Pandemie stürzt Weltwirtschaft in tiefe Rezession: Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung im Sommer 2020

DIW Wochenbericht 24 / 2020, S. 408-418

Claus Michelsen, Guido Baldi, Geraldine Dany-Knedlik, Hella Engerer, Stefan Gebauer, Malte Rieth

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Die Folgen der Corona-Pandemie hinterlassen tiefe Spuren in der Weltwirtschaft. Im ersten Quartal sank die weltweite Produktion im Zuge des globalen Lockdowns um 15,3 Prozent. Da die Eindämmungsmaßnahmen in vielen Ländern vor allem in das zweite Quartal fielen, dürfte der Einbruch im ersten Halbjahr insgesamt noch gewaltiger ausfallen. Aufgrund der vielerorts flächendeckenden Eindämmungsmaßnahmen und massiven Produktions- und Absatzeinschränkungen vom März bis zum Sommer dieses Jahres senkt das DIW Berlin seine Prognose für das Gesamtjahr drastisch von 2,5 Prozent auf –4,9 Prozent. Die erheblichen Produktionsausfälle und der massive Einbruch im Dienstleistungssektor werden voraussichtlich auch im nächsten Jahr nicht kompensiert werden können. Für das Jahr 2021 erwartet das DIW Berlin einen Anstieg der weltweiten Produktion von 5,5 Prozent. Risiken gehen vor allem von weiteren Infektionswellen aus. Auch handelspolitische Eskalationen sind weiterhin nicht auszuschließen.

Die Eindämmung der Covid-19-Pandemie hat zu einem Einbruch der globalen Konjunktur geführt (Abbildung 1). Im ersten Quartal 2020 schrumpfte die weltweite Produktion um insgesamt 15,5 Prozent, und auch der Welthandel war deutlich rückläufig.

In der ersten Jahreshälfte dürfte sich die globale Rezession ausweiten, da die in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften, aber auch in einigen Schwellenländern seit März verhängten Lockdown-Maßnahmen die wirtschaftliche Aktivität massiv einschränken (Abbildung 2). Umsätze von Dienstleistungsgewerben wie der Gastronomie oder dem Einzelhandel brachen bereits im März in vielen europäischen Ländern, aber auch den Vereinigten Staaten im zweistelligen Bereich ein. Da in vielen Volkswirtschaften stringente Lockdown-Maßnahmen auch im April und Mai gegolten haben, dürften Teile des Dienstleistungsgewerbes im zweiten Quartal nahezu vollständig zum Erliegen kommen. Zudem kommt es aufgrund von gestörten Lieferketten und einer stark reduzierten Erwerbstätigkeit in vielen Bereichen – vor allem in fortgeschrittenen Volkswirtschaften – zu erheblichen Produktionsausfällen. Beispielsweise schrumpfte die Industrieproduktion in den USA und Japan im April um rund zehn Prozent.

Eine leichte Stütze für das verarbeitende Gewerbe, aber auch den privaten Verbrauch – zumindest in ölimportierenden Volkswirtschaften – dürften die weiterhin niedrigen Ölpreise sein. So bleiben die Preise für Rohöl trotz des nun eingeläuteten Waffenstillstands innerhalb der OPEC+ und der leichten Kürzungen des Angebots insgesamt auf einem sehr niedrigen Niveau.infoDie OPEC+ hat für Mai und Juni Produktionskürzungen von 9,7 Millionen Barrel pro Tag (mb/d) im Vergleich zum Niveau vom Oktober 2018 angekündigt. Es folgen bis Jahresende Kürzungen auf 7,7 mb/d und bis Ende April 2020 auf 5,8 mb/d. Saudi-Arabien und Kuwait haben darüber hinaus für Juni freiwillige Kürzungen in Aussicht gestellt.

Auch auf den Arbeitsmärkten dürften die Einschnitte weiterhin tiefe Spuren hinterlassen. Zwar wurden in vielen Ländern entsprechende Maßnahmen wie etwa eine Ausweitung des Kurzarbeitergelds beschlossen, dennoch wird die Arbeitslosigkeit in einigen Volkswirtschaften vor allem in diesem Jahr voraussichtlich erheblich steigen. Damit einhergehende Einkommenseinbußen und eine durch Verunsicherung höhere Sparneigung werden den privaten Verbrauch wohl merklich schwächen.

Unklar bleibt zudem, wie schnell und in welchem Umfang Einkommensverluste durch die vielerorts verabschiedeten finanzpolitischen Hilfspakete sowie geldpolitischen Lockerungen abgefedert werden können. Diese haben zum Teil historische Ausmaße angenommen, und auch weiterhin dürfte die Finanz- und Geldpolitik in vielen Regionen expansiv ausgerichtet bleiben (Tabelle 1). Insgesamt werden die vielseitigen Maßnahmen die Produktion stützen.

Tabelle 1: Ankündigung wichtiger wirtschaftspolitischer Maßnahmen in fortgeschrittenen Volkswirtschaften

Zwischen März und Anfang Juni 2020, Volumen der Maßnahmen und Bürgschaften in Milliarden Euro1

