Die Inflation geht wieder zurück, sobald die Einmaleffekte abebben: Interview

DIW Wochenbericht 42 / 2021, S. 705

Kerstin Bernoth, Erich Wittenberg

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Frau Bernoth, lange Zeit lag die Inflation unter der von der EZB angestrebten Zielmarke von knapp unter zwei Prozent. In diesem Sommer ist sie sprunghaft angestiegen. Was ist passiert? Viele Faktoren haben zu diesem Anstieg geführt. Der wichtigste Faktor ist die Erholung der Energiepreise. Im Zuge der Coronakrise sind die Energiepreise gefallen und haben sich, als sich die Corona-Pandemie etwas abschwächte, wieder erholt. Das erklärt einen großen Teil des Inflationsanstiegs.

Es gibt noch andere Faktoren, die Sie identifiziert und analysiert haben. Welche sind das? Das ist zum einen der angespannte Arbeitsmarkt, aber auch die Gesamtnachfrage, die durch die enormen fiskalischen Stimulationspakete angeschoben wird. Dazu kommen die Produzentenpreise, die aufgrund von hohen Transportkosten und Rohstoffpreisen zurzeit auch auf einem sehr hohen Niveau sind.

Welche dieser Faktoren haben nur eine vorübergehende Wirkung und welche Faktoren könnten die Inflation dauerhaft antreiben? Eigentlich haben all diese Faktoren nur eine vorübergehende Wirkung. Wir nehmen an, dass die Produzentenpreise nur vorübergehend auf einem so hohen Niveau sind und dass sich die Engpässe im Transportwesen und bei den Rohstoffen bald wieder lockern. Auch der Arbeitsmarkt, der gerade durch die Pandemie eher angespannt ist, dürfte sich bald wieder etwas entspannen. Allerdings tragen die Inflationserwartungen das Risiko in sich, die Inflation für längere Zeit etwas anzutreiben. Die müssen wir jetzt im Blick behalten. Wir haben also viele Faktoren, die gerade temporär die Inflation anheben. Wenn aber die Bevölkerung denkt, dass diese temporären Faktoren länger anhalten werden, werden sich die Inflationserwartungen nach oben anpassen. Das beeinflusst dann die Lohnverhandlungen und Preissetzungen und hat das Potenzial, zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden, die die Inflation dauerhaft auf einem höheren Niveau hält.

Gehen Sie davon aus, dass sich die Inflation auf dem aktuellen Niveau stabilisiert? Wir gehen davon aus, dass die Inflation sich in den nächsten Quartalen erst einmal ungefähr auf diesem Niveau stabilisieren wird, aber dann auch im nächsten Jahr wieder zurückgeht, sobald die Einmaleffekte abebben. Eine genaue Prognose ist aber schwierig, weil wir eine Situation wie die Pandemie noch nie hatten. Die Produktionsengpässe, die wir zurzeit beobachten, dauern jetzt schon länger, als man noch im Frühjahr erwartet hatte. Dies ist auch ein wichtiger Grund, warum momentan die Preise steigen.

Was könnte zur konjunkturellen Erholung beitragen? Zum einen ein Aufleben der inländischen Nachfrage, getrieben durch den privaten Konsum. Hier erwarten wir einen großen Schub, weil die Haushalte während der Pandemie sehr viel gespart haben, was jetzt Nachholeffekte bewirkt. Aber auch die Fiskalpolitik ist sehr expansiv und wird die Produktion mit antreiben. Zudem wird der weltweite Impffortschritt die globale Exportwirtschaft wieder ankurbeln.

Wie sollte die EZB reagieren? Die EZB sollte die derzeitige Politik weiterführen, denn wenn wir die Energiepreise aus der Inflation herausrechnen, sind wir immer noch unterhalb des Inflationsziels. Die EZB hat ja ihr Inflationsziel im Juli revidiert und gesagt, die Inflation sollte symmetrisch um die zwei Prozent schwanken. Davon ausgehend haben wir das Inflationsziel eigentlich noch nicht erreicht, wenn diese Einmaleffekte im nächsten Jahr abebben. Wichtig ist, dass die EZB die Inflationserwartungen weiter im Auge behält. Die können dafür sorgen, dass die Inflation länger auf einem hohen Niveau bleibt. Dann müsste die EZB reagieren, indem sie ihre lockere Geldpolitik etwas strafft.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Kerstin Bernoth
Die momentane Inflation hängt an vorübergehenden Faktoren - Interview mit Kerstin Bernoth

Kerstin Bernoth

Stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung Makroökonomie

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