„Der soziale Aufstieg ist schwerer geworden“

Interview vom 18. März 2013

Volkswirtschaftler Gert G. Wagner über Armutsstatistiken und wie man sie richtig liest

Deutschland ist reich an Armutsstatistiken. Beinahe im Monatstakt erscheinen neue, alarmierende Berichte. Doch sind wir tatsächlich ein Land des Elends?

Darüber sprach DOMINIK WÜCHNER in einem Interview der Märkischen Oderzeitung mit Gert Wagner, Volkswirtschaftler und Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Herr Wagner, sind die Deutschen tatsächlich so arm, wie es ständig behauptet wird?

Das kommt darauf an. Armut ist ja kein wohldefinierter Begriff. In der Öffentlichkeit kursieren deswegen ganz unterschiedliche Zahlen. Da ist es hilfreich, wenn man einen internationalen Vergleich anstellt. Und da ist es so, dass wir nach wie vor im Mittelfeld liegen im Hinblick auf Einkommensungleichheit und Armut. Zwischen dem Jahr 2000 und 2005 sind Ungleichheit und Armutsgefährdung gestiegen. Seitdem aber nicht mehr.

Es ist also trotz aller Untergangsmeldungen in den vergangen fünf Jahren nicht wirklich schlechter geworden?

Richtig. Gerade die Medien, aber auch viele Wissenschaftler interpretieren gerne Nachkommastellen der Zahlen, die statistisch überhaupt nicht gesichert sind. Bis 2005 hat es einen Anstieg gegeben, das ist richtig. Aber danach wackeln die Zahlen lediglich ein wenig herum. Die Ausschläge nach oben und nach unten sind dabei jedoch kleiner als der statistische Zufallsfehler. Dieser entsteht, weil nicht die gesamte Bevölkerung untersucht wird, und das ist weltweit so, sondern nur Stichproben von etwa 10 000 Privathaushalten. Deswegen darf man die kleinen Unterschiede, die sich von Jahr zu Jahr gezeigt haben, nicht interpretieren.

Was versteht man eigentlich unter Armut?

Es ist ganz unterschiedlich. was verschiedene Menschen und Gesellschaften darunter verstehen. Nimmt man zum Beispiel die amerikanische Sozialhilfe, die ist viel niedriger als die deutsche, und für alle Bevölkerungsschichten gibt es in den USA auch keine Unterstützung. Dadurch hat man, gemessen am Bezug von sozialer Unterstützung, gewissermaßen automatisch weniger Arme als hier. Oft werden bei staatlichen Sozialleistungen also Äpfel mit Birnen verglichen. Um das zu vermeiden, werden in unseren Statistiken in der Regel sogenannte Armutsrisikoquoten ausgewiesen.

Was besagt diese Quote?

Statistiker, Ökonomen und Soziologen, die sich mit Einkommensarmut beschäftigen, haben sich weltweit für die Konvention entschieden, dass jemand, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat, als armutsgefährdet bezeichnet wird. In Deutschland liegt diese Armutsgrenze zurzeit unter 1000 Euro. Das ist aber eine reine Konvention. Man hätte genauso 40, 50 oder auch 70 Prozent als Grenze nehmen können.

