Bericht vom 21. Oktober 2008
15. Oktober 2008
Die deutschen Schüler wissen zu wenig. Das ist spätestens seit dem PISA-Schock bekannt. Doch die Auseinandersetzung mit Ursachen und Gegenmaßnahmen mündet schnell in ideologisch geprägte Debatten. Was eine gute Schule ausmache, sei jedoch keine Glaubensfrage sondern eine Frage, „auf die man mit empirischen Fakten antworten kann“, betonte Ludger Wößmann, Bildungsökonom der Ludwig-Maximilians-Universität München und Bereichsleiter am ifo Institut. Beim Berlin Lunchtime Meeting am 15. Oktober 2008 im DIW Berlin hinterfragte er vermeintliche Grundwahrheiten im Zusammenhang mit dem deutschen Bildungssystem – und entlarvte viele von ihnen als Irrtümer.

Ludger Wößmann präsentiert Irrtümer des deutschen Bildungssystems
Foto: DIW Berlin
Von Mythen zu Fakten
Rangiert Deutschland erst seit PISA im Mittelmaß? Lernen Schüler in kleineren Klassen effizienter? Braucht das gegenwärtige Bildungssystem mehr Geld? Dreimal nein, meint der Experte. Die deutschen Probleme seien nicht neu, sondern seit über vierzig Jahren bekannt. Das belegen die Ergebnisse internationaler Vergleichstests seit den 60er Jahren. Auch die Forderung nach mehr Ressourcen oder kleineren Klassen ließe sich durch wissenschaftliche Studien nicht bestätigen. „Die Größe der Klasse hat keinen Einfluss auf die Schülerleistungen“, erläuterte Wößmann den Teilnehmern des Meetings.

Hilmar Schneider (links), Arbeitsmarktdirektor vom Bonner IZA und Research Affiliate des DIW Berlin, moderiert die Veranstaltung.
Foto: DIW Berlin
„Es fehlt nicht am Geld.“
Statt die Ausgaben für Bildung zu erhöhen, plädierte der Ökonom für einen zielgerechteren Einsatz der vorhandenen Gelder – etwa indem die am Bildungsprozess Beteiligten stärker zur Verantwortung gezogen würden. „Schüler, Lehrer, Eltern und Behörden brauchen größere Anreize für gute Schülerleistungen. Bessere Schulen bekommen wir erst, wenn engagierte Lehrer und solche, die nur Dienst nach Vorschrift leisten, nicht gleich dastehen“, argumentierte Wößmann.
Auch in Sachen Chancengleichheit bildet Deutschland ein trauriges Schlusslicht. Wößmann macht dafür den frühen Gang an die weiterführenden Schulen verantwortlich. Finnland, Schweden oder Kanada schicken ihre Schüler erst sechs Jahre später auf getrennte Schulzweige. Insbesondere benachteiligte Kinder hätten in diesen Ländern wesentlich bessere Bildungschancen, ohne dass das allgemeine Leistungsniveau leidet.
„Bildungschancen sind Zukunftschancen“, appellierte Wößmann an die Anwesenden. Mangelnde Bildung sei der Kern des europäischen Arbeitslosenproblems. Mit besseren Schülerleistungen steige nicht nur die individuelle Chance auf dem Arbeitsmarkt, sondern das gesamte Wirtschaftswachstum.
Berlin Lunchtime Meetings
Das Berlin Lunchtime Meeting ist eine gemeinsame Veranstaltung des DIW Berlin, des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), der Deutsch-Britischen Stiftung und des Centre for Economic Policy Research (CEPR).