DIW Wochenbericht 34 / 1989, S. 403-409
Ulrich Weißenburger
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Die sowjetische Wirtschaft befindet sich in einer ernsten Umstellungskrise. Viele Elemente des alten Lenkungssystems wurden beseitigt, der Ersatz durch marktwirtschaftliche Steuerungsmechanismen ist noch nicht vollzogen. Der Haushaltsplan weist 1989 ein Defizit von 100 Mrd. Rubel (mehr als 10 vH des Bruttosozialprodukts) aus, das zu über einem Drittel durch Geldschöpfung finanziert wird. Es ist ein massiver Nachfrageüberhang entstanden, der offiziell auf 70 bis 80 Mrd. Rubel beziffert wird, inoffizielle Schätzungen sprechen sogar von 150 Mrd. Rubel. Die Versorgungslage verschlechtert sich immer mehr, selbst Waren des Grundbedarfs wie Zucker, Tee oder Seife sind knapp und vielerorts rationiert worden. Ursächlich dafür ist nicht zuletzt eine verfehlte Investitions- und Strukturpolitik. An der notorischen Vernachlässigung der Konsumgüter- und Nahrungsmittelindustrie hat sich auch unter Gorbatschow nichts geändert. Die Wirtschaftslage wird vor allem auch durch die widersprüchlichen und halbherzigen Reformen destabilisiert. Sie betreffen bis jetzt hauptsächlich die Mikroebene; die Rahmenbedingungen für die Betriebe haben sich kaum geändert. Es fehlt ein freier Handel mit Produktionsmitteln, die administrativ festgelegten Preise fördern Spekulation und Schattenwirtschaft. Die Bergarbeiterstreiks haben gezeigt, daß die Beschäftigten nicht länger bereit sind, die schlechten Lebensbedingungen und die Rechtlosigkeit der Betriebe hinzunehmen.
Themen: Konjunktur
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