DIW Wochenbericht 12 / 2026, S. 204
Alexander S. Kritikos, Erich Wittenberg
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Herr Kritikos, Sie haben die ökonomische Lage von Selbstständigen in Deutschland untersucht. Sind Selbstständige für das Alter ausreichend abgesichert? Diese Frage bildet den zentralen Aspekt unserer Studie. Wir konnten herausfinden, dass mehr als 90 Prozent der Selbstständigen aktiv für das Alter vorsorgen und einen erheblichen Teil ihres Einkommens zurücklegen, um im Alter auf diese Rücklagen zurückgreifen zu können.
Wie viele Selbstständige sind nicht abgesichert und um welche Gruppe handelt es sich dabei? Nach unserer Erhebung geben etwa sieben Prozent der Selbstständigen an, gar nicht für das Alter vorzusorgen. Das sind häufig Selbstständige, die sehr wenig verdienen und bei denen man davon ausgehen muss, dass sie derzeit aufgrund der geringen Verdienste keinen Spielraum haben, um etwas beiseitezulegen. Betroffen sind mehrheitlich Selbstständige mit einem monatlichen Nettoeinkommen von maximal 2000 Euro.
Wie viel legen Selbstständige im Durchschnitt für die Altersvorsorge zurück? Betrachtet man das über alle Einkommenskategorien hinweg, wird durchschnittlich mehr als ein Fünftel des Nettoeinkommens für das Alter beiseitegelegt. Bei Selbstständigen, die sehr viel verdienen, sind die Beträge für die Altersvorsorge zwar anteilig am Einkommen etwas geringer, also unter 20 Prozent; in absoluten Beträgen gesehen steigt aber die Bereitschaft zur Altersvorsorge auch bei ihnen mit steigendem Einkommen weiter an.
Welches sind die häufigsten Instrumente der Altersvorsorge bei Selbstständigen? Insgesamt unterscheiden wir nach drei Formen der Vorsorge. Das eine sind die obligatorischen Vorsorgeinstrumente wie die berufsständischen Versorgungswerke oder die gesetzliche Rentenversicherung, in die Selbstständige gegebenenfalls vor ihrer Selbstständigkeit eingezahlt haben und das teilweise auch weiterhin freiwillig tun. Zweitens gibt es die freiwillige flexible Altersvorsorge, wie Immobilien oder Aktien. Drittens gibt es die freiwillige periodische Altersvorsorge, zum Beispiel in Form einer Lebensversicherung. Die freiwillig flexible Altersvorsorge ist dabei die am häufigsten genutzte Altersvorsorge. Sie bietet Selbstständigen die Flexibilität, die sie benötigen, um selbst zu entscheiden, wie viel sie in Abhängigkeit ihres aktuellen Verdienstes beiseitelegen.
Welche Vorteile hätte eine Pflichtversicherung für Selbstständige? Für Selbstständige, die gar nicht vorsorgen und dadurch in die Grundsicherung zurückfallen könnten, wäre eine verpflichtende Altersvorsorge ein Instrument, das ein gewisses Mindestmaß an Absicherung im Alter ermöglicht. Damit könnten sie einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten im Alter bestreiten. Für den Staat hätte das den Vorteil, dass er nicht einen vollständigen Rückfall dieser Personen in die Grundsicherung finanzieren müsste.
Wie sollte aus Ihrer Sicht eine solche verpflichtende Altersvorsorge für Selbstständige gestaltet werden? Ich denke, eine verpflichtende Altersvorsorge für Selbstständige sollte zwei Komponenten umfassen. Die erste Komponente sollte Selbstständige mit geringen Einkünften, die bisher nicht vorsorgen, zur Altersvorsorge in angemessener und leistbarer Höhe verpflichten. Die zweite Komponente sieht vor, dass der individuelle Anteil der Altersvorsorge, den diese spezifische Gruppe der Selbstständigen nun selbst leisten muss, durch eine staatliche Unterstützungsleistung in gleicher Höhe ergänzt wird. Mit einem solchen Ansatz könnte ein Betrag angespart werden, der es gering verdienenden Selbstständigen ermöglicht, im Alter eine Rente zu beziehen, von der sie halbwegs auskömmlich leben könnten.
Themen: Unternehmen, Rente und Vorsorge
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-12-2
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