften durchgesetzt, die den höheren Marktwert für sich verbu-chen können. Mit der „Marktwertmethode“ konnte bei allen WM- und EM-Turnieren seit 2006 der Sieger richtig prognostiziert werden.
Die Leistung eines Fußballprofis lässt sich am Transferwert des Spielers auf dem Spielermarkt ablesen. Je höher der Marktwert ausfällt, umso größer sind die Erwartun-gen an das Leistungsvermögen eines Spielers. Der Wert einer ganzen Mannschaft lässt sich als Summe der Marktwerte der einzelnen Spieler berechnen. Wir hatten mit Hilfe der Marktwerte der EM-Teams den Verlauf der Europameisterschaft prognostiziert (Tagesspiegel vom 31. Mai 2012). Nach dieser Logik sollten sich in den einzelnen Gruppen jene Mannschaften durchsetzen, die den höchsten Marktwert haben. Und auch den Sieger der EM konnten wir so voraussagen: Mit einem Gesamtwert von 658 Millionen Euro lag das spanische Team weit vor der Konkurrenz und besaß die höchste Wahrscheinlichkeit das Turnier zu gewinnen.
Schon in der Vorrunde sind größere Überraschungen ausgeblieben. Nur in Gruppe A hat sich Griechenland (Marktwert 84 Mio.) statt Russland (162 Mio.) durchgesetzt. Von den 24 Spielpaarungen der Vorrunde wurden insgesamt nur vier Begegnungen von den Teams mit dem geringeren Marktwert gewonnen.
Die Prognose von Spielen nach der Gruppenphase ist allerdings deutlich schwieriger. Zum einen wird im K.O.-System gespielt, so dass Kleinigkeiten das Aus bedeuten und nicht im nächsten Spiel kompensiert werden können. Zum anderen liegen die Markt-werte der verbliebenen Teams deutlich näher beieinander, die Mannschaften sind also leistungshomogener. Aber trotz der größeren Leistungshomogenität und der unkalku-lierbaren Zufallseinflüsse, die ein Spiel entscheiden können, haben sich auch hier in fünf von sieben Finalspielen die Teams mit dem höheren Marktwert durchgesetzt. Eines der beiden Spiele, wo die Marktwertmethode nicht funktioniert hat, war das Spiel Deutschland gegen Italien. Nach unserer Prognose hätte Deutschland gewinnen und ins Endspiel kommen müssen.
Am Ende aber hält – wie von uns prognostiziert – mit Spanien einmal mehr die teuerste Mannschaft des Turniers den Pokal in den Händen. Bereits zum vierten Mal in Folge ist es uns damit gelungen, den Sieger eines EM- oder WM-Turniers korrekt vorherzu-sagen. Im Grundsatz stimmt der Satz also: „Geld schießt Tore“.
Trotz der bitteren Niederlage gegen Italien dürfte der jungen deutschen Mannschaft die Zukunft gehören. Zur WM 2014 wird das DFB-Team wohl ein Durchschnittsalter von 27 Jahren haben. Einige Leistungsträger im spanischen Team sind hingegen deutlich älter: Würden Xavi, Iniesta und Xabi Alonso zur WM 2014 nicht mehr spielen, könnte die DFB-Auswahl durchaus das teuerste Team stellen. Und wir hoffen, dass sich die Marktwertmethode dann ein fünftes Mal bewährt.
Jürgen Gerhards ist Professor für Soziologie an der FU Berlin; Michael Mutz ist wis-senschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin; Gert G. Wagner ist Professor an der TU Berlin und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.