Für hohe Vermögen in Deutschland spielen neben Selbständigkeit und Unternehmertum auch Erbschaften und Schenkungen eine große Rolle

Pressemitteilung vom 19. Oktober 2016

DIW-Studie beleuchtet die weltweit  bislang nur wenig erforschte Lebenssituation von Hochvermögenden

Auf Basis einer nicht repräsentativen Erhebung des DIW Berlin und der Universität Potsdam wurde die Lebenssituation von Hochvermögenden in Deutschland erstmals näher untersucht. Diese sind Personen in Haushalten mit einem Geldvermögen von mehr als einer Million Euro. Sie sind typischerweise männlich, im höheren Lebensalter und überdurchschnittlich gut gebildet. Die Erhebung wurde im Rahmen des 5. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durchgeführt. 

Neben Selbständigkeit und Unternehmertum spielen für hohe Vermögen Schenkungen und  Erbschaften eine große Rolle. Etwa drei Viertel der befragten Hochvermögenden über 40 kamen bereits in den Genuss einer Schenkung oder einer Erbschaft, 18 Prozent sogar zweier oder mehr. In der Bevölkerung insgesamt haben lediglich knapp über ein Drittel der über 40-Jährigen einen solchen Transfer erhalten. „Hochvermögende haben in der Regel mehrfach und dabei überdurchschnittlich hohe Beträge geerbt oder Vermögen geschenkt bekommen“, so DIW-Experte Markus M. Grabka, Ko-Autor der Studie. Die Hochvermögenden wurden nach relevanten Gründen für ihre Vermögenssituation gefragt. Die häufigste Antwort entfiel dabei mit zwei Dritteln auf Erbschaften und Schenkungen, gefolgt von Selbständigkeit beziehungsweise Unternehmertum. Ein Fünftel der reichen Frauen gab an, dass eine Heirat der Hauptgrund für die erreichte Vermögensposition war.

Die Studie zeigt auch, dass ein hohes Vermögen mit einem hohen Haushaltsnettoeinkommen einhergeht. Neben Geldvermögen halten Hochvermögende überdurchschnittlich häufig auch Betriebsvermögen. Ein weiteres Ergebnis ist, dass die untersuchten Hochvermögenden tendenziell zufriedener sind mit ihrem Leben als die Gesamtbevölkerung. Sie arbeiten viel und schreiben sich eine höhere Risikobereitschaft zu als der Durchschnitt.

Die Ergebnisse der Studie können Anlass sein darüber nachzudenken, ob die Erbschafts- und Schenkungsbesteuerung ein geeignetes Instrument ist, um in der Gesellschaft für mehr Chancengleichheit zu sorgen. „Ein Überdenken der gegenwärtig milden Erbschafts- und Schenkungssteuer halte ich persönlich für sinnvoll“, so Grabka, „in Deutschland ist die Vermögensungleichheit besonders hoch und die Erbschaftssteuer kann da als Korrekturinstrument dienen. Die jüngste Reform gewährleistet dies aber nicht und packt grundlegende Probleme nicht an.“          

Die Erhebung erlaubt einen Einblick in die Lebenssituation der Reichen in Deutschland, über die, im Gegensatz zu den Armen, in der Wissenschaft wenig bekannt ist. Um die Hochvermögenden mit der Gesamtbevölkerung zu vergleichen, wurden ihre Antworten den Daten der Befragung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) gegenübergestellt. Das SOEP ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft von Bund und Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung Menschen befragt. Zurzeit sind es etwa 30.000 Befragte in etwa 15.000 Haushalten. TNS Infratest führte auch die Erhebung bei Hochvermögenden durch.    

Links

  • DIW Wochenbericht 42/2016 (PDF, 0.74 MB)
  • Interview: "Erbschaften und Schenkungen sind maßgeblich für den Reichtumsaufbau der Hochvermögenden" - acht Fragen an Markus M. Grabka  (Print (PDF, 100.96 KB) und
    O-Ton von Markus M. Grabka
    Erbschaften und Schenkungen sind maßgeblich für den Reichtumsaufbau der Hochvermögenden - Acht Fragen an Markus M. Grabka

Themen: Verteilung

Markus M. Grabka

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel