Marktkonzentrationstrend steigt in Dienstleistungsmärkten deutlich

DIW Wochenbericht 20 / 2021, S. 339-347

Pauline Affeldt, Tomaso Duso, Klaus Gugler, Joanna Piechucka

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  • Durchschnittlicher Marktkonzentrationstrend auf nationalen Produktmärkten in Deutschland bleibt zwischen 1995 und 2014 konstant
  • Konzentration verharrt im verarbeitenden Gewerbe im Schnitt auf hohem Niveau und steigt in Dienstleistungsmärkten um 41 Prozent
  • In EU- und weltweiten Dienstleistungsmärkten nimmt die Konzentration stärker zu als in nationalen Produktmärkten
  • Eintrittsbarrieren stehen wohl hinter heterogenen Konzentrationsniveaus, während immaterielle Investitionen nur in Dienstleistungsmärkten die Konzentration treiben
  • Strenge Wettbewerbspolitik ist wichtig, um Markteintrittsbarrieren abzubauen, Wettbewerb zu stärken und steigender Marktmacht vorzubeugen

„Zu einer steigenden Marktkonzentration kann im positiven Fall eine höhere Effizienz zum Beispiel durch immaterielle Investitionen wie Forschung und Entwicklung, Patente und Lizenzen geführt haben. Im negativen Sinn aber auch eine größere Marktmacht. Denken wir dabei nur an die Tech-Konzerne wie Google & Co.“ Tomaso Duso

Studien dokumentieren weltweit steigende Marktkonzentration, Gewinne und Preisaufschläge in vielen Wirtschaftssektoren seit den 1980er Jahren. Doch die Datenanalyse nach Wirtschaftszweigen entspricht nicht den ökonomisch relevanten Märkten im Sinne des Wettbewerbsrechts. Berechnungen auf Basis eines neuartigen Datensatzes über relevante Märkte zeigen hingegen, dass die Marktkonzentration in Deutschland zwischen 1995 und 2014 zwar sehr heterogen, aber der durchschnittliche Trend stabil ist. Im verarbeitenden Gewerbe verharrt er auf einem hohen Niveau, in den Dienstleistungsmärkten nimmt die durchschnittliche Konzentration um 41 Prozent zu. Dies ist sowohl in anderen Ländern wie Frankreich oder dem Vereinigten Königreich als auch in EU- und weltweiten Märkten zu beobachten. Die Konzentrationsniveaus korrelieren mit Markteintrittsbarrieren, während eine strenge Fusionskontrolle der Konzentration entgegenwirkt. Immaterielle Investitionen als möglicher Indikator von erhöhter Effizienz spielen hingegen nur in EU- und weltweiten Dienstleistungsmärkten eine Rolle. Die Kartellbehörden sollten in ihrem Bemühen um eine effektive Wettbewerbspolitik nicht nachlassen, um Wettbewerbsverzerrung durch Marktkonzentration zu verhindern. Andere Politikbereiche müssen ebenso dazu beitragen, Eintrittsbarrieren zu reduzieren.

Große US-Konzerne wie Google, Apple, Facebook, Amazon oder Microsoft (GAFAM) gelten seit langem als Quasi-Monopolisten in ihren Kern-Produktmärkten. Es wird befürchtet, dass sie ihre Monopolmacht zunehmend auch auf benachbarte Märkte ausdehnen. Dies bereitet den politischen Entscheidungsträgern weltweit erhebliche Sorgen und lässt sie nach neuen Instrumenten zur Zähmung der Tech-Giganten suchen.

Doch die Tendenz zur Monopolisierung von Märkten und zu zunehmender Konzentration ist nicht nur auf die digitale Sphäre beschränkt. Studien weisen darauf hin, dass sich die Marktanteile, zumindest auf dem US-MarktinfoThomas Philippon (2019): The Great Reversal: How America Gave Up on Free Markets. Harvard University Press., in fast jedem Wirtschaftssektor – von der Telekommunikation über die Pharmaindustrie bis hin zu Transport, Energie und Einzelhandel – auf immer weniger Unternehmen verteilen als noch vor zwanzig Jahren.

Dieser Konzentrationsprozess hat Folgen für alle BürgerInnen, da er potenziell die Preise erhöht, während Löhne, Investitionen, Produktivität und Wachstum sinken. Diese Prozesse verstärken die Ungleichheit in der Ökonomie, da die Unternehmen einen immer größeren Teil der volkswirtschaftlichen Renten abschöpfen und damit eine Umverteilung von VerbraucherInnen und ArbeitnehmerÍnnen hin zum Kapital stattfindet. Darüber hinaus wird befürchtet, dass die ungebremste Konzentration wirtschaftlicher Macht auch negativen Einfluss auf den politischen Prozess und demokratische Strukturen hat.

Die Debatte über die Gefahren der Marktkonzentration zusätzlich angeheizt hat eine wachsende Anzahl empirischer Studien, die steigende Konzentration, Gewinne und Preisaufschläge sowie sinkende Beschäftigung und Lohnquoten in vielen Branchen weltweit bereits seit den 1980er Jahren dokumentieren.infoDavid Autor et al. (2020): The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms. Quarterly Journal of Economics, 135(2) (online verfügbar, abgerufen am 5. Mai 2021. Dies gilt für alle Onlinequellen in diesem Bericht, sofern nicht anders vermerkt); Matej Bajgar, Chiara Criscuolo und Jonathan Timmis (2020): Supersize Me: Intangibles and Industry Concentration (mimeo) (online verfügbar); Matej Bajgar et al. (2019): Industry Concentration in Europe and North America. OECD Productivity Working Papers, Nr. 18. (online verfügbar); Sara Calligaris, Chiara Criscuolo und Luca Marcolin (2018): Mark-Ups in the Digital Era. OECD Science, Technology and Industry Working Papers, Nr. 10 (online verfügbar); Nicolas Crouzet und Janice C Eberly (2019): Understanding Weak Capital Investment: The Role of Market Concentration and Intangibles. Technical Report. National Bureau of Economic Research (online verfügbar); Gustavo Grullon, Yelena Larkin und Roni Michaely (2019): Are US Industries Becoming More Concentrated? Review of Finance, 23(4), 697–743 (online verfügbar); Germán Gutiérrez und Thomas Philippon (2018): How EU Markets became More Competitive than US Markets: A Study of Institutional Drift. Technical Report. National Bureau of Economic Research (online verfügbar); Jan De Loecker und Jan Eeckhout (2018): Global Market Power. Technical Report. National Bureau of Economic Research (online verfügbar); Jan de Loecker, Jan Eeckhout und Gabriel Unger (2020): The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications. The Quarterly Journal of Economics, 135(2), 561–644 (online verfügbar). Die Diskussion über die zunehmende Marktkonzentration hat sich mit der Covid-19-Pandemie noch verschärft, da befürchtet wird, dass beispielsweise die Tech-Konzerne von Eindämmungsmaßnahmen in der Pandemie besonders profitieren.infoSiehe zum Beispiel The Economist (2018): Competition is withering on both sides of the Atlantic, 20. November (online verfügbar); Austan Goolsbee (2020): Big Companies Are Starting to Swallow the World. New York Times vom 30. September (online verfügbar); Beata Javorcik: Staatskonzerne und Big Tech könnten die großen Gewinner der Coronakrise werden. Homo Oeconomicus. Handelsblatt vom 17. Februar (online verfügbar).

In Deutschland haben die Monopolkommission und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Entwicklung der Marktkonzentration untersucht. In ihrem letzten Hauptgutachten aus dem Jahr 2020 hat die Monopolkommission insgesamt zwar keinen signifikanten Anstieg der durchschnittlichen Umsatzkonzentration über alle deutschen Wirtschaftsbereiche zwischen 2007 und 2017 festgestellt.infoDie Monopolkommission veröffentlicht regelmäßig ihr Hauptgutachten, in dem sie unter anderem den Stand und die Entwicklung der Unternehmenskonzentration in Deutschland analysiert. Monopolkommission (2020): Wettbewerb 2020 – XXIII. Hauptgutachten der Monopolkommission (online verfügbar). Das BMWi kommt in seiner kürzlich veröffentlichten Studie zu Marktkonzentration, Produktivität und Preisaufschlägen auf Basis der von der Monopolkommission aufbereiteten und bereitgestellten Daten zu dem gleichen Schluss, was die branchenübergreifende Marktkonzentration im Zeitraum 2007 bis 2015 angeht. Vgl. Alexandra Effenberger et al. (2020): Marktkonzentration, Produktivität und Preisaufschläge: Deskriptive Evidenz auf Basis amtlicher Daten für Deutschland. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Diskussionspaper Nr. 9 (online verfügbar). Allerdings dokumentiert das Gutachten, wie heterogen die Sektoren aufgestellt sind und dass die Konzentration im Dienstleistungsbereich und im Baugewerbe in den Jahren 2015 bis 2017 ansteigt.

Dieser Bericht will der Frage nachgehen, wie sich die Marktkonzentration in Deutschland tatsächlich entwickelt, stützt sich dabei aber erstmals auf neuartige DateninfoPauline Affeldt, Tomaso Duso und Florian Szücs (2018): EU merger control database: 1990–2014. DIW Data Documentation, Nr. 95 (online verfügbar), die sich nicht – wie die oben beschriebenen Studien und Berichte – auf die Firmenebene und breit definierte Wirtschaftszweige beschränken. In der vorliegenden Analyse wird stattdessen auf Basis korrekt abgegrenzter relevanter sachlicher und räumlicher Märkte die Konzentrationsentwicklung in Deutschland untersucht.

Wie misst man Marktkonzentration?

Fast alle Studien, seien es akademische Arbeiten oder Politikberichte, verwenden zur Berechnung von Konzentrationskennzahlen die Umsatzdaten auf Firmenebene und ordnen diese Firmen mithilfe von Wirtschaftszweigklassifikationen bestimmten Sektoren auf nationaler Ebene zu. Dies ist jedoch höchst problematisch, da das Vorgehen aus mindestens drei Gründen zu falschen Konzentrationsmaßen führen kann.

