Fürchtet euch nicht vor Inflation und Verschuldung!

Blog Marcel Fratzscher vom 14. Mai 2021

Die Angst vor Geldentwertung und Enteignung wird gerade in Deutschland immer wieder beschworen. Eine Gegenrede.

In Deutschland geht erneut die Angst vor der Inflation um. Seit Jahrzehnten ist es der Lieblingssport einiger in Politik und Wirtschaft, Angst vor dem Gespenst der Geldentwertung zu machen, die Menschen enteignet und die Wirtschaft schädigt. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse einen Kurswechsel vollziehen, fordern sie derzeit. Auch die Finanzpolitik dürfe nicht mehr so viel Unterstützung an Firmen und Menschen leisten - sie müsse stattdessen möglichst schnell wieder die schwarze Null erreichen.

Dieser Beitrag erschien erstmals 10. Mai als Gastbeitrag in der Wirtschaftswoche.

Wirtschaftspolitisch wäre dies jedoch der größte Fehler, den die Politik in dieser tiefen Krise begehen könnte. Die Sorge inmitten der Pandemie sollte nicht steigenden Preisen oder der Staatsverschuldung gelten, sondern dem irreparablen Schaden, den eine restriktivere Geld- und Finanzpolitik anrichtet: Sie würde zu vielen Insolvenzen und Arbeitslosigkeit führen. Vor allem aber würden die Investitionen ausbleiben, die die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nachhaltig sichern.

Grund für die aufkeimende Inflationsangst sind die steigenden Ölpreise und Transportkosten, die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Einführung der CO2 - Steuer vor dem Hintergrund einer expansiven Geldpolitik. Kaum steigt die Inflation ein wenig, schüren manche die Sorge vor einer ”Enteignung” der Sparerinnen und Sparer, die vielen die Altersvorsorge erschweren würde.

Drei oder vier Prozent Inflation müssen nicht schädlich sein

Bei genauerer Analyse fällt dieses Argumentationsgebäude wie ein Kartenhaus zusammen. Möglicherweise steigt 2021 die Inflation in Deutschland tatsächlich über die von der EZB angepeilte Marke von zwei Prozent, die generell als Preisstabilität verstanden wird. Aber selbst eine Inflation von drei oder vier Prozent wäre keine Größenordnung, bei der man von einer schädlichen Entwertung reden könnte. Diese wäre lediglich eine teilweise und temporäre Kompensation und eine notwendige Anpassung der relativen Preise nach vielen Jahren viel zu geringer Preisentwicklung, auch in Deutschland. Selbst das starke Wachstum der Geldmenge ist ein Scheinargument, denn noch immer kommt wenig von diesem Geld in Form von Krediten oder höheren Löhnen und Einkommen bei Unternehmen und Menschen an.

Eine anhaltende und schädliche Inflation entsteht meist erst dann, wenn die reale Wirtschaft boomt, also Unternehmen massiv Investitionen erhöhen, die Löhne steigen und der Konsum wächst, sodass die Nachfrage deutlich höher ist als das Angebot. Zurzeit gilt jedoch das Gegenteil: Europa und Deutschland haben eine sehr große Produktionslücke. Unternehmen könnten mehr produzieren als sie verkaufen. Das drückt die Preise, schwächt die Einkommen und gefährdet Arbeitsplätze.

Unternehmen würden von höherer Inflation profitieren

Eine höhere Inflation wäre für viele Unternehmen eher ein Segen als eine Sorge. Viele haben sich in der Pandemie stark verschuldet und müssen nun zusätzliche Einnahmen generieren, um Schulden abbauen und neue Investitionen tätigen zu können. Bei steigender Inflation könnten sie ihre Kredite leichter bedienen. Die zu geringe Preisdynamik der vergangenen Jahre hat viele Unternehmen in ihrer Investitionstätigkeit eher gebremst, gerade in europäischen Ländern mit schwächeren Wirtschaftsleistungen. Eine expansive EZB-Geldpolitik bleibt daher unersetzlich.

Beruhigen sollte auch die Tatsache, dass die Finanzmärkte und Unternehmen über die kommenden fünf Jahre eine Inflationsrate im Euro-Raum von nur 1,7 Prozent erwarten. In anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit ist deutlich größer, dass die Inflation auch in den kommenden fünf Jahren eher zu schwach als zu stark sein dürfte - und sich die Menschen keine Sorgen über eine schleichende Enteignung ihrer Ersparnisse machen müssen.

Ein Hoch auf expansive Politik

Kritische Stimmen verweisen auf die Diskussion in den USA, wo die neue Regierung ein riesiges Konjunkturpaket von 1,9 Billionen Dollar beschlossen hat. Einflussreiche Ökonomen wie der frühere US-Finanzminister Larry Summers und der frühere IWF-Chefökonom Olivier Blanchard warnen, dass ein so massives Programm die Inflation erhöhen und den künftigen finanzpolitischen Spielraum beschneiden könnte. Im Gegensatz dazu wirkt nicht nur die Finanzpolitik diesseits des Atlantiks bescheiden, auch die Produktionslücke ist in Europa deutlich größer als in den USA.

Unsere Sorge sollte vielmehr sein, dass Europa und Deutschland wirtschaftlich am stärksten von der Pandemie betroffen sind und dadurch abgehängt werden. Eine geringere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und ihrer Exporteure würde hier viele gute Jobs gefährden. Die richtige Reaktion Deutschlands und Europas auf das mutige Konjunkturpaket der USA kann nicht der Rückzug ins Schneckenhaus, sondern muss eine weiter expansive Finanzpolitik sein. Diese würde der Wirtschaft durch die Krise helfen und dringend notwendige Zukunftsinvestitionen in die Transformation der Wirtschaft mit Schwerpunkt auf Klimaschutz, Digitalisierung und Innovation anstoßen.

Angst ist meist der schlechteste Ratgeber für die Wirtschaftspolitik, gerade in einer tiefen Krise. Und von Gespenstern sollte man sich nicht einschüchtern lassen.

Themen: Geldpolitik

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