Höhere Schulden wären nicht das Schlechteste

Blog Marcel Fratzscher vom 21. Dezember 2020

Je mehr gespart wird, desto länger bleiben die Zinsen niedrig. Der Staat kann seine Schulden und Ausgaben für lau finanzieren, die Bürger schlecht vorsorgen. Und jetzt?

Zwei interessante Fakten wurden diese Woche bekannt: Die Bundesregierung erhält in diesem Jahr sieben Milliarden Euro für ihre neuen oder neu finanzierten Schulden. Gleichzeitig ist es der wichtigste Vorsatz der Menschen in Deutschland für das kommende Jahr, mehr zu sparen. Während sich also der Staat immer stärker verschuldet, wollen die Menschen immer mehr zurücklegen. Doch die niedrigen Zinsen, die den Staat zwar freuen, erschweren zunehmend die private Vorsorge von Bürgerinnen und Bürgern, auch wenn sie viel sparen. Beide Phänomene hängen eng miteinander zusammen und zeigen unsere Schwachpunkte bei der Wahrnehmung von Schulden, aber auch die Probleme der privaten Vorsorge in Deutschland. Daher gilt es, die richtigen Schlüsse aus diesen Fakten zu ziehen.

Dieser Beitrag ist am 18. Dezember 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Der deutsche Staat hat in diesem Jahr im Durchschnitt minus 0,56 Prozent als Zinsen auf neu ausgegebene Staatsanleihen erzielt. Dies bedeutet konkret, dass allein die knapp 200 Milliarden Euro Neuverschuldung den Staat eine Milliarde Euro an Zinseinnahmen jedes Jahr einbringen. Kürzer laufende Staatsanleihen haben dabei stärkere negative Zinsen. Aber selbst eine 30-jährige Anleihe – mit Laufzeit bis 2050 – konnte der Bund im September praktisch zu Nullzinsen finanzieren. Hinzu kommt die Refinanzierung auslaufender Anleihen, die dem Staat zunehmend Zinseinnahmen bringen. So konnte eine zehnjährige Staatsanleihe, für die der Bund in den vergangenen zehn Jahren 2,5 Prozent pro Jahr an Zinsen entrichten musste und die in diesem Jahr fällig wurde, nun zu negativen Zinsen neu ausgegeben werden.

Dies hat zu einer drastischen Veränderung der Zinsausgaben des Bundes geführt. Zahlte er 2008 noch 40 Milliarden Euro an Zinsen, um seine Schulden zu bedienen, so waren es lediglich zwölf Milliarden Euro im Jahr 2019. Die anhaltenden negativen Zinsen werden dazu führen, dass in ein paar Jahren der Bund netto auf seine Staatsschulden keinerlei Zinszahlungen mehr entrichten muss, sondern Geld für diese Schulden erhält.

Auf der anderen Seite stehen die Bürgerinnen und Bürger, die in dieser Pandemie häufig auch finanziell hart getroffen wurden. Auch dank starker Hilfen durch den Staat sind die verfügbaren Einkommen in Deutschland in diesem Jahr durchschnittlich sogar leicht gestiegen. Dies verteilt sich aber sehr ungleich: Viele konnten ordentliche Lohnsteigerung verzeichnen, darunter die meisten Staatsbediensteten. Andere dagegen – vor allem Minijobber, Soloselbstständige und Beschäftigte in den von der Pandemie am stärksten betroffenen Branchen – hatten nicht nur schon vor der Pandemie häufig die geringsten Einkommen, sondern mussten auch in diesem Jahr Einschnitte hinnehmen.

Der private Konsum ist in diesem Jahr mit mehr als fünf Prozent sehr viel stärker geschrumpft als die Einkommen. Dies bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr deutlich mehr sparen als in den Vorjahren. Scheint überraschend, gerade weil viele Menschen starke Einschnitte bei ihren Einkommen haben. Der vermeintliche Widerspruch lässt sich jedoch leicht auflösen, denn die Menschen mit Gehaltseinbußen sind meistens diejenigen mit geringen Einkommen, die auch in den Vorjahren nichts sparen konnten, da sie ihr gesamtes Einkommen für ihren täglichen Lebensunterhalt benötigen.

Wie lässt sich dieses Dilemma auflösen?

Es sind also eher Menschen mit mittleren und höheren Einkommen, die zusätzliche Ersparnisse angehäuft haben. Der weniger wichtige Grund für die höheren Ersparnisse sind Schließungen von Restaurants oder Reiseverbote. Viel wichtiger ist, dass viele Menschen aus Sorge um ihren Arbeitsplatz und die Zukunft mehr auf die hohe Kante legen.

Das Dilemma für viele besteht darin, dass je mehr die Menschen sparen – direkt oder indirekt häufig in Staatsanleihen –, desto länger werden die Zinsen niedrig bleiben und desto besser kann der Staat seine Schulden und Ausgaben für lau finanzieren.

Wie lässt sich dieses Dilemma auflösen? Nicht wenige in Deutschland befürworten angesichts der hohen Staatsschulden deren schnellen Abbau. Dies würde jedoch das Dilemma weiter verschärfen: Wenn der Staat weniger der Ersparnisse von Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern für seine Ausgaben nutzt, dann werden die Zinsen weiter sinken oder noch länger niedrig bleiben.

Die Lösung liegt vielmehr anderswo: Zum einen sollte der Staat den Menschen helfen, besser private Vorsorge betreiben zu können. Und zwar indem er diejenigen, die zu wenig Einkommen haben, um überhaupt Geld sparen zu können, staatlich unterstützt. Ein Staatsfonds zur Vorsorge oder ein privater Fonds mit staatlicher Regulierung könnte dies bewerkstelligen helfen.

Das zweite Element der Lösung dieses Dilemmas liegt in mehr öffentlichen Investitionen und damit auch temporär höheren Schulden. Denn nur wenn die Wirtschaft sich schnell und nachhaltig erholt, werden die Einkommen steigen, die Menschen mehr konsumieren und Unternehmen wieder investieren. Damit werden die Zinsen auch wieder steigen.

Der Reflex vieler in Deutschland, auf die Niedrigzinsen mit geringeren Staatsschulden und höheren privaten Ersparnissen zu reagieren, führt genau zum Gegenteil und verschärft lediglich das Dilemma der schwierigen privaten Vorsorge und der ungleichen Vermögensbildung. Dies mag zwar manchem als paradox erscheinen, das Gegenteil ist jedoch der Fall. Es dürfte der einzig effektive Weg aus der Niedrigzinsphase sein.