Datum Land Politik Ankündigung Beschreibung Volumen1 Bürgschaften
10.03. IT FP Hilfspaket, Schutzschild Steuerstundung, Kurzarbeit, Gesundheitsausgaben und Zuschüsse 25 250
JP FP Hilfspaket Ausweitung des Programms zur Entlastung bei Krediten für KMU 12
UK GP Zinssenkung der Bank of England um 50 Basispunkte auf 0,25 Prozent, Unterstüzung für Kredite an KMU
11.03. UK FP Haushalt Unterstützung für Haushalte, Firmen, öffentlichen Dienst und Nationalen Gesundheitsdienst 13
12.03. ES FP Hilfspaket Gesundheitsausgaben 4
EZB GP Erweiterung des bestehenden Ankaufsprogramms für Vermögenswerte um 120 Milliarden Euro und weitere Liquiditätsbereitstellung
13.03. DE FP Hilfspaket, Schutzschild Steuerstundung, Kurzarbeit, Gesundheitsausgaben und Garantien 602 550
15.03. US GP Zinssenkung um 100 Basispunkte auf Zielkorridor von 0–0,25 Prozent, Verpflichtung zum Kauf von US-Schatzbriefen in Höhe von 700 Milliarden Dollar, Senkung der Reservevorgaben auf 0 Prozent, Bereitstellung von Dollar-Swap-Linien
16.03. JP GP Ausweitung der Anleihekäufe, erweiterte Bereitstellung von US-Dollar Liquidität, Einführung eines Spezialfonds zur Absicherung von Krediten, Ankäufe von ETFs und J-REIT.
17.03. FR FP Hilfspaket, Schutzschild Garantien und Zuschüsse 45
ES FP Hilfspaket Steuerstundung, Kurzarbeit, Gesundheitsausgaben und Garantien 30 130
UK FP Hilfspaket Ausweitung staatlich besicherte Kreditvergabe und Garantien für Unternehmen, Steuersenkungen und -stundungen 390 368
NL FP Hilfspaket Zuschüsse an Unternehmen und ArbeitnehmerInnen, Steuerstundungen 39 4,5
18.03. EZB GP Ankündigung des Pandemic Emergency Purchase Program (PEPP) in Höhe von 750 Milliarden Euro
US FP Regelwerk (Families First Coronavirus Response Act) Krankengeld, Übernahme der Test-Kosten durch Versicherung, Steuerstundungen
19.03. UK GP Zinssenkung der Bank of England um 15 Basispunkte auf 0,1 Prozent, Erhöhung der Anleihekäufe um 200 Milliarden auf 645 Milliarden Pfund.
20.03. EU FP Regelwerk Aussetzung der Fiskalregeln
UK FP Hilfspaket Ausweitung Kurzarbeitergeld, Steuerstundungen für Unternehmen, Zuschüsse für Ruheständler und Selbständige 20
22.03. FR FP Schutzschild Garantien 300
23.03. DE FP Stabilisierungs- und Solidaritätsfonds Kredite, Beteiligungen, Bürgschaften, Zuschüsse 260 400
US GP Ankündigung von grenzenlosem Umfang der Anleihekäufe
25.03. EZB GP Aussetzung des Ankauflimits, das das Halten von Anleihen auf ein Drittel aller Anleihen pro Land beschränkt
27.03. US FP Hilfspaket (CARES Act) Steuer- und Kreditstundung, Kurzarbeit, Gesundheitsausgaben und Zuschüsse, Kreditvergabe 2000 665
31.03. US GP „International Repo Facility“ für ausländische Zentralbanken, „Main Street Business Lending Program“ zur Kreditvergabe an KMU
02.04. EU FP Hilfspaket, Schutzschild Kurzarbeit, Gesundheitsausgaben, Garantien und Zuschüsse (Drei-Säulen-Modell) 100 440
06.04. IT FP Schutzschild Garantien 400
07.04. JP FP Hilfspaket Haushalts- und Unternehmenszuschüsse, Gesundheitsausgaben, Subventionen von Lokalregierungen, Steuerstundungen 1100
08.04. IT FP Schutzschild Garantien 400
09.04. EU FP Hilfspaket, Schutzschild Einigung auf das am 03.04. vorgeschlagene Drei-Säulen-Modell 540
15.04. FR FP Ausweitung Hilfspaket Steuerstundungen, Kurzarbeitergeld und Zuschüsse 110
20.04. US FP Hilfspaket Gesundheitsausgaben und Zuschüsse 430 285
27.04. JP GP Ausweitung der Anleihekäufe, Stärkung des Spezialfonds
30.04. EZB GP Verlängerung von PEPP, attraktivere Konditionen langfristiger und gezielter Refinanzierungsgeschäfte, Einführung von Pandemie-Refinanzierungsgeschäften (PELTROs)
11.05. US FP Hilfspaket Unterstützung für Bundesstaaten und Kommunen, Zuschüsse, Studienkreditstundungen, Gesunheitsausgaben und Zuschüsse 3000
18.05. DE/FR FP Absichtserklärung Europäischer Aufbauplan 500
22.05. JP GP Zentralbank will unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, um Renditen zehnjähriger Staatsanleihen nahe 0 zu halten
26.05. JP FP Hilfspaket Zuschüsse an Haushalte und Unternehmen, Unternehmenskredite 1050
27.05. EU FP Hilfspaket Europäischer Wiederaufbauplan inkl. Aufbauinstrument „Next Generation EU“ (750 Milliarden Euro, davon 250 Milliarden Garantien), Finanzierung über Mittelaufnahme der EU-Kommission 2400 250
03.06. DE FP Hilfspaket Wiederaufbauplan inkl. Senkung der Mehrwertsteuer, Kinderbonus und Entlastungen für Unternehmen und Haushalte sowie Förderung von E-Mobilität 130
04.06. EZB GP Ausweitung des PEPP um 600 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro

1 Umrechnung nationaler Währungen in Euro laut Wechselkurs am 04.06.

2 Schätzungen auf Basis des AK Steuerschätzung Mai sowie eigene Schätzungen auf Grundlage der BA-Zahlen April.

GP = geldpolitische Ankündigung, FP = finanzpolitische Ankündigung.

Quellen: Nationale Zentralbanken und Regierungsbehörden, EU-Kommission, Bruegel, Institute of International Finance, Bloomberg.