15 Prozent der Deutschen gelten demnach als armutsgefährdet. Überhöhen solche Statistiken das Problem?

Dass es 15 Prozent der Bevölkerung materiell nicht besonders gut geht, kann man nicht bestreiten. Die Frage ist, ob man das mit dem Begriff Armut belegen muss. Man könnte genauso gut sagen, nur jemand, der Hartz IV oder irgendeine Grundsicherung bezieht, gilt als armutsgefährdet. Das wäre dann in der Regel auch ein niedrigerer Prozentsatz und vermutlich auch lebensnäher. International vergleichbar wäre dies dann aber eben nicht mehr. Vielleicht wäre es jedoch besser, wenn man die 60-Prozent-Quote als Niedrig-Einkommens-Quote bezeichnen würde. Dass aber von Armut gesprochen wird, liegt daran, dass in den 90er-Jahren, als Soziologen, Ökonomen und Sozialpolitiker das Thema auf die Agenda gebracht haben, mit dem Begriff Armut auch das politische Ziel verfolgt wurde, die Lebenssituation von Menschen mit niedrigen Einkommen zu verbessern. Deswegen wollte man mit dem Begriff „Armut“ Aufmerksamkeit schaffen. Ich glaube, das rächt sich inzwischen, weil das nicht in jedem Einzelfall plausibel ist.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Studenten etwa. Da kann man zwischen denjenigen unterscheiden, die noch zu Hause in einer Bedarfsgemeinschaft mit ihren Eltern leben und jenen, die ihren Weg mit wenig Geld allein gehen und rein materiell betrachtet meist arm sind. Welche Lebenssituation jetzt die bessere ist, muss jeder für sich selbst festlegen. Ich würde vermuten, dass es dem Studenten, der materiell nicht viel hat, aber nicht mehr zu Hause wohnt, besser geht. Statistisch gilt er aber als armutsgefährdet.

Eine andere Erkenntnis aus den vielen Studien scheint zu sein, dass die unteren Schichten zunehmend den Anschluss verlieren.

Es ist in der Tat so, dass es in den letzten 20 Jahren schwerer geworden ist, aus Einkommensarmut oder weniger privilegierten Lebenslagen herauszukommen. Und diese mangelnde Durchlässigkeit halte ich auch für eines der größten gesellschaftlichen Probleme. Denn wenn es erst mal eine abgehängte Gruppe gibt, wird es immer schwieriger, dieser zu helfen.

Woher kommt diese zunehmende Schieflage?

Es gibt in Ostdeutschland Gegenden, wo keine neuen Jobs entstehen, sondern es immer weniger werden. Und es ist uns nach wie vor nicht gelungen, die Kinder von Zuwanderern in Schule und Ausbildung so zu qualifizieren, wie das bei den meisten deutschen Kindern der Fall ist. Hinzu kommt, dass Eltern mit mittleren und überdurchschnittlichen Positionen – vor allem auch jene, die von der Nachkriegsdurchlässigkeit profitiert haben – alles versuchen, damit ihre Kinder und Enkelkinder nicht absteigen. Das sieht man unter anderem an dem Anstieg der Zahl von Privatschulen. Zu einer durchlässigen Gesellschaft gehört aber auch, dass der Nachwuchs auch absteigen kann. Sonst kann ja von unten keiner nachkommen.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn der Kontakt zwischen den einzelnen Schichten verlorengeht?

Das ist für alle gefährlich. Wenn wir uns Paris oder London anschauen, dann sehen wir gesellschaftliche Zustände, die uns in Deutschland, wenn jetzt nicht schnell und erfolgreich etwas beim Nachwuchs getan wird, auch drohen. Dabei ist jungen Leuten nicht geholfen, wenn Hartz IV um 50 Euro im Monat steigt.

Was wären wirksame Mittel, um dem entgegenzuwirken?

Im Jugendbereich muss man es zum Beispiel erleichtern, Schulabschlüsse oder Ausbildungen nachzuholen, auch wenn es vielleicht schon zweimal schiefgegangen ist. Wichtiger ist aber, dass der aktuelle Forschungsstand besagt, dass man Kindern so früh wie möglich helfen muss, wenn sie in Elternhäusern groß werden, die bildungsfern sind. Das heißt: Am besten schon vor dem Kindergartenalter.

Die CSU hat in der Regierung jedoch unlängst das als Herd-prämie verschriene Betreuungsgeld durchgedrückt. Steht das dem nicht entgegen?

Ja, dadurch steigt die Gefahr, dass die soziale Durchlässigkeit noch kleiner wird.

Gert G. Wagner, 60, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Berlin und Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er ist gegenwärtig unter anderem Vorsitzender der Zensus-Kommission, die die Volkszählung wissenschaftlich begleitet. Er war zudem Mitglied der Rürup- Kommission, die einen Teil der Agenda 2010 vorbereitet hat, und Mitglied im Wissenschaftsrat. 

„Der soziale Aufstieg ist schwerer geworden“  (PDF, 0.52 MB)

Der Interview wird mit freundlicher Genehmigung der Märkischen Oderzeitung auf der Website www.diw.de veröffentlicht. 

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