DIW Wochenbericht 32 / 1993, S. 429-433
Heiner Flassbeck
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Die Spannungen im Europäischen Währungssystem (EWS), die Anfang August den Übergang zu weitgehend frei schwankenden Wechselkursen herbeiführten, wurden vielfach damit begründet, daß Deutschland in dieser Phase des Einigungsprozesses höhere Zinsen haben müsse als die Partnerländer. Daher seien Spannungen oder sogar ein Auseinanderbrechen des EWS im Grunde unvermeidlich gewesen. Diese Argumentation ist nicht haltbar. Dabei werden in unzulässiger Weise die Entwicklung und die Effekte lang- und kurzfristiger Zinsen vermischt. Westdeutschland ist konjunkturell in einer ähnlich schwierigen Situation wie die europäischen Partnerländer, und die schwere Krise in Ostdeutschland ist nicht überwunden. Die Staatsdefizite sind zwar hoch, im internationalen Vergleich liegt Deutschland aber, was den Schuldenstand und was die laufenden Defizite betrifft, höchstens auf einem mittleren Platz. Der langfristige Zins ist nicht höher, sondern eher niedriger als in vergleichbaren Ländern. Außergewöhnlich ist lediglich, daß fast drei Jahre nach Beginn der weltweiten Konjunkturschwäche in Deutschland die Zinsstruktur noch immer invers ist, die kurzfristigen Zinsen also höher sind als die langfristigen.
Themen: Öffentliche Finanzen, Geldpolitik, Finanzmärkte
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