Warum Bill Gates sich bei der Atomkraft irrt: Kommentar

DIW Wochenbericht 9 / 2021, S. 148

Christian von Hirschhausen

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Der Microsoft-Gründer und US-Milliardär Bill Gates hat in seinem neuen Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“, das Mitte Februar auch auf Deutsch erschienen ist, einige diskussionswürdige Lösungsvorschläge vorgelegt. Aber auch einige, die nicht unwidersprochen bleiben können. So plädiert der Amerikaner für die Nutzung von Atomkraft und meint, damit den Klimawandel effektiv bekämpfen zu können. Und das ausgerechnet zum zehnten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Auch wenn Bill Gates es gewohnt ist, recht zu haben: Diesmal irrt er sich gleich fünffach. Atomenergie ist für den Kampf gegen den Klimawandel ungeeignet.

Irrtum Nummer 1 besteht darin, dass Atomenergie zwar CO2-ärmer ist als fossile Energien, aber im derzeitigen Energiesystem keineswegs CO2-frei. Sowohl bei der Produktion der Kraftwerke als auch beim Abbau von Uran und beim jahrelangen Rückbau der Anlagen entstehen in erheblichem Umfang Treibhausgase.

Irrtum Nummer 2 sitzt Bill Gates auf, wenn er die vermeintlich größte Stärke der Atomkraftwerke in ihrem Grundlast-Beitrag sieht. Das klingt nach nützlicher Ergänzung im Energiemix, weil erneuerbare Energien in der Stromproduktion schwanken. Doch Atomkraft ist selbst eine Energiequelle mit großen Ausschlägen, nicht nur durch Unfälle, sondern auch wegen vielfältiger Ausfallzeiten im Normalbetrieb. Unser jüngster Wochenbericht hat gezeigt, dass im Schnitt weltweit Atomkraftwerke nur eine Kapazitätsauslastung von 70 Prozent haben. Häufig sind sie gar nicht am Netz – sei es wegen Brennstoffwechsel, Wartungen von Anlagen, gestiegener Sicherheitsanforderungen oder auch Störfällen.

Es gibt auch ohne Atomkraft schon ausreichend Flexibilitätsoptionen für eine sichere Stromversorgung. Wer Digitalisierung und Klimaschutz zusammendenkt, kombiniert Energie- und Lastmanagement, flexible Nachfrage und mittelfristig Stromspeicher, die in kürzester Zeit Schwankungen ausgleichen. Erneuerbare Energien sind flexible Teamplayer.

Bill Gates Irrtum Nummer 3 besteht darin, dass er meint, Atomenergie tauge als Friedenstechnologie. Im Gegenteil. Die Technik ist seit 80 Jahren vor allem aus militärischen Motiven wichtig, ob im Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg oder im Iran und in Nordkorea heute.

Auch die angeblich neue Technik der von Gates propagierten Reaktoren stammt aus den Anfängen militärischer Entwicklungen der Nachkriegszeit. Die redlichen Bemühungen internationaler Abkommen, das Problem der Atomwaffen zu minimieren, würden durch zusätzliche Atomkraftwerke konterkariert.

Irrtum Nummer 4 ist vielleicht der folgenschwerste: Auch die von Gates’ Unternehmen TerraPower propagierten Reaktorkonzepte sind nicht frei von Gefahren. Sie verwenden die Technologie des Schnellen Brüters, die von fast allen Ländern, die damit experimentierten, inzwischen aufgegeben wurde. Der Laufwellenreaktor benötigt Werkstoffe und Kühlmittel, die bis heute nicht kommerziell verfügbar sind. Und auch diese Reaktoren müssen irgendwann aufwendig zurückgebaut werden.

Und last but not least Irrtum Nummer 5: Die Kosten von Kleinreaktoren sind nicht niedriger, sondern höher. Deswegen hat man einst begonnen, Kernkraftwerke mit großen Leistungen zu bauen. Nur mit Subventionen oder staatlichen Geldern können Reaktoren gebaut werden. Bisher sind alle Atom-Startups nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwunden – aus immer denselben Gründen: Risiko, Müll und Kosten. In den Zeiträumen, die für Klimaschutz besonders wichtig sind, den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten, sind die von Gates verfolgten Konzepte irrelevant. Was zählt, ist die konsequente Umsetzung der Energiewende als komplexes Gemeinschaftswerk. Im Zusammenspiel liefern die erneuerbaren Energien all das, was Gates meint, nur mit einem gewissen Anteil an Atomkraft erreichen zu können: Versorgungssicherheit, Dezentralität, Klimaschutz und Frieden.

Mit Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

Dieser Beitrag ist am 16.02.2021 im Handelsblatt erschienen.

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