So ist nach einem starken Einbruch der weltwirtschaftlichen Leistung in der ersten Jahreshälfte mit einer zunächst langsamen Erholung im weiteren Prognoseverlauf zu rechnen. Dieser Prognose liegt die Annahme zugrunde, dass in den größten Volkswirtschaften die Eindämmung des Virus gelingt. Bestehende einschränkende Maßnahmen im Jahresverlauf werden weiter zurückgefahren und durch gezieltere Maßnahmen ersetzt. Eine zweite Infektionswelle wird somit ausgeschlossen. Ab dem Jahreswechsel werden diese Regelungen annahmegemäß schrittweise abgebaut.

Da somit Regelungen wie Abstandsregeln oder Empfehlungen zur Heimarbeit in vielen Ländern grundsätzlich vorerst bestehen bleiben dürften, werden sich vielerorts die Einschränkungen im Produktionsprozess nur allmählich auflösen. Dies steht einer schnellen Normalisierung der Produktion entgegen. Vor dem Hintergrund großer unternehmerischer Verluste im ersten Halbjahr und dem folgenden sukzessiven Abbau der Produktionseinschränkungen werden die Unternehmen trotz günstiger Finanzierungsbedingungen kaum Anreize haben zu investieren. Zudem dürften bereits geplante Investitionen aufgrund des kaum vorhersehbaren Pandemieverlaufs verschoben werden.

Insgesamt stürzt die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft in diesem Jahr in eine tiefe Rezession. So wird die globale Produktion dieses Jahr voraussichtlich um 4,9 Prozent schrumpfen. Eine Erholung wird schleppend verlaufen, und insgesamt dürften Verluste im Prognosezeitraum kaum kompensiert werden (Kasten). Vielerorts werden Produktions- und Absatzeinschränkungen nicht vollständig abgebaut. In vielen Ländern erleiden Haushalte sowie Unternehmen enorme Einkommens- und Umsatzausfälle und sind gleichzeitig erheblich verunsichert über den weiteren Pandemieverlauf und die wirtschaftliche Entwicklung. Dies dürfte die Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern trotz günstiger Finanzierungsbedingungen und beschlossener finanzpolitischer Hilfen in den meisten Volkswirtschaften noch bis in das kommende Jahr deutlich bremsen.

Um die globalen konjunkturellen Auswirkungen der Corona-Pandemie abzuschätzen, wird ein makroökonometrisches Modell verwendet. Da für die aktuelle Pandemie noch nicht ausreichend Beobachtungen vorliegen, wird auch auf Daten für vergangene Epidemien wie SARS in den Jahren 2002/03 oder die Schweinegrippe zwischen 2009/2010 zurückgegriffen.

Um die Intensität und den Verlauf von Epidemien zu messen, könnte die Anzahl der weltweit infizierten oder gestorbenen Personen herangezogen werden. Allerdings sind diese Zahlen teilweise nicht verfügbar. Zudem sind sie oft nicht verlässlich, da sie in vielen Ländern nur vereinzelt erhoben werden oder die Dokumentation politisch beeinflusst wird. Aus ökonomischer Sicht entscheidender ist, dass solche Zahlen nur die unmittelbar betroffenen Personen abbilden. Für die gesamtwirtschaftlichen Effekte dürfte aber die öffentliche Wahrnehmung der Krisen ebenso entscheidend sein, da sie Konsum-, Investitions- und Politikentscheidungen beeinflusst.

Um diesen Aspekten Rechnung zu tragen, wurde ein Medienindex entwickelt, der die Intensität und vor allem das genaue Auftreten von Epidemien im öffentlichen Bewusstsein abbildet.infoVgl. Konstantin A. Kholodilin und Malte Rieth (2020): Medienbasierter Index zeigt: Epidemien bringen in der Regel dauerhafte wirtschaftliche Einbußen mit sich. DIW aktuell 32 (online verfügbar); Konstantin A. Kholodilin und Malte Rieth: Viral Shocks to the World Economy. DIW Discussion Papers 1861 (online verfügbar). Dieser wird in ein vektorautoregressives Modell für die Monatsfrequenz integriert. Neben dem Epidemie-Indikator enthält das Modell noch die logarithmierte saisonbereinigte Industrieproduktion von Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, den Vereinigten Staaten und der Welt sowie die Stromerzeugung in China als Maß für die dortige wirtschaftliche Aktivität. Es wird angenommen, dass der Epidemie-Indikator auf der Monatsfrequenz exogen bezüglich dieser Variablen ist.

Das Modell enthält neun Verzögerungen der endogenen Variablen und wird mit Daten für den Zeitraum Januar 1995 bis März 2020 geschätzt. Dies bedeutet, dass der kontemporäre Zusammenhang von Covid-19 und der Industrieproduktion mit in die Schätzung einfließt und die unmittelbare Reaktion der Modellvariablen auf den Schock beeinflusst. Die mit Hilfe des Modells prognostizierte Dynamik allerdings, die sich aus dem autoregressiven Teil des Modells ergibt, wird überwiegend basierend auf den Daten für vergangene Epidemien geschätzt.

Es wird ein Epidemieschock in das Modell eingespeist, der so kalibriert wurde, dass die Industrieproduktion in den großen europäischen Volkswirtschaften im dritten Monat nach dem Schock zwischen zehn und 30 Prozent einbricht. Dies entspricht den Rückgängen der Industrieproduktion in Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien im März 2020. Der Schock tritt somit im Januar auf und reflektiert den dann geschätzten Rückgang der Stromerzeugung in China, während die offiziellen chinesischen Daten für die Industrieproduktion erst im Februar einen Einbruch verzeichnen. Die Reaktion der Variablen kann als Prognose über den weiteren Verlauf der Industrieproduktion in den jeweiligen Ländern und der Welt verstanden werden, unter der Annahme, dass im Januar nur der Corona-Schock auftrat und im Prognosezeitraum von zwei Jahren keine weiteren Schocks kommen.