Erstens entsprechen Wirtschaftszweige nicht den ökonomisch relevanten Märkten im Sinne der kartellrechtlichen Marktabgrenzung. Ein relevanter Markt umfasst alle Produkte und Dienstleistungen, die aus Sicht der NachfragerInnen Substitute füreinander, also austauschbar sind.infoDie Europäische Kommission definiert in ihren Untersuchungen von Unternehmenszusammenschlüssen relevante Märkte auf der Grundlage des Konzepts der Substitution zwischen den auf den Märkten konkurrierenden Produkten. Weitere Details finden sich in ihrer Bekanntmachung über die Definition des relevanten Marktes. Wirtschaftszweige werden hingegen auf Basis von Produktionsprozessen und nicht auf Basis von Substituierbarkeit aus Sicht der NachfragerInnen definiert.infoDie Monopolkommission merkt in ihrem Gutachten selbst an, dass Konzentrationskennzahlen auf Basis von Wirtschaftszweigklassifikationen nicht als Marktkonzentration, sondern lediglich als nationale Unternehmenskonzentration interpretiert werden können. Vgl. Monopolkommission (2020), a.a.O., 125/126.

Zweitens basiert die Zuordnung eines Unternehmens zu einem Wirtschaftszweig in der Regel auf der Haupttätigkeit, die über die Wertschöpfungsanteile der einzelnen Aktivitäten bestimmt wird. Jedes Unternehmen wird also mit seinem Gesamtumsatz einem einzigen Wirtschaftszweig zugeordnet, auch wenn es in mehreren Sektoren und Produktmärkten tätig ist. Ein Konzern wie beispielsweise Siemens stellt jedoch so viele verschiedene und nicht miteinander verwandte Produkte her, dass es zur Bestimmung der Marktkonzentration problematisch ist, das gesamte Unternehmen einem bestimmten Wirtschaftszweig zuzuordnen.

Drittens sind relevante Märkte nicht immer durch die geografischen Grenzen eines Landes bestimmt, obwohl Branchenstatistiken oft auf dieser Ebene berechnet werden. So kann der relevante geografische Markt für viele Dienstleistungen lokal begrenzt sein, da die VerbraucherInnen nicht bereit sind, sehr weite Distanzen zurückzulegen, um zum Beispiel einen Friseursalon oder eine Arztpraxis aufzusuchen. Andere Dienstleistungen, wie IT-Dienstleistungen oder Beratungsdienstleistungen, werden zunehmend auch online angeboten, so dass die Dienstleister möglicherweise auf einer weiteren als der lokalen oder sogar nationalen Ebene miteinander konkurrieren. Auch Komponentenhersteller oder Logistik- und Transportunternehmen konkurrieren oft auf EU-weiter oder sogar globaler Ebene.

Um zu veranschaulichen, warum das Konzept des relevanten Marktes im Sinne des Wettbewerbsrechts so wichtig und entscheidend für die Messung von Marktkonzentration und Marktmacht ist, mag als Beispiel der geplante Unternehmenszusammenschluss zwischen Alstom und Siemens dienen, der von der EU-Kommission abgelehnt wurde (Kasten 1).

Der viel diskutierte, aber gescheiterte Unternehmenszusammenschluss zwischen Alstom und Siemens ist ein gutes Beispiel, um zu veranschaulichen, warum das Konzept des relevanten Marktes im Sinne des Wettbewerbsrechts so wichtig und entscheidend für die Messung von Marktkonzentration und Marktmacht ist.infoEuropäische Kommission (2019): Case M.8677 Siemens/Alstom. Merger Procedure Regulation (EC) 139/2004 (online verfügbar). Die beiden Unternehmen, die Hunderte verschiedene Produkte herstellen, planten im Herbst 2017, ihre Aktivitäten im Bereich der Bahn-Signaltechnik und der Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge zusammenzulegen. Aufgrund der Größe des Zusammenschlusses und seiner potenziell problematischen Auswirkungen auf den Wettbewerb in der Europäischen Union wurde die geplante Fusion von der EU-Kommission kartellrechtlich geprüft.

Die Kommission äußerte ernsthafte Bedenken, da der Zusammenschluss den Wettbewerb in bestimmten Märkten, zum Beispiel bei bestimmten Hauptbahn-SignaltechnikprojekteninfoDer Markt für Hauptbahn-Signaltechnik wurde in unterschiedliche Produktmärkte unterteilt, die wiederum unterschiedlich räumlich abgegrenzt wurden. Während einige Märkte als EWR-weit abgegrenzt wurden, wurden andere als nationale Märkte definiert. und Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen, erheblich einschränken würde. Die Kommission hatte also keine Bedenken hinsichtlich des Gesamtwettbewerbs zwischen allen von diesen beiden Unternehmen hergestellten Produkten, sondern nur hinsichtlich der präzise definierten Märkte, auf denen die Produkte miteinander konkurrieren und auf denen die Überschneidungen sowohl im Produktangebot als auch den räumlichen Märkten zwischen den beiden Unternehmen sehr groß sind.

