Teilzeitarbeit ist ein überwiegend weibliches Phänomen: Interview

DIW Wochenbericht 46 / 2019, S. 851

Patricia Gallego Granados, Erich Wittenberg

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Frau Gallego Granados, wie hat sich der Anteil teilzeitbeschäftigter Frauen in den vergangenen Jahren entwickelt? Der Anteil teilzeitbeschäftigter Frauen in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Am höchsten ist er bei Frauen in Westdeutschland, wo wir für das Jahr 2017 eine Quote von fast 40 Prozent beobachten. Mitte der 1990er Jahre lag sie bei ungefähr 25 Prozent. In Ostdeutschland ist die Entwicklung ähnlich, allerdings auf einem niedrigeren Niveau. Da hatten wir Mitte der 1990er bei Frauen eine Teilzeitquote von ungefähr 15 Prozent; zuletzt lag sie bei 27 Prozent.

Ist die Teilzeiterwerbstätigkeit ein überwiegend weibliches Phänomen? Auf jeden Fall. Am klarsten beobachten wir das, wenn wir nach Altersgruppen unterscheiden. Da sehen wir, dass die Teilzeitquote bei jüngeren Frauen in ihren 20ern mit 25 Prozent am geringsten ist. Diese Quote steigt aber mit zunehmendem Alter stark an und erreicht ungefähr 40 Prozent bei Frauen ab 35 Jahren. Im Vergleich dazu arbeiten Männer deutlich seltener in Teilzeit. Und sie erhöhen ihrer Arbeitszeit im Gegensatz zu den Frauen sogar noch in der Phase der Familiengründung. Danach bleibt ihre Teilzeitquote konstant niedrig, während sie bei Frauen über das ganze Erwerbsleben hinweg hoch ist. Das spiegelt sicherlich auch die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit wider. Frauen schaffen, selbst wenn die Kinder bereits älter sind, sehr oft keine Rückkehr in die Vollzeitarbeit.

Welches Bild zeigt sich, wenn man nach dem Bildungsabschluss unterscheidet? Die Teilzeitquote hat am meisten zugenommen für Frauen mit niedrigen und mittleren Bildungsabschlüssen, also Frauen, die keinen Hoch- oder Fachhochschulabschluss haben.

Wie sieht es bei den Stundenlöhnen aus? Teilzeitbeschäftigte Frauen erhalten sowohl in West- als auch in Ostdeutschland im Durchschnitt etwa 20 Prozent geringere Stundenlöhne als Vollzeiterwerbstätige. Das ist ein besorgniserregendes Phänomen. Teilzeitbeschäftigung wirkt sich also immer stärker auf das Lebenseinkommen aus. Der sogenannte Part-time Wage Gap hat sich im Laufe der Zeit für Frauen in Westdeutschland verdoppelt. Im Osten ist die Entwicklung noch dramatischer. Da gab es diesen Unterschied Mitte der 1990er Jahre noch gar nicht. Trotzdem sind die Unterschiede heute so hoch wie in Westdeutschland.

In welchen Bereichen arbeiten die teilzeitbeschäftigten Frauen vornehmlich? Die Tätigkeiten, die in Vollzeit und Teilzeit ausgeübt werden, unterscheiden sich heute viel stärker als noch vor 30 Jahren. Es gibt heute mehr teilzeitbeschäftigte Frauen, die überwiegend manuelle Tätigkeiten ausüben, beispielsweise Reinigungskräfte. Unter den vollzeitbeschäftigten Frauen ist der Anteil von Frauen mit manuellen Tätigkeiten hingegen zurückgegangen.

Wie sieht es bei den höher qualifizierten Jobs aus? Der Anteil der Beschäftigten mit kognitiven, nicht routinemäßigen Aufgaben, beispielsweise in der Forschung und Entwicklung, ist unter den Vollzeitbeschäftigten höher als unter den Teilzeitbeschäftigten. Diese Entwicklung verläuft also genau entgegengesetzt zu den manuellen Tätigkeiten.

Müsste mehr getan werden, um wieder mehr Frauen in eine Vollzeitbeschäftigung zu bringen? Wir wissen aus früheren Studien des DIW Berlin, dass viele Frauen ihre Arbeitszeit gerne erhöhen würden. Deswegen ist das 2019 in Kraft getretene Rückkehrrecht in Vollzeit sehr zu begrüßen. Das muss jedoch begleitet werden, zum Beispiel durch den weiteren Ausbau der Kindertagesbetreuung, von Ganztagsschulplätzen und einer Reform des Ehegattensplittings.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Patricia Gallego Granados

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Staat