Es zeigt sich, dass das Modell den tatsächlichen Verlauf von Covid-19 recht gut abbilden kann (Abbildung). Es kommt zwischen Januar und bis in den Mai hinein global zu einer weiteren Ausbreitung der Krankheit. Danach kehrt der Epidemie-Indikator allmählich zu seinem Trendverlauf zurück. Allerdings suggeriert die Dynamik, dass Epidemien in der Vergangenheit etwa rund ein Jahr gedauert haben, bis sie deutlich abflachten. Danach ist sogar eine zweite Welle zu erkennen. Der Indikator steigt nach etwa einem Jahr wieder leicht an, bevor er endgültig ausläuft. Allerdings ist dieser zweite Anstieg auf dem 90-Prozent-Niveau nur marginal signifikant.

Die lange Dauer der Epidemie führt in den meisten Ländern zu persistenten Produktionsrückgängen. Eine Ausnahme ist China, wo sich die Produktion gemessen am Stromverbrauch recht schnell wieder erholt. Dies ist im Einklang zumindest mit den offiziell veröffentlichten Daten zur chinesischen Produktion und Handelsaktivität, die im April zumeist wieder das Niveau von Dezember 2019 erreicht haben.

Für die anderen Länder und die Welt als Ganzes sieht die unmittelbare wirtschaftliche Zukunft laut Modell deutlich düsterer aus. Der Tiefpunkt der Produktion dürfte überwiegend im zweiten Quartal 2020 liegen. Danach setzt dann zwar eine Erholung ein. Diese fällt aber sehr graduell aus und dauert lange. In keinem Land außer China wird gegen Ende des Prognosehorizonts das ursprüngliche Produktionsniveau wieder erreicht. Ein Überschießen der Produktion über ihr Ausgangsniveau ist nirgends zu beobachten. Zwar sind die Wachstumsraten etwa ab dem dritten Quartal nach dem Schock zumeist wieder positiv, dies impliziert aber nicht, dass die ausgefallene Produktion nachgeholt wird, sondern nur, dass man zu dem alten Niveau zurückkehrt. Die durch Epidemien verursachten Produktionsausfälle scheinen für immer verloren.

Mit einem weltwirtschaftlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 5,5 Prozent im Jahr 2021 wird die Produktion ihr Vorkrisen-Niveau bis Ende nächsten Jahres in den meisten Volkswirtschaften noch nicht erreichen (Tabelle 2). Im Vergleich zum Frühjahr senkt das DIW Berlin seine Prognose für das Jahr 2020 damit drastisch um 7,4 Prozentpunkte von 2,5 auf −4,9 Prozent und hebt sie für das Jahr 2021 um 2,0 Prozentpunkte von 3,5 auf 5,5 Prozent an.

Tabelle 2: Reales Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise und Arbeitslosenquote in der Weltwirtschaft

In Prozent

Bruttoinlandsprodukt Verbraucherpreise Arbeitslosenquote in Prozent
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent
2018 2019 2020 2021 2018 2019 2020 2021 2018 2019 2020 2021
Euroraum 1,9 1,2 −9,7 5,6 1,7 1,3 0,6 1,0 8,1 7,5 9,4 8,9
ohne Deutschland 2,0 1,4 −9,8 7,0 1,7 1,2 0,5 1,1 10,3 9,5 11,9 11,1
Frankreich 1,7 1,3 −9,4 7,2 1,9 1,1 0,5 1,2 9,0 8,5 10,1 9,5
Italien 0,7 0,3 −11,2 7,3 1,2 0,7 0,0 0,8 10,6 9,9 11,2 10,6
Spanien 2,4 2,0 −11,0 7,2 1,7 0,7 0,2 1,1 15,3 14,1 18,7 17,4
Niederlande 2,5 1,8 −5,8 5,5 1,6 2,7 0,9 1,5 3,8 3,4 6,0 5,2
Vereinigtes Königreich 1,3 1,4 −8,9 3,6 2,3 1,7 1,4 2,2 4,1 3,8 7,0 9,6
USA 2,9 2,3 −6,9 4,1 2,4 1,8 0,8 1,1 3,9 3,7 11,6 9,0
Japan 0,3 0,7 −4,6 2,9 0,8 0,6 −0,1 0,2 2,4 2,4 3,3 2,9
Südkorea 2,7 2,0 −1,2 2,6 1,5 0,4 0,2 0,4 3,8 3,7 4,4 4,1
Mittel- und Osteuropa 4,7 4,0 −4,5 4,7 2,2 2,7 2,7 2,8 3,7 3,3 3,4 3,2
Türkei 2,9 0,9 −4,2 0,5 16,3 15,2 11,6 12,0 11,0 13,7 14,8 14,0
Russland 2,4 1,4 −4,4 0,8 2,9 4,5 3,4 4,2 4,8 4,6 4,9 4,9
China 6,7 6,2 −3,2 8,1 1,9 2,4 4,0 3,1 4,1 4,1 4,1 4,1
Indien 6,7 5,1 −2,6 6,8 3,9 3,7 3,6 3,3
Brasilien 1,3 1,1 −5,0 4,1 3,8 3,8 1,5 2,7 12,3 12,0 13,9 12,5
Mexiko 2,1 −0,1 −5,2 2,9 4,9 3,4 1,3 1,6 3,4 3,5 4,9 4,1
Fortgeschrittene Volkswirtschaften 2,2 1,8 −7,2 4,2 2,0 1,4 0,7 1,0 4,8 4,5 9,3 8,0
Schwellenländer 5,5 4,6 −3,5 6,4 3,3 3,6 3,9 3,6 5,1 5,2 5,6 5,3
Welt 4,2 3,5 −4,9 5,5 2,8 2,7 2,6 2,6 5,0 4,9 7,1 6,4

Quellen: Nationale statistische Ämter; DIW Sommergrundlinien 2020.