So wurde beispielsweise für den Produktmarkt der Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge der räumlich relevante Markt entweder als Europäischer Wirtschaftsraum (EWR) einschließlich der Schweiz oder als weltweiter Markt ohne Südkorea, Japan und China definiert, da sich diese Länder vom internationalen Wettbewerb abschotten. In diesem Fall entschied die Kommission, dass der Zusammenschluss auf jedem dieser räumlichen Märkte eine erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs zur Folge hätte.

Siemens und Alstom argumentierten jedoch vehement, dass der zunehmende Wettbewerb durch den chinesischen Konkurrenten CRRC Corporation jedwede negative Auswirkung des Vorhabens auf den wirksamen Wettbewerb im EWR verhindern würde. Die Kommission hielt diesem Argument entgegen, dass der Wettbewerber aus China im problematischsten Produktmarkt der Hoch- und Höchstgeschwindigkeitsfahrzeuge in absehbarer Zeit keinen erheblichen Wettbewerbsdruck auf die fusionierenden Parteien ausüben könne. Durch den Zusammenschluss wären Alstom und Siemens auf diesem Markt in der EU zu Quasi- Monopolisten geworden.

Letztlich verbot die EU-Kommission das Zusammenschlussvorhaben im Februar 2019. Sowohl Paris als auch Berlin kritisierten die Entscheidung heftig.infoVgl. zum Beispiel Peter Altmaier und Bruno Le Maire (2019): Europa braucht Industrie-Champions. Tagesspiegel vom 9. Februar (online verfügbar). Diese Fusionsentscheidung führte zu einer allgemeineren Debatte über die europäischen Wettbewerbsregeln, insbesondere darüber, ob eine europäische Industriepolitik „europäische Champions“ fördern solle, um auf dem globalen Markt zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben.infoZur Medienberichterstattung siehe zum Beispiel Frankfurter Allgemeine Zeitung (2019): Altmaier und Le Maire wollen die Regeln ändern. 6. Februar (online verfügbar); Dana Heide (2019): Wie Merkel und Altmaier die Fusion von Siemens und Alstom durchdrücken wollten. Handelsblatt vom 13. März (online verfügbar). Im Anschluss an die Diskussion um die Siemens/Alstom-Fusionsentscheidung haben Frankreich und Deutschland ein „Franco-German Manifesto for a European Industrial policy fit for the 21st Century“ verfasst (online verfügbar).

Die EU-Fusionsdatenbank erlaubt bessere Abgrenzung relevanter Märkte

Ein neuartiger Datensatz ermöglicht es, Konzentrationskennzahlen auf der Ebene des relevanten (sachlichen und räumlichen) Marktes und nicht auf der Ebene breit definierter Wirtschaftszweige zu berechnen. Die EU-Fusionsdatenbank basiert auf der Analyse von fast 6000 Fusionen, die einer kartellrechtlichen Prüfung durch die Generaldirektion für Wettbewerb (GD Wettbewerb) der EU-Kommission unterzogen wurden.infoIn der EU müssen alle größeren Unternehmenszusammenschlüsse (oder Fusionen und Übernahmen), die einen wesentlichen Teil der EU betreffen – im Kartellrechtsjargon: „die eine gemeinschaftsweite Bedeutung haben“ – bei der EU-Kommission angemeldet werden. Die GD Wettbewerb untersucht, ob der Zusammenschluss den wirksamen Wettbewerb erheblich behindern und die VerbraucherInnen schädigen könnte. Alle Fusionsfälle und -entscheidungen werden von der GD Wettbewerb veröffentlicht und sind auf der Website der Kommission öffentlich zugänglich. Diese Daten im Zeitraum 1995 bis 2014 wurden für die vorliegende Studie verwendet.infoAffeldt, Duso und Szücs (2018), a.a.O. Die meisten dieser Fusionen wurden von der Kommission genehmigt, manche unter Auflagen, nur 17 Fusionen wurden in dem Zeitraum untersagt.

Zur Berechnung der Konzentrationskennzahlen wurden die folgenden Schlüsselinformationen aufgenommen (zum Zeitpunkt der Fusionsanmeldung): die am Zusammenschluss beteiligten Unternehmen und ihre Wettbewerber in jedem von der GD Wettbewerb definierten relevanten (sachlichen und räumlichen) Markt, der vom Zusammenschluss betroffen ist; die Marktanteile aller Unternehmen (falls verfügbar); ob der Markt auf nationaler/lokaler, EU-weiter oder weltweiter Ebene räumlich abgegrenzt ist oder ob die räumliche Marktabgrenzung offen gelassen wurde. Mit diesen Informationen lässt sich der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) als Maß für den Konzentrationsgrad auf der Ebene des relevanten Marktes berechnen (Kasten 2).infoMiteinbezogen werden Fusionen, für die die Kommission zumindest die gemeinsamen Marktanteile der beteiligten Unternehmen nach dem Zusammenschluss sowie die Marktanteile von mindestens einem wichtigen Wettbewerber erfasst hat. Dies führt zu einem Datensatz mit 9346 Beobachtungen auf Ebene des sachlich und räumlich relevanten Marktes. Da die Marktanteile nur als Intervalle in den Kommissionsberichten ausgewiesen werden, enthält das Konzentrationsmaß einen Messfehler. Wichtig ist, dass eine Beobachtung im Datensatz nicht einem Unternehmenszusammenschluss entspricht, sondern einen betroffenen sachlich und räumlich abgegrenzten Markt darstellt.

