Herbstgrundlinien 2012

DIW Wochenbericht 40 / 2012, S. 3-43

Ferdinand Fichtner, Simon Junker, Guido Baldi, Jacek Bednarz, Kerstin Bernoth, Franziska Bremus, Karl Brenke, Christian Dreger, Hella Engerer, Christoph Große Steffen, Hendrik Hagedorn, Katharina Pijnenburg, Kristina van Deuverden u.a.

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Abstract

Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wird im zweiten Halbjahr 2012 an Schwung verlieren, im kommenden Jahr wird sie sich aber wieder etwas dynamischer entwickeln. Im Jahresdurchschnitt 2012 wird das reale Bruttoinlandsprodukt das Vorjahresergebnis um 0,9 Prozent übertreffen, im kommenden Jahr steigt es mit 1,6 Prozent. Die Expansion ist in erster Linie durch die binnenwirtschaftliche Dynamik getrieben; die moderate Schwächephase wird den Arbeitsmarkt nur wenig belasten. Die Arbeitslosenquote, die dieses Jahr auf knapp sieben Prozent gesunken ist, wird im Durchschnitt des nächsten Jahres wieder etwas über der Sieben-Prozent-Marke liegen. Dennoch werden die verfügbaren Einkommendeutlich expandieren, wodurch sich schließlich der private Konsum beleben wird. Die Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Krise im Euroraum sind zuletzt in Folge des Beschlusses der Europäischen Zentralbank, gegebenenfalls unbegrenzt Staatsanleihen an den Sekundärmärkten aufzukaufen, etwas zurückgegangen. Für die konjunkturelle Entwicklung in der Währungsunion wirkt dies stützend. Vor allem die Wirtschaft in den Krisenländern, aber auch im Euroraum als Ganzem, dürfte im kommenden Jahr trotzdem nur wenig wachsen. Auch global bleibt die konjunkturelle Dynamik zunächst gedämpft. Die in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften anhaltend hohe Arbeitslosigkeit sowie die Verschuldung der privaten und öffentlichen Haushalte belasten die wirtschaftliche Entwicklung. Die Schwellenländer bleiben deutlich hinter dem dynamischen Wachstum in den Vorjahren zurück. Allerdings dürfte dank anhaltend expansiv ausgerichteter Geld- und Finanzpolitik die Konjunktur zunächst in den Schwellenländern, im weiteren Verlauf dann auch inden fortgeschrittenen Volkswirtschaften wieder etwas an Tempo gewinnen. Auf die deutsche Konjunktur wirkt das schwächere weltwirtschaftliche Umfeld zunächst dämpfend; ab demkommenden Jahr sind aber wieder etwas kräftigere Impulse für den Außenhandel zu erwarten. Die Löhne dürften sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr merklich zulegen. Trotz zuletzt wieder anziehender Energiepreise wird die Inflationsrate im Prognosezeitraum wohl nahe der Zwei-Prozent-Marke bleiben. So ergeben sich trotz der zwischenzeitlich rückläufigen Beschäftigung merkliche Kaufkraftgewinne bei den Haushalten, die den privaten Konsum spürbar expandieren lassen dürften. Ab dem Jahreswechsel dürften auch die Investitionen wieder zulegen; im Umfeld der nachlassenden Unsicherheit in Zusammenhang mit der Finanzkrise, aber auch der sich weiter verbessernden Absatzmöglichkeiten, kommen die für Deutschland extrem günstigen Finanzierungsbedingungen wieder stärker zum Tragen. Der Außenhandel leistet dabei durchgehend einen positiven, aber recht geringen Wachstumsbeitrag, da die Exporte aufgrund der schwächeren Entwicklung der Weltkonjunktur an Schwung verlieren und die kräftigere Binnenwirtschaft den Import stärker anzieht. Auch in der mittleren Frist dürfte die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland von günstigen Finanzierungsbedingungen, Lohnzuwächsen und einer dynamischen Binnennachfrage geprägt sein. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss dürfte in den fünf Jahren des mittelfristigen Prognosezeitraums relativ zum Bruttoinlandsprodukt deutlich zurückgehen. Der öffentliche Gesamthaushalt wird 2012 und 2013 mit Überschüssen abschließen; in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt dürften sie in beiden Jahren bei 0,3 Prozent liegen. Dies resultiert vor allem aus der guten Entwicklung der staatlichen Einnahmen, aber auch auf der Ausgabenseite zeigt sich eine relativ geringe Dynamik. Der Bundeshaushalt ist allerdings noch deutlich unterfinanziert. Da im Zusammenhang mit der Finanzkrise noch erhebliche Risiken auf den Bund zukommen können, ist dies bedenklich.Der Konsolidierungsprozess ist daher noch nicht vollständig abgeschlossen.

The German economy will lose some of its momentum in the second half of the year, but pick up some speed again next year. In year-on-year terms, German GDP is expected to increase by a mere 0.9 percent in 2012 and 1.6 percent in 2013. Growth is primarily driven by domestic demand. The weakening of the economy in the second half of this year will have limited impact on labor markets, the unemployment rate will only increase slightly from 6.8 percent in 2012 to 7.1 percent in 2013. Hence, disposable income will grow at solid rates and support consumption of private households. Uncertainties surrounding the crisis in the euro area have slightly decreased after the ECB’s announcement to expand its stabilization activities on government bond markets. This should support economic developments in the euro area. However, growth will remain weak in the crisis countries in particular and in the euro area as a whole. In addition, global economic dynamics are weak. Persistently high rates of unemployment and high levels of sovereign and private debt continue to hamper economic development in many advanced economies. Growth in emerging economies will slow down compared to the high rates seen in previous years. However, monetary and fiscal policy remain expansionary there. This should stimulate growth first in emerging economies and subsequently in advanced economies. Weakening global demand is a drag on growth in Germany in the second half of this year; as of next year, an acceleration of the economic development is expected. Wages will increase substantially both this year and next year; inflation will remain close to two per cent. Consequently, the purchasing power of households is increasing, allowing private consumption to be a major driver of growth. Investment will increasingly contribute to growth in the course of next year; with decreasing uncertainties due to financial crisis as well as improving demand prospects, the extremely favorable financing conditions will gain in importance for investors. Compared to domestic demand, foreign trade is expected to have a moderate influence on economic growth, since exports are losing momentum due to a weak global economy and imports are increasing due to solid domestic demand. Over the medium term, economic developments in Germany will continue to be shaped by favorable financing conditions, solid wage developments, and strong domestic demand; the German current account surplus relative to GDP is projected to decline substantially over the five-year horizon. The general government’s budget is expected to show a surplus of 0.3 percent of nominal GDP in both years. Revenues are boosting public finances, while public spending will only increase slightly. While the general government’s financial position is improving, the German federal government is persistently facing high deficits. This is much more alarming as there are still substantial financial risks most notably those related to the crisis in the euro area. Therefore, the fiscal consolidation process in Germany is not yet completed.

Kerstin Bernoth

Stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung Makroökonomie

Simon Junker

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Franziska Bremus

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

Hella Engerer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

Themen: Konjunktur



JEL-Classification: E32;E66;F1
Keywords: Business cycle forecast, economic outlook
Frei zugängliche Version: (econstor)
http://hdl.handle.net/10419/67592