Die Risiken sind überwiegend abwärtsgerichtet. So könnten weitere Infektionswellen und damit einhergehende erneute Verschärfungen von Eindämmungsmaßnahmen die Rezession erheblich vertiefen und verlängern. Zudem könnte ein stärker als erwarteter Anstieg von Unternehmens- und Privatinsolvenzen, verbunden mit einem Anstieg von Kreditausfällen, die Finanzmärkte in einigen Regionen destabilisieren und letztlich die Solvenz etlicher Staaten gefährden. Auch bestehen weiterhin Risiken erneuter handelspolitischer Eskalationen, beispielsweise zwischen China und den USA, aber auch mit Blick auf die Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union, in denen auch in der vierten Verhandlungsrunde keine Fortschritte erzielt wurden.

USA: Schrittweise Erholung nach Einbruch der Wirtschaftsleistung

Die Covid-19-Pandemie und die zu deren Eindämmung ergriffenen Maßnahmen haben in den Vereinigten Staaten zu einem dramatischen Einbruch der Wirtschaftsleistung geführt. Nachdem die US-Wirtschaft im ersten Quartal im Vergleich zum Vorquartal bereits um annualisiert 5,0 Prozent schrumpfte, fällt im laufenden zweiten Quartal der Einbruch der Wirtschaftsleistung noch viel stärker aus und dürfte annualisiert wohl etwa vierzig Prozent betragen.

Massive Rückgänge deuten sich im zweiten Quartal sowohl beim privaten Konsum als auch bei den Unternehmensinvestitionen an. Seit Mitte März haben mehr als 40 Millionen Beschäftigte vor allem aus Dienstleistungsgewerben – zum Teil vorübergehend – ihre Arbeitsstellen verloren; die Arbeitslosenquote ist im Zuge dieser Entwicklungen von 3,5 Prozent im Februar auf 14,7 Prozent im April hochgeschossen. Im Mai ist die Arbeitslosenquote bereits wieder leicht auf 13,3 Prozent zurückgegangen.

Im zweiten Halbjahr dürfte sich die US-Wirtschaft etwas erholen; allerdings werden die Wachstumseinbußen aus dem ersten Halbjahr bei weitem nicht kompensiert werden. So ist zunächst mit erheblichen Einkommenseinbußen und trotz moderater Inflation mit einer deutlich verminderten Kaufkraft der Haushalte und schwachen Unternehmensinvestitionen zu rechnen. Mit der allmählichen Erholung der Wirtschaft wird sich auch die Lage am Arbeitsmarkt wieder verbessern; allerdings wird die Arbeitslosenquote voraussichtlich erst im Jahr 2021 wieder unter zehn Prozent sinken.

Stützend wirken insbesondere die umfangreichen finanzpolitischen Maßnahmen der US-Regierung, die mehr als zwei Billionen US-Dollar – also rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts – umfassen.infoInsbesondere umfassen diese Maßnahmen direkte Transfers an Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen, eine Erhöhung und Verlängerung der Arbeitslosenunterstützung sowie Notkredite für Unternehmen. Es ist zudem wahrscheinlich, dass in den kommenden Wochen ein Konjunkturprogramm zur Stimulierung der Wirtschaft beschlossen wird, dessen Ausgestaltung allerdings noch nicht absehbar ist. Zudem hat die US-Notenbank in zwei Schritten ihre Leitzinsen auf fast null Prozent gesenkt, Ankaufprogramme für Vermögenswerte beschlossen, die einen ähnlichen Umfang haben wie zum Ausbruch der Finanzkrise, und verschiedene Maßnahmen ergriffen, um ausreichend Liquidität im Finanzsystem sicherzustellen.

Auch in den USA ist die Unsicherheit über die zukünftigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stark gestiegen. Allem voran werden Unwägbarkeiten über den weiteren Pandemieverlauf und Eindämmungsmaßnahmen zu einer erheblichen Konsum- und Investitionszurückhaltung führen. Auch der unklare Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen und damit die künftige Ausrichtung der US-amerikanischen Wirtschaftspolitik dürften die Normalisierung etwas bremsen.infoZudem ist es möglich, dass sich die Ende Mai entstandenen Unruhen, die die Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung in Wirtschaft und Gesellschaft anprangern, länger hinziehen. Der Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China wird wohl weiter schwelen. Im Januar 2020 wurde im sogenannten „Phase One“-Abkommen ein starker Anstieg der US-Exporte nach China vereinbart, was angesichts des Covid-19-Ausbruchs und der weltweiten Wirtschaftskrise kaum erfüllbar sein dürfte.infoBereits vor der weltweiten Ausbreitung von Covid-19 war der im Vertrag anvisierte starke Anstieg der US-Exporte nach China kaum realistisch. Vgl. hierzu Chad P. Bown (2020): Unappreciated hazards of the US-China phase one deal. Peterson Institute for International Economics, 21. Januar. Die Unsicherheiten hinsichtlich des weiteren Verlaufs des Handelskonflikts bleiben darum hoch.infoZudem haben sich zuletzt die politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China vor dem Hintergrund des Covid-19-Ausbruchs verschlechtert, was weitere Verhandlungen zur Eindämmung des Handelskonflikts erschweren dürfte. Zusätzlich belastet werden die Beziehungen unter anderem durch eine geplante Ausweitung der US-Sanktionen gegen den chinesischen Technologiekonzern Huawei sowie unterschiedliche Ansichten über den künftigen Status Hongkongs innerhalb Chinas. Alles in allem wird die US-Wirtschaft im laufenden Jahr wohl um 6,9 Prozent schrumpfen. Im Jahr 2021 dürfte die Wachstumsrate bei 4,1 Prozent liegen.

