DIW Wochenbericht 35 / 2025, S. 523-524
Cornelia Kristen, Christian Hunkler, Sabine Zinn
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Migration gehört zu den drängendsten Themen unserer Zeit, insbesondere im Kontext von Fluchtzuwanderung und dem Fachkräftemangel im Zuge des demografischen Wandels. Neben der Steuerung der Fluchtmigration ist die Integration Geflüchteter zentral. Ihr Verlauf und Erfolg prägen maßgeblich das Leben der Zugewanderten und beeinflussen das gesellschaftliche Zusammenleben insgesamt.
Angela Merkels prägnante Äußerung „Wir schaffen das“ aus dem Jahr 2015 ist in Diskussionen über die Aufnahme von Geflüchteten immer wieder aufgegriffen worden. Sie öffnet den Blick auf verschiedene Aspekte der Integration. Folgerichtig wurden Bereiche wie Bildung, Arbeitsmarkt, soziale Kontakte und das Gefühl der Zugehörigkeit untersucht. Die Migrationsforschung belegt, dass Integration in den unterschiedlichen Bereichen nicht einheitlich oder in gleichem Tempo verlaufen muss. Zudem macht sie deutlich, dass Integrationsprozesse im Zeitverlauf verfolgt werden sollten, da sich frühe Entwicklungen von späteren Phasen unterscheiden können. Beispielsweise verläuft der Spracherwerb in der ersten Zeit nach der Ankunft häufig rasant, während spätere Fortschritte weniger bedeutsam und langsamer sind. Außerdem können frühe Entwicklungen die Grundlage für spätere Fortschritte legen. So verbessert ein schneller Spracherwerb die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen sowie Kontakte außerhalb der eigenen Herkunftsgruppe. Der zeitliche Verlauf der Integration in unterschiedlichen Bereichen verdient also besondere Betrachtung.
Der vorliegende Bericht greift daher Aspekte der Integration heraus, die erst nach längerem Aufenthalt sichtbar werden. Dazu gehört das Einbürgerungsverhalten, das eine bestimmte Aufenthaltsdauer voraussetzt. Auch Veränderungen im Willkommensgefühl oder die Betrachtung der zweiten Generation lassen sich nur langfristig untersuchen. Da inzwischen belastbare Daten vorliegen, lassen sich nun die Integrationsverläufe der Geflüchteten über einen längeren Zeitraum und auch über die ersten Jahre nach der Geburt ihrer Kinder nachverfolgen.
Im Bericht werden hierzu Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) Jan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 239 (2), 345–360; Miriam Gauer und Cornelia Kristen (2023): A guide to using the Socio-Economic Panel for research on individuals of immigrant origin. SOEP Survey Papers 1332, Series C. (online verfügbar; abgerufen am 12. August 2025. Dies gilt auch für alle anderen Onlinequellen dieses Editorials, sofern nicht anders vermerkt). und der darin integrierten IAB-SOEP-Migrationsstichprobe Herbert Brücker et al. (2014): The new IAB-SOEP Migration Sample: an introduction into the methodology and the contents. SOEP Survey Paper 216, Series C (online verfügbar). sowie der ebenfalls darin integrierten IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten Sie wird vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am DIW Berlin in Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie dem Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) durchgeführt. Herbert Brücker et al. (2025): Integration and Migration Dynamics: The Research Potentials of a Large-Scale Longitudinal Household Study of Refugees in Germany (im Erscheinen). European Sociological Review. Martin Kroh et al. (2016): Das Studiendesign der IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten. SOEP Survey Papers 365: Series C (online verfügbar). genutzt. Letztere beruhen auf Informationen zu Schutzsuchenden, die zwischen 2013 und 2020 nach Deutschland gekommen sind, vor allem in den Jahren 2015 und 2016. Sie werden mit anderen Zugewanderten ohne Fluchthintergrund, die eine ähnliche Aufenthaltsdauer aufweisen, sowie mit Personen ohne Zuwanderungsgeschichte verglichen.
