Die Furcht des Mannes vor der Gleichstellung

Blog Marcel Fratzscher vom 28. Dezember 2018

Dieser Beitrag ist am 28. Dezember in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Müssen wir Männer die Gleichstellung von Frauen fürchten? Als weißer, christlicher, deutschstämmiger, heterosexueller und gut ausgebildeter Mann in Deutschland könnte man kaum privilegierter sein und deshalb, so zumindest die Befürchtung vieler, von einer Gleichstellung der Geschlechter am meisten zu verlieren haben. Deshalb meiden viele Männer das Thema, wie der Teufel das Weihwasser. Dabei sind auch wir Männer Gewinner der Gleichstellung.

Privilegien sind unsichtbar für die Menschen, die privilegiert sind. Es ist nicht leicht, einzugestehen, dass das, was man in seinem Leben erreicht hat, nicht nur Folge eigener Entscheidungen und Anstrengungen ist, sondern in einem erheblichen Maße von Glück und den Lebensumständen abhängt – von Land, Zeit und Familie, in die man geboren wird; von Hautfarbe, Umfeld, und den vielen Menschen, die das eigene Leben prägen. Und eben vom eigenen Geschlecht.

Es lässt sich nicht leugnen, dass wir Männer viele Vorteile in der Gesellschaft und im Berufsleben genießen, was sich auf Status, Einfluss und die Rolle in der Familie auswirkt. Obwohl Männer heute keine bessere Bildung und Ausbildung als Frauen erlangen, so haben sie häufig einen deutlich besseren Berufseinstieg, in Berufen mit höheren Löhnen und besseren Aufstiegschancen. Durch die Dominanz von Männern an Schlüsselstellen im Berufsleben fällt es ihnen leichter, Netzwerke aufzubauen und sich Karrierechancen zu eröffnen.

Gleichstellung kann mehr Wettbewerb bedeuten

Diese Vorteile nehmen mit der Familiengründung nochmals stark zu, da Frauen häufiger längere Auszeiten nehmen und Staat und Gesellschaft sich alle Mühe geben, die Rückkehr in den Beruf zu erschweren – wie eine noch immer unzureichende Betreuungsinfrastruktur und etliche finanzielle und steuerliche Nachteile zeigen. Es ist daher nicht überraschend, dass Männer höhere Gehälter, bessere Karrierechancen, mehr Absicherung und höheren beruflichen Status genießen.

Ein Abbau dieser Hürden für Frauen kann deshalb von Männern leicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Gleichstellung bedeutet letztlich mehr Wettbewerb, schlechtere Karriere- und Aufstiegschancen, womöglich geringere Löhne und Einkommen. Mitunter verstehen Männer Gleichstellung aber auch als moralische Kritik. Denn wer möchte schon gerne hören, dass die eigenen Erfolge und Leistungen vielleicht nur deshalb möglich waren, weil man selbst Vorteile genossen hat? Es überrascht daher nicht, dass das Thema bei vielen Männern einen Nerv trifft.

Doch den vermeintlichen Nachteilen sollten die Vorteile einer wirklichen Gleichstellung gegenübergestellt werden. Erstens geht es um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen, auch der Männer, versteht unter Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, wenn die Leistungen eines jeden Menschen gleich respektiert und honoriert werden und wenn die Menschen alle ihre Grundbedürfnisse decken können. Dagegen empfindet es die große Mehrheit als ungerecht, wenn Erfolg mit Forderungen und Ansprüchen zusammenhängt. Wenn uns als Gesellschaft also Chancengleichheit so wichtig ist, dann sollte dies auch mit Bezug auf Frauen gelten.

Zweitens profitieren Männer wirtschaftlich massiv von der Gleichstellung. Der Wirtschaftsboom und damit auch die Lohnsteigerungen der vergangenen zehn Jahre gehen vor allem auf einen starken Anstieg der Beschäftigung von Frauen zurück. Immer mehr Frauen füllen wichtige Fachkräftelücken, gerade in sozialen Berufen, die erheblich an Bedeutung gewinnen. Der starke Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit spielt auch eine zentrale Rolle für die Sicherung unserer Sozialsysteme, die sonst bereits jetzt nicht mehr nachhaltig wären. Und Frauen machen Teams und Unternehmen erfolgreicher, weil sie oft andere Perspektiven einbringen und neue Optionen eröffnen können. Diversität ist eine große Stärke und schafft somit auch einen erheblichen wirtschaftlichen Mehrwert für alle, auch für Männer.

Drittens wollen viele Männer auch die Gleichstellung in der Familie stärken. Die große Mehrheit der Frauen arbeitet Teilzeit, viele wollen aber ihre Arbeitszeit erhöhen und eine Karriere verfolgen. Zugleich möchten viele Väter ihre Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Sie wünschen sich eine Partnerschaft auf Augenhöhe, mit einer paritätischen Verteilung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten mit ihren Partnerinnen. Immer mehr Männer lehnen das traditionelle Rollenbild ab, in dem der Mann der Haupternährer der Familie ist und ihren Partnerinnen im Berufsleben Hürden in den Weg gelegt werden.

All dies bedeutet nicht, dass Gleichstellung ein Zwang sein sollte. Ganz im Gegenteil, wirkliche Gleichstellung bedeutet letztlich mehr Freiheit, mehr Wahlmöglichkeiten nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, im Berufs- wie im Privatleben.

Jetzt ist die Politik gefragt. Von einer besseren Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur bis hin zum Abbau von steuerlichen Benachteiligungen und Fehlanreizen gibt es noch viel zu tun, auch wenn in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht wurden (wie beispielsweise beim Elterngeld oder dem Anrecht auf einen Kitaplatz).

Die größte Hürde für eine wirkliche Gleichstellung aber ist und bleibt die mangelnde Mentalität und Erkenntnis in unserer Gesellschaft, dass Gleichstellung im Sinne aller Menschen ist. Dabei geht es nicht nur darum, dass Frauen sagen, was sie wollen und was nicht. Auch die Männer müssen sich endlich stärker zu Wort melden und unterstreichen, dass auch sie von einer wirklichen Gleichstellung profitieren und diese einfordern.

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