China: Das Schlimmste ist wohl vorüber

Die chinesische Wirtschaft ist im ersten Quartal um knapp zehn Prozent geschrumpft. Dies war der erste Rückgang der Wertschöpfung seit dem Beginn der offiziellen Daten im Jahr 1992. Nichtoffizielle Statistiken zur wirtschaftlichen Aktivität und zum Außenhandel verzeichneten bereits für Januar teilweise zweistellige Rückgänge. In offiziellen Daten etwa zu Industrieproduktion, Einzelhandel, Pkw-Neuzulassungen und Dienstleistungen befinden sich die Tiefpunkte der Monatsreihen zumeist im Februar; ebenso für die Einkaufsmanagerindizes. Im März ist für das Gros der Wirtschaftsindikatoren eine starke Gegenbewegung zu beobachten, so dass die Unternehmen mittlerweile wieder kurz unterhalb ihres Auslastungsniveaus vor dem Pandemieausbruch operieren dürften.

Ein Überschießen zeichnet sich in den wenigen verfügbaren Indikatoren für April allerdings nicht ab. Grund ist, dass neben der nur allmählichen Normalisierung der einheimischen Dienstleistungsbranche die Weltwirtschaft im Vergleich zu China später angefangen hat zu schrumpfen und die Wirtschaft in China belastet. Die Geld- und Finanzpolitik versucht mit einer Reihe von Maßnahmen, die Konjunktur zu stimulieren. So wurden etwa Kreditgarantien für kleine und mittlere Unternehmen ausgesprochen und Steuersenkungen für Januar und Februar beschlossen. Alles in allem wird es wohl bereits im laufenden Quartal wieder positives Wachstum geben, so dass auf Jahressicht ein Minus von nur noch etwa drei Prozent erwartet wird. Für das nächste Jahr sind eine Erholung und damit ein Wachstum von über acht Prozent zu erwarten.

Euroraum: Corona-Unsicherheit belastet trotz expansiver Maßnahmen

Die europäische Wirtschaft ist aufgrund der Corona-Pandemie im Laufe des März nahezu vollständig zum Erliegen gekommen, folglich schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum im ersten Quartal 2020 um 3,6 Prozent. Vor allem der private Verbrauch, der sich zuvor als Stütze der Konjunktur erwiesen hatte, trug neben einer stark rückläufigen Investitionstätigkeit negativ zum Wachstum bei. Der Außenhandelsbeitrag war bei gleichzeitig fallenden Aus- und Einfuhren von Waren und Dienstleistungen ebenfalls negativ.

Insbesondere im zweiten Quartal dürften die in vielen Ländern ergriffenen Lockdown-Maßnahmen zu einem noch stärkeren Rückgang der Produktion führen. So waren im April – nach bereits kräftigen Verlusten im März – sowohl die Einkaufsmanagerindizes als auch die Konsumentenzuversicht länder- und sektorübergreifend rückläufig und befanden sich trotz einer teilweisen Stabilisierung im Mai weiterhin deutlich unter der Expansionsschwelle. Auch die meisten harten Indikatoren legen einen massiven Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal nahe. So sanken etwa die Einzelhandelsumsätze in den meisten Ländern nach einem starken Rückgang im März auch im April erneut kräftig.

In den meisten Mitgliedstaaten wurden seit März umfangreiche Konjunktur- und Hilfspakete aufgesetzt (Tabelle 1).infoDiese beinhalteten neben Soforthilfemaßnahmen wie etwa Ausweitungen beim Kurzarbeitergeld, Kaufprämien oder Steuervergünstigungen auch massive Erhöhungen staatlicher Garantien und Bürgschaften für Unternehmensverbindlichkeiten. Vgl Kerstin Bernoth et al. (2020): Wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen die Covid-19-Krise wirken vor allem im Zusammenspiel. DIW Wochenbericht Nr. 23 (online verfügbar, abgerufen am 4. Juni 2020. Dies gilt für alle Onlinequellen in diesem Bericht, sofern nicht anders angegeben). Auch die Europäische Zentralbank kündigte neben der Ausweitung bereits bestehender Programme ein zusätzliches Pandemie-Notfallankaufprogramm (Pandemic Emergency Purchase Programme, PEPP) an, das Anfang Juni noch einmal aufgestockt wurde.infoAm 4. Juni stockte die EZB das Programm noch einmal um 600 Milliarden Euro auf nun insgesamt 1350 Milliarden Euro auf und verlängerte es bis Juni 2021. Bereits Ende April hatte sie angekündigt, die Laufzeit des PEPP zu verlängern, solange es notwendig sein sollte. Hinzu kamen umfassende Lockerungen regulatorischer Standards für Geschäftsbanken, um Liquiditätsengpässe und Kreditklemmen zu vermeiden.

Zwar dürften diese expansiven Maßnahmen und eine Ausweitung der vielerorts bereits erfolgten Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen die heimische Nachfrage stützen und einer weiteren Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen für Unternehmen entgegenwirken (Abbildung 3). Dennoch wird sich wohl die Produktion im weiteren Prognosezeitraum nur langsam erholen und ihr Niveau von vor Ausbruch der Pandemie bis Ende des kommenden Jahres nicht wieder erreichen, da die Unsicherheit über den weiteren Pandemieverlauf weiterhin hoch ist. Zudem bleibt unklar, in welchem Umfang, wie lange und wie schnell die wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die entstandenen Einkommensverluste abfedern können. Somit dürften sich Haushalte und Unternehmen mit größeren Konsum- und Investitionsausgaben vorerst zurückhalten und Einkommen und Zuwendungen verstärkt zur Ersparnisbildung nutzen. Auch der Außenhandel wird sich mit Aufhebung der Handels- und Reisebeschränkungen im dritten Quartal wohl etwas beleben. Während sich der internationale Warenverkehr und damit verbundene Lager- und Transportdienstleistungen schneller erholen dürften, werden die bestehenden Einschränkungen bei Dienstleistungen – von personenbezogenen Dienstleistungen über den stationären Handel bis zum Gastgewerbe – wohl nur schrittweise zurückgeführt werden.