Im ersten Bericht beschreiben Philippa Cumming und Ellen Heidinger, wie sich das Willkommensgefühl Geflüchteter und ihre Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit entwickelt haben: Geflüchtete fühlen sich seit 2018 immer weniger willkommen, während ihre Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit zunehmen. Diese Wahrnehmungen entwickeln sich parallel zur öffentlichen Debatte. Außerdem berichten Geflüchtete von Diskriminierungen, insbesondere aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres Herkunftslandes. Diskriminierung wird in Ostdeutschland bei der Arbeitsplatzsuche und im Arbeitsumfeld häufiger wahrgenommen als in den westlichen Bundesländern.
Der zweite Bericht von Jörg Hartmann rückt den Blick auf das Einbürgerungsverhalten. Immer mehr Geflüchtete sind bereits eingebürgert oder beantragen die deutsche Staatsbürgerschaft. Nahezu alle Geflüchteten, die diese noch nicht besitzen, streben sie an – ein deutliches Zeichen für langfristige Bleibeabsichten. Syrische Geflüchtete lassen sich dabei häufiger einbürgern als andere. Zudem behalten viele ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit – doppelte Staatsbürgerschaften sind unter Geflüchteten weit verbreitet. Dies liegt auch daran, dass einige Herkunftsstaaten die Aufgabe der Staatsangehörigkeit nicht erlauben oder unzumutbar gestalten. Außerdem belegt der Bericht, dass vor allem gute Deutschkenntnisse und die Partnerschaft mit einer bereits eingebürgerten Person die Chancen im Einbürgerungsverfahren erhöhen. Die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts 2024 wird aufgrund der Verkürzung der notwendigen Aufenthaltsdauer die Einbürgerungszahlen voraussichtlich erhöhen. Da zugleich die Anforderungen zur wirtschaftlichen Sicherung verschärft wurden, sollten davon vor allem höher qualifizierte Geflüchtete mit guten Deutschkenntnissen und stabilen Arbeitsverhältnissen profitieren.
Der dritte Bericht von Valeriia Heidemann und Sabine Zinn beschäftigt sich mit der frühen gesundheitlichen Entwicklung der in Deutschland geborenen Kinder von Geflüchteten. Beim Geburtsgewicht, der Größe bei der Geburt und der Häufigkeit von Kaiserschnitten zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zu Kindern anderer Zugewanderter sowie zu Kindern ohne Migrationsgeschichte. Auch das Stillverhalten der Mütter ähnelt sich. Im Kleinkindalter treten jedoch Entwicklungsverzögerungen in Sprache, Motorik und sozialer Entwicklung auf. Zudem ist Übergewicht ist bei Kindern Geflüchteter und auch anderer Zugewanderter stärker verbreitet als in der Vergleichsgruppe. Diese Probleme hängen vor allem mit sozialen Faktoren zusammen, nicht mit der Flucht- oder Migrationserfahrung.
Insgesamt verdeutlichen die Beiträge, wie wichtig es ist, mittel- und langfristige Aspekte der Integration zu betrachten. Nicht zuletzt der Blick auf die zweite Generation ist dabei von großer Bedeutung, da anzunehmen ist, dass viele Familien in Deutschland bleiben werden. Die Einbürgerungszahlen und -absichten stützen diese Annahme. Die Integration der Eltern beeinflusst die Chancen ihrer Kinder. Bildungserwerb und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Frauen und Männer sollten auch deshalb weiterhin unterstützt werden. Dies gelingt in erster Linie durch Qualifizierungsmaßnahmen wie Sprachkurse, nachgeholte oder zusätzliche Bildungsabschlüsse oder gezielte Weiterbildung. Frühkindliche Betreuung schafft nicht nur ein wichtiges Lernumfeld für die Kinder, sondern ermöglicht den Eltern, beruflich aktiv zu werden und sich weiterzubilden.
Bildung, stabile und qualifizierte Arbeitsverhältnisse erweisen sich nicht nur als wichtige Stellgrößen für die Zukunftschancen der zweiten Generation, sondern sind auch bedeutsam für das Zugehörigkeitsgefühl und die gesellschaftliche Teilhabe Geflüchteter. Die Einbürgerung ist ein wichtiger Baustein, um Teilhabe zu ermöglichen, während Diskriminierung und Ausgrenzung diese erschweren. Wahrgenommene Ablehnung stellen Geflüchtete und auch andere Zugewanderte vor besondere Herausforderungen.
Themen: Migration
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-35-1
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