Der Faktor Angst kann schnell um sich greifen: Interview

DIW Wochenbericht 6 / 2020, S. 86

Max Hanisch, Erich Wittenberg

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Herr Hanisch, welche geopolitischen Faktoren könnten der deutschen Wirtschaft besonders zusetzen? Geopolitische Risiken sind definiert als unerwartete kriegerische Konflikte, Anschläge mit terroristischem Hintergrund und Spannungen zwischen Staaten, die den friedlichen internationalen Austausch bedrohen. Da es neben direkten Effekten, beispielsweise durch gestiegene Ölpreise, auch indirekte Effekte gibt, etwa wenn Konsum und Investitionen aus Angst vor einer weiteren Eskalation zurückgehalten werden, gibt es keine spezifischen Faktoren, die der deutschen Wirtschaft mehr zusetzen als andere.

Welche Bereiche der deutschen Wirtschaft wären von einem Anstieg dieser geopolitischen Risiken betroffen? Eine typische Reaktion auf einen geopolitischen Schock ist ein sprunghafter Anstieg der Ölpreise. Insofern sind es an erster Stelle die energieintensiven Industrien Deutschlands, die direkt betroffen sind. Zudem kann der Faktor „Angst“ schnell um sich greifen. Wenn Investitionsvorhaben aus Unsicherheit aufgegeben oder aufgeschoben werden, dann bedeutet das erstmal eine geringere Nachfrage. Da Deutschland sehr stark im Investitionsgüterbereich vertreten ist, kann uns dieses Verhalten empfindlich treffen.

Inwieweit hat sich das geopolitische Risiko in den letzten Jahren erhöht? Nach einer Phase relativer Ruhe, die nach dem Irakkrieg 2003 begann, sind geopolitische Risiken mit der Krim-Annexion durch Russland im Jahr 2014 wieder angestiegen. Darauf folgten dann unter anderem die IS-Attentate in Paris oder Berlin. Allein im Jahr 2019 gab es mit dem Anschlag auf die Ölraffinerie in Saudi-Arabien, Angriffen auf Öltanker in der Straße von Hormus oder den Studentenprotesten in Hongkong diverse Ereignisse, die als geopolitische Risiken gelten. Mit der Tötung des iranischen Generals durch die USA Anfang dieses Jahres ist der Index, der dieses Risiko misst, auf einen neuen Höchststand hochgeschnellt.

Ist die deutsche Wirtschaft anfälliger für geopolitische Risiken als andere große Volkswirtschaften? Die deutsche Wirtschaft gilt als offen, wir sind stark mit dem Ausland verflochten. Das macht uns empfänglich für Schwankungen, positive wie negative. Das bedeutet, dass ein sprunghafter Anstieg und die direkten und indirekten Folgen für uns bedeutsamer sind als für Länder, die nicht so sehr mit dem Ausland verknüpft sind.

Wie groß wären die Auswirkungen eines geopolitischen Schocks für die deutsche Wirtschaft? Das Modell quantifiziert den Effekt mit maximal minus 0,25 Prozent, der nach ungefähr sechs Monaten eintritt. Danach verblassen die Effekte schnell wieder. Insgesamt ist der Effekt damit relativ klein. Aber: es gibt ihn und er ist statistisch messbar. Es ist also für uns nicht irrelevant, wenn politische Konflikte entstehen; auch wenn sie weit weg sind.

Wie stark wäre der deutsche Finanzmarkt betroffen? Auch die Finanzmärkte zeigen eine Reaktion. Vor allem an den Börsen spielen Hoffnungen und Ängste eine große Rolle. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Kurse infolge eines geopolitischen Schocks sinken. Aber auch hier gilt: Der Effekt ist kurzlebig und verläuft sich schnell wieder.

Was könnte getan werden, um den Einfluss geopolitischer Risiken auf die deutsche Wirtschaft zu minimieren? Es kann von Vorteil sein, unsere Verbindungen mit dem Ausland weiter auszubauen. Je mehr Handelspartner wir haben, desto einfacher wird es, Nachfrageschwankungen auszugleichen. Wenn etwa ein Land besonders betroffen ist und deutsche Unternehmen die negativen Folgen spüren, dann ist es von Vorteil, wenn Alternativen zur Verfügung stehen. Diese alternativen Unternehmen können beispielsweise in Ländern beheimatet sein, die ihrerseits weniger mit dem Ausland verflochten sind und daher von den Schwankungen weniger stark betroffen sind.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

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