Somit wird voraussichtlich die wirtschaftliche Erholung insbesondere in Mitgliedstaaten, in denen ein relativ großer Teil der Bruttowertschöpfung im Tourismussektor generiert wird, langsamer als in Staaten mit kleinem Tourismusanteil ausfallen. Dies betrifft unter den großen Volkswirtschaften vor allem Spanien und Italien. Überdurchschnittlich viele Erwerbstätige sind dort im internationalen Handel und Tourismus beschäftigt, und auch der Anteil an Selbständigen oder nur temporär Beschäftigten ist hoch (Abbildung 4). Da diese Gruppen besonders stark von Einkommensverlusten betroffen sind, dürfte sich die Lage am Arbeitsmarkt besonders in diesen Ländern im laufenden Jahr merklich eintrüben.

Insgesamt wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr wohl deutlich um 9,7 Prozent schrumpfen. Im kommenden Jahr wird voraussichtlich ein Teil der Produktionsausfälle wieder aufgeholt werden, so dass die Produktion um 5,6 Prozent steigen dürfte.

Vereinigtes Königreich: Späte Reaktion auf Pandemie verschiebt Einbruch auf das zweite Quartal

Die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs ist im Auftaktquartal um zwei Prozent geschrumpft. Während die noch relativ robuste Binnenkonjunktur der späten Reaktion der britischen Regierung auf die Ausbreitung des Coronavirus geschuldet ist, liegt der wesentliche Grund für den Wachstumseinbruch in der schwächeren Auslandsnachfrage.

Im zweiten Quartal dürfte die Wertschöpfung stark einbrechen, da die Regierung mit der Ausbreitung des Virus auf der Hauptinsel massive Eindämmungsmaßnahmen verordnete und damit dem Beispiel der meisten anderen europäischen Länder folgte. Am aktuellen Rand beträgt die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe lediglich 55 Prozent, und das Unternehmensvertrauen liegt auf dem niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Die Industrieproduktion schrumpfte im März im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent. Noch düsterer ist es um den Konsum bestellt. Die Einzelhandelsumsätze sanken im April im Jahresvergleich um 23 Prozent. Im zweiten Quartal dürfte daher vor allem der Rückgang in der Binnenwirtschaft zu einem massiven Wachstumseinbruch geführt haben.

Die Wirtschaftspolitik stemmt sich so gut wie möglich dagegen. Die Zentralbank senkte den Leitzins in zwei Schritten von 0,5 Prozent auf 0,1 Prozent, legte ein Anleihekaufprogramm von über 200 Milliarden Pfund auf und verbilligte die Refinanzierung von Kleinunternehmen. Die Regierung beschloss ebenfalls zahlreiche expansive Maßnahmen. Die Steuersenkungen und Ausgabenerhöhungen dürften sich am Ende des Jahres auf nahezu 100 Milliarden Pfund belaufen.

Trotzdem wird sich die Konjunktur im weiteren Verlauf wohl nur allmählich stabilisieren. Das Königreich ist relativ stark von der Pandemie betroffen, und auch die Anzahl der täglichen Neuinfektionen geht nur langsam zurück. Die Eindämmungsmaßnahmen werden daher weniger schnell aufgehoben – vor allem von den Regionalregierungen in Nordirland, Wales und Schottland – als in anderen europäischen Ländern. Hinzu kommt die steigende Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit am Jahresende. Alles in allem dürfte die Wirtschaft in diesem Jahr um knapp neun Prozent schrumpfen. Dem steht eine Erholung im kommenden Jahr von 3,6 Prozent gegenüber.

Mittel- und Osteuropa: Potential für rasche Erholung

Die Länder Mittel- und Osteuropas haben früh und mit einem meist umfassenden Lockdown auf die Corona-Pandemie reagiert.infoHierzu gehören neben der Schließung von Einzelhandelsgeschäften und Schulen, Abstandsregeln und dem Tragen von Masken Ausgangsbeschränkungen sowie in Südosteuropa sogar Ausgangsverbote für Senioren, ausgenommen zu bestimmten Tageszeiten. Die Fallzahlen bezogen auf die Einwohnerzahl sind deutlich geringer als in Westeuropa.infoDort wird zwar meist mehr getestet. Die Anzahl der Testungen entspricht in Mittel- und Osteuropa immerhin in etwa dem Niveau der Niederlande oder Südkoreas. Tschechien testet etwa so viel wie Norwegen. Am wenigsten testet Bulgarien. Bis Anfang Mai wurden in allen Ländern der Region die ersten Lockerungen eingeleitet.

Im März 2020 erreichten die Rückgänge der Industrieproduktion in der Region zwischen minus fünf und minus zwölf Prozent. Die Einkaufmanagerindizes brachen im April ein. Insbesondere exportorientierte Länder wie Ungarn und Tschechien dürften harte Einbußen im Auslandsgeschäft erleiden, darunter vor allem der Automobilsektor. Hier und in weiteren Branchen müssen unterbrochene Lieferketten erst wiederhergestellt werden. Die Region leidet auch unter dem Wegfall des Tourismus. Das insgesamt stark eingetrübte Konsumentenvertrauen hat sich mit der Lockerung der Pandemie-Maßnahmen in der Region zuletzt etwas erholt.

