Ungleichheit auf hohem Niveau

Blog Marcel Fratzscher vom 19. Dezember 2019

Privates Vermögen ist in Deutschland sehr ungleich verteilt. Viele Menschen konnten trotz des Wirtschaftsbooms keines aufbauen. Was läuft falsch?

Kolumne

Dieser Beitrag ist am 17. Dezember 2019 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Eine neue Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft verkündet die frohe Botschaft, die Ungleichheit der Vermögen in Deutschland sei gesunken und es gebe kein Problem mit der Vermögensungleichheit. Das wäre erfreulich, aber stimmt das so? Vier Punkte sind wichtig für eine differenzierte Analyse.

Erstens ist der Zeitpunkt entscheidend, ab dem die Entwicklung der Ungleichheit betrachtet wird. Und hier gilt: Nicht in jedem einzelnen Jahr steigt die Vermögensungleichheit, aber der langfristige Trend seit 1993 bis heute zeigt einen deutlichen Anstieg. Die Kritiker nehmen gerne jedoch die Nullerjahre als Referenzzeitpunkt und finden, dass seitdem die Ungleichheit bei Vermögen nicht oder nur geringfügig gestiegen ist.

Das Problem daran ist nur, dass Anfang der Nullerjahre Deutschland in der Krise steckte: Mehr als fünf Millionen Menschen waren arbeitslos und die deutsche Wirtschaft lag am Boden. Vergleicht man die heutige Vermögensungleichheit mit derjenigen in einem Krisenjahr, kann man zu dem Schluss kommen, die Ungleichheit habe nicht zugenommen.

Finanzierung der Grundrente

Der zweite Punkt betrifft das Standardmaß zur Messung von Ungleichheit. Der häufig und auch in der Studie vom IW Köln verwendete Indikator basiert auf dem Gini, also der Verteilung über alle Haushalte hinweg. Die Autoren der IW-Studie ignorieren jedoch dabei, dass die unteren 40 Prozent nach wie vor praktisch kein Vermögen haben und sich daran auch in den letzten Jahrzehnten nicht viel geändert hat. Gleichzeitig ist das Vermögen der sehr Reichen kaum zu erfassen. So betont auch die Bundesbank in ihrer Studie, dass man die leichte Abnahme des Ginis zwischen 2014 und 2017 nicht als einen Rückgang der Ungleichheit interpretieren sollte, da man in der Studie weniger Hochvermögende hatte und somit die wirkliche Ungleichheit unterschätzt. Der Gini ist also nur bedingt aussagekräftig.

Der dritte Punkt betrifft die Interpretation: Kann man es wirklich als Erfolg werten, dass während des Wirtschaftsbooms und Beschäftigungswunders der letzten zehn Jahre die Ungleichheit der privaten Vermögen in Deutschland lediglich konstant geblieben ist? Viele Millionen Menschen – vor allem Geringqualifizierte und Menschen mit geringem Einkommen – haben in den letzten zehn Jahren Arbeit gefunden. Aber trotzdem reichte diese Entwicklung nicht aus, es ihnen zu ermöglichen, zu sparen und selbst private Vorsorge zu betreiben.

Dies ist letztlich auch das Resultat eines riesigen Niedriglohnsektors, in dem zuletzt 22 Prozent der deutschen Beschäftigten weniger als 10,80 Euro Stundenlohn (zwei Drittel des Median-Stundenlohns) verdienen, also zu wenig, um davon etwas sparen zu können. Kurzum, angesichts des Wirtschaftsbooms der letzten zehn Jahre ist die Tatsache, dass die Vermögensungleichheit nicht gesunken ist, eher ein Misserfolg.

Der internationale Vergleich ist ein weiteres Element, um die Ungleichheit der Vermögen in Deutschland einschätzen zu können. Und hier ist das Bild für Deutschland nicht gerade schmeichelhaft: Gemessen am Gini weist Deutschland innerhalb des Euroraums neben Lettland und Irland die höchste Vermögensungleichheit auf.

Kein Grund zur Entwarnung

All diese Faktoren geben also durchaus keinen Anlass zur Entwarnung. Ganz im Gegenteil. Die Vermögensungleichheit in Deutschland hat vielleicht nicht zugenommen, sie verharrt aber weiterhin auf einem sehr hohen Niveau.

Wenn in Deutschland die oberen zehn Prozent mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen, die untere Hälfte lediglich 1,3 Prozent, wenn fast jeder Fünfte im Niedriglohnsektor arbeitet, wenn vier von zehn Deutschen kein nennenswertes Vermögen bilden können – dann kann dies ein starker Sozialstaat nicht komplett abfangen. Es spiegelt vor allem die fehlenden Möglichkeiten vieler Menschen wider, selbst Vermögen aufzubauen. Es fehlt also nicht unbedingt am Willen der einzelnen, sondern an den fehlenden Chancen. Es bedarf also dringend einer anderen Vermögensbildungspolitik.

Ungleichheit ist nicht per se schlecht und muss nicht per se als ungerecht angesehen werden. In Deutschland empfindet jedoch die Mehrheit der Menschen die hohe Ungleichheit der privaten Vermögen als ungerecht und wünscht sich eine gleichere Verteilung. Es sind vor allem die schlechten Chancen für viele am Arbeitsmarkt, die geringe Chancengleichheit im Bildungssystem, die vielen Schulabbrecher und Geringqualifizierten und die geringen Aufstiegschancen für Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien, die die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen entscheidend mitbestimmen.

Zudem wird es für Menschen in Deutschland immer schwieriger, Vermögen aus eigenen Kräften aufzubauen. Bereits heute wird mehr als die Hälfte aller privaten Vermögen geerbt und eben nicht selbst erarbeitet – Tendenz stark steigend. Eine extrem ungleiche Erbschaftssteuer, bei der Menschen mit Erbschaften von über 20 Millionen Euro je nach Fall weniger als zwei Prozent, Menschen mit Erbschaften von weniger als 500.000 Euro jedoch fallweise mehr als zehn Prozent Erbschaftssteuer zahlen, ist nur ein Beispiel für die ungleiche Behandlung von Vermögen hierzulande.

Sowohl die im internationalen Vergleich sehr hohe Ungleichheit von privaten Vermögen in Deutschland, als auch die Tatsache, dass trotz Wirtschaftsbooms sehr viele Menschen in Deutschland kein Vermögen aufbauen können, ist ein ökonomisches, soziales und politisches Problem. Es beraubt viele Menschen ihrer Möglichkeit, eigenverantwortlich Vorsorge zu betreiben und die eigene Familie abzusichern. Es gibt also ganz und gar keinen Grund zur Entwarnung, sondern nach wie vor eine hohe Dringlichkeit, die Vermögensbildung vieler Menschen in Deutschland zu unterstützen und zu stärken. Schon gar nicht, sollte angesichts der IW-Studie der Eindruck entstehen, man könne die Bevölkerung in Sicherheit wiegen.

Themen: Verteilung