Sowjetunion: Wirtschaftskrise verstärkt Desintegration

DIW Wochenbericht 34 / 1990, S. 483-488

Ulrich Weißenburger

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Abstract

Fünf Jahre nach Beginn der Perestrojka gerät die sowjetische Wirtschaft mehr und mehr außer Kontrolle. Das Bruttosozialprodukt und die Industrieproduktion sind im 1. Halbjahr 1990 gesunken. Der seit zwei Jahren anhaltende Rückgang der Erdölförderung beeinträchtigt das Verkehrswesen und die Exportfähigkeit des Landes. Die im Jahresplan 1990 vorgesehenen Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung sind wirkungslos geblieben. Offiziell wird die Inflationsrate auf 7 bis 8 vH beziffert. Trotz sinkender Arbeitsproduktivität ist die Summe der Löhne und Gehälter gegenüber dem 1. Halbjahr 1989 um 12 vH gestiegen. Die Versorgungslage bleibt desolat, nahezu alle Güter werden mittlerweile als "defizitär" eingestuft. Die Notwendigkeit eines Übergangs zur Marktwirtschaft wird zwar von Staats- und Parteiführung betont, ein schlüssiges Reformkonzept gibt es bisher jedoch nicht. Die Situation wird dadurch erschwert, daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zunehmend Desintegrationstendenzen in der sowjetischen Volkswirtschaft begünstigen. Zahlreiche Regionen haben Konsumgüterlieferungen an andere Landesteile unterbunden und geben Waren nur noch an die eigene Bevölkerung ab. Mehrere Republiken streben die Einführung einer eigenen Währung und die volle wirtschaftliche Unabhängigkeit an. Mit einem neuen Unionsvertrag will die Zentralregierung den Zusammenhalt der Sowjetunion gewährleisten. Eine Expertengruppe aus der Gesamtunion und aus der Russischen Föderation soll bis September 1990 ein gemeinsames Programm für marktwirtschaftliche Reformen ausarbeiten. Die Aussichten, daß ein solches Programm verwirklicht wird, sind jedoch gering .


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