Der Ausbruch der Pandemie traf die Länder in einer Phase, in der die gesamtwirtschaftliche Produktion stark wuchs, die Lage auf dem Arbeitsmarkt günstig war und die staatlichen Finanzierungsdefizite sowie der Schuldenstand gering waren.infoAusnahme ist hier Ungarn mit einem Schuldenstand von knapp 68 Prozent am BIP. Damit sind finanzpolitische Spielräume gegeben.

Neben geldpolitischen Lockerungen haben die Länder finanzpolitisch mit Antikrisenprogrammen reagiert, die ähnlich wie in Westeuropa verschiedene Maßnahmenpakete umfassen.infoHierzu gehören die Einführung von Kurzarbeitergeld (in Tschechien das sogenannte Programm „Antivirus“) oder die Unterbrechung von Arbeitsverträgen und Fortzahlung eines Teils des Gehalts („technische Arbeitslosigkeit“ in Rumänien). Zusätzlich zu den Maßnahmen für den Arbeitsmarkt wurden spezielle Programme zur Unterstützung kleinerer und mittlerer Unternehmen aufgelegt, teilweise auch Programme für bestimmte Industriebranchen und den Finanzsektor. Polen hat am 18. März mit seinem Antikrisenschild und Ende April mit einem „Finanzschild“ für stark von der Pandemie betroffene Firmen ein Volumen von etwa 13 Prozent des BIP zur Bekämpfung der Pandemie-Folgen zur Verfügung gestellt. In anderen Ländern liegen die Volumina der Programme meist deutlich darunter.

Die Region hat bei einer wieder anziehenden Auslandsnachfrage das Potential für eine rasche Erholung. Investoren könnten die mittel- und osteuropäischen EU-Länder zur Sicherung ihrer Lieferketten (wieder-)entdecken. Im Jahr 2020 wird die gesamtwirtschaftliche Produktion um 4,5 Prozent zurückgehen und sich im weiteren Prognoseverlauf um 4,7 Prozent erholen.

Russland: Ölpreisverfall und hohe Infektionsrate

Die russische Wirtschaft ist von dem auf dem Weltmarkt stark gesunkenen ÖlpreisinfoNach der Übereinkunft der OPEC+ hat sich der Ölpreis im Mai zwar deutlich erhöht; er liegt aber noch unter dem im Staatshaushalt angesetzten Preis. und der rasanten Verbreitung der Corona-Pandemie im Inland gleichzeitig getroffen. Die Infektionszahlen sind nach den USA und Brasilien die dritthöchsten weltweit, und die Zahl der Neuinfektionen nimmt weiterhin stark zu.

Die russische Regierung hatte zur Verhinderung von Infektionen frühzeitig die Grenzen zu China für den Personenverkehr abgeriegelt. Doch Ende März stiegen die Fallzahlen stark an. Daraufhin wurden unter anderem AusgangsbeschränkungeninfoIn Moskau wurde eine Ausgangssperre verhängt und eine Passagierscheinpflicht eingeführt. eingeführt und Betriebsferien angeordnet. Der Monat April wurde bei Lohnfortzahlung als arbeitsfrei deklariert; die arbeitsfreie Zeit wurde bis 11. Mai verlängert. Seitdem werden in den Regionen unter Berücksichtigung des Infektionsgeschehens Lockerungen in Etappen durchgeführt. In Moskau wurde seit Juni die zweite Etappe eingeleitet: Weitere Einzelhandelsgeschäfte dürfen wieder öffnen und die Einwohnerinnen und Einwohner spazieren gehen. Auf Baustellen wird bereits seit Anfang Mai wieder gearbeitet.

Während der Beschränkungen stand die Produktion jedoch nicht landesweit still. Die Industrieproduktion ist nach Angaben des statistischen Amtes im April gegenüber dem Vormonat nur um knapp sechs Prozent gesunken. Allerdings sind die Einkaufsmanagerindizes eingebrochen. Auch der private Verbrauch dürfte stark zurückgegangen sein; der Einzelhandelsumsatz ist im April im Vergleich zum Vorjahr etwa um ein Viertel gesunken. Beschäftigten wurde offenbar Gehalt gekürzt oder nicht pünktlich ausgezahlt.infoIn einer Ende April durchgeführten Befragung des Meinungsforschungsinstituts Levada Center von 1608 Erwachsenen gaben 32 Prozent der Befragten an, dass ihr Gehalt gekürzt wurde, und 25 Prozent, dass es nicht pünktlich ausbezahlt wurde. Zudem äußerten 46 Prozent der Befragten, dass sie wie bisher ihrer Tätigkeit nachgehen würden. Vgl. https://www.levada.ru/2020/05/19/zanyatost-naseleniya/ sowie https://www.levada.ru/2020/04/30/pandemiya-mery-i-nerabochie-nedeli/.

Die russische Regierung hat mehrere Hilfspakete geschnürt, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Unternehmen, den Arbeitsmarkt und die Familien einzudämmen. Bislang bleibt deren Umfang mit insgesamt unter zwei Prozent des BIP gering.infoDer aus dem Erdölexport gespeiste „Nationale Wohlstandsfonds“ hatte mit Stand 1. Mai 2020 ein Volumen von 168,35 Milliarden US-Dollar; dies entspricht 10,9 Prozent des BIP. Hiervon sind sieben Prozent eigentlich zweckgebunden, so dass knapp vier Prozent aus Fondsmitteln verfügbar wären. Die russische Zentralbank hat ihre Leitzinsen weiter gesenkt. Im Prognosezeitraum ist in diesem Jahr mit einem Rückgang um 4,4 und mit einer nur langsamen Erholung um 0,8 Prozent im nächsten Jahr zu rechnen.

Geraldine Dany-Knedlik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

Stefan Gebauer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Malte Rieth

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Makroökonomie

Hella Engerer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

Themen: Konjunktur



JEL-Classification: E32;E66;F01
Keywords: Business cycle forecast, economic outlook
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-24-2