Der Konzentrationsgrad wird mit dem Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) gemessen, definiert als die Summe der Quadrate aller verfügbaren Marktanteile auf dem relevanten Markt:

HHI=j=1Jsj2

Wobei j das Unternehmen und sj der prozentuale Marktanteil von Unternehmen j auf diesem Markt sind.

Der HHI berücksichtigt sowohl die Anzahl als auch die relative Größenverteilung der auf dem Markt aktiven Unternehmen. Er geht gegen Null, wenn der Markt durch eine große Anzahl relativ ähnlich großer Firmen gekennzeichnet ist und erreicht sein Maximum von 10000 in einem Markt mit einer einzigen Firma.

In die Berechnung einbezogen werden nur Beobachtungen, für die die EU-Kommission die gemeinsamen Marktanteile der beteiligten Unternehmen nach dem Zusammenschluss sowie die Marktanteile von mindestens einem wichtigen Wettbewerber erfasst hat (44 Prozent der relevanten Märkte). Dies führt zu einem Datensatz mit 9346 Beobachtungen auf Ebene des sachlich und räumlich relevanten Marktes. Berechnet wird der HHI-Wert nach dem Zusammenschluss, das heißt, der gemeinsame Marktanteil der fusionierenden Parteien wird bei der Berechnung berücksichtigt. Da nicht immer die Marktanteile aller Wettbewerber angegeben werden, kann das Konzentrationsmaß als Untergrenze des tatsächlichen HHI-Werts interpretiert werden.infoFür eine vollständige Erläuterung der Berechnung des Konzentrationsmaßes vgl. Pauline Affeldt, Tomaso Duso und Florian Szücs (2021): Twenty-five Years European Merger Control: The Determinants of the Commission's Decisions. International Journal of Industrial Organization, 76 (online verfügbar).

Auch die Monopolkommission und das BMWi benutzen in ihren Studien den HHI als Maß für den Konzentrationsgrad eines Marktes. Zusätzlich verwenden sie noch die Konzentrationsrate CR6, das heißt den prozentualen Umsatzanteil, der auf die sechs umsatzstärksten Unternehmen entfällt. Allerdings berechnen sie diese Konzentrationsmaße auf der Ebene eines Wirtschaftssektors anstatt eines relevanten Marktes.

Marktkonzentration in Deutschland: in verarbeitendem Gewerbe stabil, bei Dienstleistungen deutlich steigend

Zunächst soll die zeitliche Entwicklung des HHI-Maßes für alle Produktmärkte untersucht werden, bei denen Deutschland der räumlich relevante Markt ist (Abbildung 1). Während der durchschnittliche HHI zwischen 1500 und 4000 Punkten schwankt, ist über die Zeit kein klarer Trend in der Konzentration zu beobachten. Allerdings ist die Schwankungsbreite um diesen Trend sehr hoch. Der niedrigste HHI liegt bei 34, der höchste beim Maximalwert von 10000 Punkten.

Interessanterweise ist festzustellen, dass der durchschnittliche deutsche HHI-Wert auf Basis der EU-Fusionsdatenbank (2700 Punkte) fast dreimal so hoch ist wie der Durchschnitt von rund 1000 Punkten, den die Monopolkommission für den Zeitraum von 2007 bis 2017 ausweist.infoVgl. Monopolkommission (2020), a.a.O., 126. Im Einklang damit meldet das BMWi einen Mittelwert von 939 Punkten für den Zeitraum 2007 bis 2015. Vgl. Effenberger et al. (2020), a.a.O., 4. Die Monopolkommission berichtet auch, dass 75 Prozent der Wirtschaftszweige in diesem Zeitraum einen Wert von weniger als 1500 Punkten aufweisen. Nur zehn Prozent der Wirtschaftszweige haben im gleichen Zeitraum einen überdurchschnittlich hohen HHI-Wert zwischen 2500 und 4000 Punkten. Diese niedrigeren Konzentrationswerte sind nicht überraschend, da im Allgemeinen Sektoren, die auf der Grundlage von Wirtschaftszweigklassifikationen definiert werden, viel breiter sind als die in Kartellverfahren definierten relevanten Produktmärkte.

Entwicklung in Sektoren sehr heterogen

Bei der Unterscheidung der Konzentrationstrends nach grob definierten Sektoren zeigt sich, dass das verarbeitende Gewerbe und der Dienstleistungssektor in der Tat divergierende HHI-Trends in deutschen nationalen Produktmärkten aufweisen (Abbildung 2).infoJeder in der EU-Fusionsdatenbank erfasste Unternehmenszusammenschluss enthält von der Kommission bereitgestellte Informationen über die von der Fusion betroffenen NACE-Branchen. Die Produktmärkte wurden auf Basis ihrer NACE-Branche entweder dem verarbeitenden Gewerbe oder dem Dienstleistungssektor zugeordnet. Dabei wurden die NACE-Abschnitte A, B, C und D dem verarbeitenden Gewerbe zugeordnet, während die NACE-Abschnitte E bis S als Dienstleistungen klassifiziert wurden. Der lineare Trend für deutsche Dienstleistungsmärkte zeigt, dass die durchschnittliche Konzentration zwischen 1995 und 2014 um 41 Prozent steigt, von etwa 2000 auf etwa 3000 Punkte, und damit durchschnittlich zwei Prozent pro Jahr.infoEs ist zu beachten, dass diese linearen Trends stark von den Beobachtungen im ersten und letzten Jahr beeinflusst werden. Sie sind daher mit Vorsicht zu betrachten. Die Konzentration in den Märkten des verarbeitenden Gewerbes bleibt über die Zeit auf einem konstant hohen Niveau von fast 3000 Punkten.infoDie Anzahl der Produktmärkte im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor beläuft sich im Beobachtungszeitraum auf 369 beziehungsweise 171. Die Datenverfügbarkeit für die jeweiligen Sektoren variiert über die Zeit: Während die Daten je nach Jahr zwischen fünf und 37 Märkte des verarbeitenden Gewerbes enthalten, variiert die Anzahl der Dienstleistungsmärkte zwischen eins und 35. In beiden Sektoren ist die Heterogenität um den Trend sehr hoch.

Im Gegensatz dazu erkennt die Monopolkommission keinen Anstieg der Konzentration im Dienstleistungsbereich vor 2015.infoDie Monopolkommission unterscheidet die Sektoren Industrie, Baugewerbe, Dienstleistungen und Handel, während in dieser Studie nur zwischen verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungen (inklusive Baugewerbe und Handel) unterschieden wird. Sie berichtet, dass die Konzentration erst zwischen 2015 und 2017 um 17 Prozent im Dienstleistungsbereich und zehn Prozent im Baugewerbe gestiegen ist.infoMonopolkommission (2020), a.a.O., 127.

Die Konzentrationsniveaus auf Basis der EU-Fusionsdatenbank sind zudem wieder deutlich höher als die von der Monopolkommission berichteten. Für den Zeitraum 2007 bis 2017 stellt die Monopolkommission Konzentrationsniveaus fest, die zwischen rund 600 und 900 Punkten im Dienstleistungsbereich und zwischen rund 1200 und 1600 Punkten in der Industrie schwanken.infoMonopolkommission (2020), a.a.O.,128, Abbildung II.29.

Frankreich und UK weisen ähnlich Tendenzen in ihren nationalen Märkten auf

Es stellt sich die Frage, ob diese Befunde spezifisch für Deutschland sind oder ein allgemeines Muster darstellen, das auch in nationalen Produktmärkten anderer europäischer Länder zu beobachten ist. Dazu wird die Entwicklung des HHI für national definierte Produktmärkte in Deutschland mit derjenigen in Frankreich und dem Vereinigten Königreich verglichen.infoZusammen mit Deutschland (540 Beobachtungen) sind Frankreich (537) und das Vereinigte Königreich (644) die Länder, für die die größte Anzahl an nationalen Produktmärkten in der EU-Fusionsdatenbank über den gesamten Zeitraum beobachtet wurde. Demnach sind auch in diesen Ländern ähnliche divergierende Konzentrationstrends im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor zu beobachten (Abbildung 3). Die Konzentration im Dienstleistungssektor ist im Vereinigten Königreich mit einem Anstieg des durchschnittlichen HHI von 170 Prozent in den betrachteten 20 Jahren, also im Schnitt 8,5 Prozent pro Jahr, besonders ausgeprägt. In Frankreich entwickelt sich die Konzentration ähnlich wie in Deutschland.

EU- und weltweite Märkte: Auch hier nimmt die Konzentration in den Dienstleistungsbranchen zu

Bei vielen Produkten konkurrieren die Unternehmen jedoch auf einer EU-weiten oder globalen Ebene und nicht nur in nationalen Märkten. Je nach Produkt oder Dienstleistung kann die korrekte geografische Marktdefinition mehrere Länder oder die gesamte EU umfassen, oder der Wettbewerb kann sogar auf Weltmärkten stattfinden. Diese Unterscheidung konnte anhand der konventionellen Daten aus anderen Studien bisher nicht gemacht werden; die Daten aus der EU-Fusionsdatenbank ermöglichen diese Analyse. Zwar sind etwa 61 Prozent der Märkte in der EU-Fusionsdatenbank als national definiert, es gibt aber auch eine beträchtliche Anzahl von Märkten, die von der Kommission als EU-weit (26 Prozent) oder weltweit (13 Prozent) definiert wurden (Abbildung 4).infoFür das letzte Jahr (2014) sind nicht alle Fusionsfälle in der Datenbank enthalten.

Bei dieser erweiterten Betrachtung lassen sich zwei Muster identifizieren, die sich schon für deutsche und andere europäische nationale Märkte beobachten ließen (Abbildung 5): Erstens liegt die durchschnittliche Konzentration in den Märkten des verarbeitenden Gewerbes relativ konstant bei etwa 2500 Punkten – also einem etwas niedrigeren Durchschnittswert als in Deutschland, sowohl für die EU-weiten als auch für die weltweiten Märkte. Zweitens: Während die Dienstleistungsmärkte zu Beginn der Beobachtungsperiode deutlich weniger konzentriert sind als die Märkte des verarbeitenden Gewerbes, nimmt die Konzentration auf den Dienstleistungsmärkten im Laufe der Zeit stark zu. Dieser Konzentrationsanstieg ist umso ausgeprägter, je größer der betrachtete räumliche Markt ist. Der durchschnittliche jährliche Anstieg beträgt 19 Prozent (340 Prozent insgesamt im Zeitraum 1997 bis 2014) auf den EU-weiten Dienstleistungsmärkten gegenüber einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von 265 Prozent auf den weltweiten Dienstleistungsmärkten im Zeitraum 1999 bis 2014. Zwischen 1997 und 2014 steigt die durchschnittliche Konzentration auf den EU-weiten Dienstleistungsmärkten von circa 1000 auf circa 4300 Punkte, auf den weltweiten von weit unter 1000 Ende der 90er Jahre auf fast 5500 Punkte im Jahr 2014.infoDer Wert lag im Jahr 1999 im Durchschnitt bei 800 und im Trend bei gut 100. Ihm liegen aber für dieses Jahr nur sehr wenige Beobachtungen zugrunde. Somit bestätigen die Trends in den EU-weiten und weltweiten Märkten, dass die Konzentration in den Dienstleistungsbranchen zunimmt, während sie im verarbeitenden Gewerbe im Zeitverlauf konstant ist.

Marktmacht treibt Konzentration mehr als Effizienz

Aber welche Kräfte treiben die große Heterogenität in den Konzentrationswerten zwischen Produktmärkten? Und sind dies dieselben Kräfte, die auch das hohe durchschnittliche Niveau im verarbeitenden Gewerbe und die unterschiedliche Entwicklung in den Sektoren erklären?

Die akademische und politische Diskussion wird in dieser Frage kontrovers geführt. Einige Studien führen an, dass zunehmende Effizienz und überlegene Technologie einiger weniger innovativer „Super-Star“-Firmen die Konzentration sowie steigende Preisaufschläge und Gewinne treiben.infoAutor et al. (2020), a.a.O. Die wachsende Bedeutung von immateriellen Vermögenswerten, wie Forschung und Entwicklung, Patente, Lizenzen und Software, spielt bei diesen Mustern eine Schlüsselrolle, die besonders in Dienstleistungsmärkten relevant sein kann.infoBajgar, Criscuolo und Timmis (2020), a.a.O. Andere Studien gehen stattdessen davon aus, dass die zunehmende Konzentration sowie die steigenden Gewinne und Gewinnspannen auf die ungehindert wachsende Marktmacht und die strategische Errichtung von Markteintrittsbarrieren zurückzuführen sind, gerade im Dienstleistungsbereich. Dieser Anstieg der Marktmacht kann auch auf eine zunehmende Fusionsaktivität und fehlende Kartellrechtsdurchsetzung zurückzuführen sein.infoGutiérrez und Philippon (2018), a.a.O.; Philippon (2019), a.a.O.

Die EU-Fusionsdaten können etwas Licht in diese Debatte bringen. Dazu werden wichtige Faktoren, die mit den Konzentrationsmaßen korrelieren, identifiziert.infoFür die Details der Berechnung siehe Pauline Affeldt et al. (2021): Market Concentration in Europe: Evidence from Antitrust Markets. CEPR Discussion Paper, Nr. DP15699 (online verfügbar). Die Zusammenhänge können auch differenziert nach Marktgröße und Sektoren dargestellt werden. So zeigt sich, dass Markteintrittsbarrieren deutlich positiv mit der Konzentration korrelieren, unabhängig von den untersuchten Zeiträumen, Wirtschaftszweigen und der geografischen Marktdimension, aber umso mehr, desto kleiner die geografische Marktdefinition ist. Markteintrittsbarrieren gelten als eine der wichtigsten Quellen für die Entstehung von Marktmacht. Eine vorherige strikte Fusionskontrolle durch die EU-Kommission wirkt der Konzentration entgegen. Schließlich korrelieren immaterielle Investitionen – eine mögliche Quelle von Effizienz – positiv mit der Konzentration im Dienstleistungssektor in EU-weiten und weltweiten Märkten.

Marktmacht ist also durchaus im Zusammenhang mit hohen Konzentrationswerten in allen Märkten zu sehen, während höhere Effizienz nur in breiten Dienstleistungsmärkten eine Rolle spielt. Das könnte erklären, warum sich die durchschnittlichen Trends zwischen den Sektoren und Marktgrößen unterscheiden. In Dienstleistungsmärkten, besonders in immer globaler werdenden Märkten, können Effizienz und Marktmacht Hand in Hand gehen. Die Internet-Giganten von GAFAM sind ein gutes Beispiel dafür. Diese Unternehmen haben eine große Palette an neuen Produkten und Dienstleistungen generiert und sich durch ihre höhere Effizienz etabliert. Gleichzeitig verleiten ihre gewaltige Größe, ihre unvergleichbare Datensammlung, die durch ihre Plattformstruktur generierten enormen Netzwerkeffekte sowie ihre Gatekeeper-Position in vielen Märkten sie dazu, ihre marktbeherrschende Stellung zu missbrauchen. Die vielen Missbrauchsverfahren gegen Big-Tech in Deutschland, Europa und der Welt bestätigen diesen Trend.infoVgl. zum Beispiel Android Auto: Google soll Konkurrenz ausgebremst haben – gut 100 Mio Euro Strafe. Euronews vom 13. Mai 2021 (online verfügbar).

Fazit: Effektive Wettbewerbspolitik soll Wettbewerbsverzerrung durch Marktkonzentration verhindern

Entgegen vielen Befürchtungen, aber in Übereinstimmung mit jüngeren Studien der Monopolkommission und des BMWi ist der Marktkonzentrationstrend auf den nationalen Produktmärkten in Deutschland im Schnitt konstant. Die Auswertungen auf Basis relevanter Märkte zeigen aber, dass die Marktkonzentration sehr viel höher ausfällt als bisher angenommen und über die Produktmärkte hinweg sehr heterogen ist. Zudem gibt es deutliche sektorale Unterschiede. So bleibt im verarbeitenden Gewerbe die durchschnittliche Konzentration seit 1995 auf einem hohen Niveau konstant, während der durchschnittliche Trend bei den Dienstleistungen von einem niedrigeren Niveau kommend bis 2014 um rund 41 Prozent zunimmt. Es ist aber davon auszugehen, dass sich dieser Trend in den Folgejahren fortgesetzt oder sogar verschärft hat. Ein Konzentrationsanstieg ab 2015 ist bereits mit den konventionellen Daten der Monopolkommission belegt worden und könnte somit auf der Datenbasis relevanter Märkte noch drastischer ausfallen.

Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass Märkte mit hohen Eintrittsbarrieren deutlich konzentrierter sind. Das gilt sowohl im Dienstleistungssektor als auch im verarbeitenden Gewerbe und bei allen Marktgrößen. Hohe immaterielle Vermögenswerte korrelieren hingegen nur in weiten Dienstleistungsmärkten positiv mit der Marktkonzentration. Schließlich tendieren Märkte, die von einer aktiven Fusionskontrolle seitens der EU-Kommission betroffen sind, weniger zur Marktkonzentration. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass erhöhte Effizienz für die Marktkonzentration nur eine begrenzte Rolle spielt. Faktoren, die als Quellen von Marktmacht gesehen werden können, spielen hingegen in allen Märkten eine große Rolle, um das Marktkonzentrationsniveau zu erklären.

Diese Resultate haben wichtige politische Konsequenzen. Um die VerbraucherInnen vor den negativen Folgen zunehmender Marktkonzentration wie hohen Preisen, schlechterer Qualität und niedriger Innovationskraft zu schützen, muss die Politik Märkte offen und wettbewerbsfähig halten. Die Kartellbehörden sowohl in Deutschland als auch in Europa sollten weiter und sogar verstärkt eine strenge Fusionskontrolle und, allgemeiner, eine strenge Wettbewerbspolitik durchsetzen und Markteintrittsbarrieren abbauen. Letzteres ist jedoch nicht allein Aufgabe der Kartellbehörden. Andere Politikbereiche wie Regulierung, Institutionen, die Normen und Standards setzen, sowie internationale Kooperationsabkommen müssen ebenso dazu beitragen. Jedoch kann in bestimmten Märkten, zum Beispiel in Dienstleistungsbranchen mit einem hohen Anteil an immateriellen Vermögenswerten, eine zunehmende Konzentration auch Ausdruck von Effizienzsteigerung sein. Es ist die Aufgabe der Politik, die Balance zwischen diesen Kräften zu wahren.

Joanna Piechucka

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Unternehmen und Märkte

Pauline Affeldt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Unternehmen und Märkte

Tomaso Duso

Abteilungsleiter in der Abteilung Unternehmen und Märkte



JEL-Classification: L19;L24;L40;K21
Keywords: Concentration; HHI; Antitrust markets
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-20-1

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