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Deutschkenntnisse entwickeln sich bei Geflüchteten und anderen Neuzugewanderten ähnlich – Sprachkurse spielen wichtige Rolle

DIW Wochenbericht 5 / 2022, S. 63-69

Cornelia Kristen, Yuliya Kosyakova, Christoph Spörlein

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  • Studie vergleicht anhand von SOEP-Daten den Spracherwerb von Geflüchteten und anderen Zugewanderten in den ersten Jahren nach der Migration
  • Zweitspracherwerb verläuft in beiden Gruppen ähnlich: Im ersten Jahr ist Zuwachs an Deutschkenntnissen am stärksten
  • Vor allem Lerngelegenheiten in Sprachkursen oder Alltagskontakten verbessern Sprachkenntnisse entscheidend, Motivation und Effizienz sind weniger wichtig
  • Geflüchtete profitieren vor allem von gesteuerten Lerngelegenheiten wie Sprachkursen, während andere Zugewanderte stärker durch Alltagskontakte Deutsch lernen
  • Angebot an Sprachkursen sollte kontinuierlich ausgebaut und verbessert werden

„Die Ergebnisse belegen, dass Sprachkurse für alle Zugewanderte, insbesondere aber für Geflüchtete, ein effektives Instrument sind, die deutsche Sprache zu erlernen. Dies ist eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration. Anstrengungen in diese Richtung sollten verstärkt werden.“ Cornelia Kristen

Das Erlernen der deutschen Sprache spielt eine Schlüsselrolle für die Integration von neu zugewanderten Menschen. In diesem Beitrag wird der Zweitspracherwerb von Personen, die im vergangenen Jahrzehnt in die Bundesrepublik gekommen sind, in den ersten Jahren nach dem Zuzug untersucht. Hierzu werden Geflüchtete mit anderen Neuzugewanderten verglichen. Die Auswertungen verweisen auf ähnliche Prozesse des Zweitspracherwerbs in beiden Gruppen. Wichtig für die Verbesserung der Deutschkenntnisse sind vor allem die Lerngelegenheiten, die sich einerseits im Alltagsleben über Kontakte zu anderen ergeben, andererseits in strukturierten Lernsituationen stattfinden, wie beim Besuch von Sprachkursen. Die Ergebnisse belegen, dass solche Kurse in recht kurzer Zeit zu deutlichen Zuwächsen bei den Deutschkenntnissen führen. Gerade bei Geflüchteten spielen Sprachkurse eine wichtige Rolle, während andere Zugewanderte auch stark von Alltagskontakten profitieren. Insbesondere Sprachkurse sind also ein effektives Instrument, mit der die Politik über entsprechende Angebote neu zugewanderte Personen beim Erwerb von Sprachkenntnissen gezielt unterstützen kann.

Das Erlernen einer neuen Sprache nach dem Zuzug ist von zentraler Bedeutung für die Chancen und die Integration neu zugewanderter Menschen: Wer die Sprache des Ziellands verstehen und sprechen kann, hat bessere Möglichkeiten, im Bildungssystem voranzukommen, einen Job zu finden und Kontakte außerhalb der eigenen Herkunftsgruppe zu knüpfen. Ohne Sprachkenntnisse ist es dagegen schwieriger, in gleichem Maße Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt zu erhalten oder andere kennenzulernen.infoRichard Alba, Jennifer Sloan und Jessica Sperling (2011): The integration imperative: The children of low-status immigrants in the schools of wealthy societies. Annual Review of Sociology 37 (1), 395–415; Christian Dustmann und Francesca Fabbri (2003): Language proficiency and labour market performance of immigrants in the UK. The Economic Journal 113 (489), 695–717; Borja Martinovic, Frank van Tubergen und Ineke Maas (2009): Dynamics of interethnic contact: A panel study of immigrants in the Netherlands. European Sociological Review 25 (3), 303–318.

Bereits in den ersten Monaten nach der Ankunft macht der Zweitspracherwerb rasante Fortschritte, und die Entwicklungen sind in dieser Zeit besonders dynamisch, zeigen Studien.infoJoshua K. Hartshorne, Joshua. B. Tenenbaum und Steven Pinker (2018): A critical period for second language acquisition: Evidence from 2/3 million English speakers. Cognition 177, 263–277; Cornelia Kristen, Diana Schacht und Peter Mühlau (2016): Language acquisition of recently arrived immigrants in England, Germany, Ireland, and the Netherlands. Ethnicities 16 (2), 180–212. Deshalb wird im vorliegenden BerichtinfoDer vorliegende Bericht beruht auf folgender Publikation: Yuliya Kosyakova, Cornelia Kristen und Christoph Spörlein (2021): The dynamics of recent refugees’ language acquisition: how do their pathways compare to those of other new immigrants? Journal of Ethnic and Migration Studies (online verfügbar, abgerufen am 03.01.2022. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen des Berichts, soweit nicht anders vermerkt). gezielt die erste Phase nach der Zuwanderung in den Blick genommen. Das Interesse richtet sich auf den Zweitspracherwerb in unterschiedlichen Gruppen von Neuzugewanderten, die das Migrationsgeschehen der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren geprägt haben. Verglichen werden Geflüchtete mit MigrantInnen, die aus anderen Gründen und unter anderen rechtlichen Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind. Hierzu gehören Personen, die als ArbeitsmigrantInnen, zur Ausbildung oder im Zuge der Familienzusammenführung zugewandert sind. Untersucht wird, wie sich der Zweitspracherwerb in den ersten Jahren nach dem Zuzug gestaltet und inwiefern sich Geflüchtete hierin von anderen Neuzugewanderten unterscheiden.

Die Analysen beruhen auf Längsschnittdaten zu neu zugewanderten Personen zwischen 18 und 55 Jahren, die zum Zeitpunkt der ersten Befragung maximal sechs Jahre in Deutschland gelebt haben. Die Daten zu den Geflüchteten sind der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten, die Daten zu anderen Neuzugewanderten der IAB-SOEP-Migrationsstichprobe entnommen (Kasten).

Für die Analysen werden verschiedene im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)infoJan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 239 (2), 345–360. implementierte Sondererhebungen genutzt, die sich speziell auf Personen mit Migrationsgeschichte konzentrieren. Die Daten erlauben es darüber hinaus, neu zugewanderte Personen gesondert in den Blick zu nehmen.

Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von GeflüchteteninfoHerbert Brücker, Nina Rother und Jürgen Schupp (2017): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016: Studiendesign, Feldergebnisse sowie Analysen zu schulischer wie beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen sowie kognitiven Potenzialen. DIW Politikberatung kompakt 123 (online verfügbar). ist eine Längsschnittbefragung von Geflüchteten, die als Schutzsuchende zwischen 2013 und 2016 in die Bundesrepublik gekommen sind. Zusätzlich nehmen ihre Haushaltsmitglieder an der Befragung teil. Die Stichprobe wurde aus dem Ausländerzentralregister gezogen.infoSimon Kühne, Jannes Jacobsen und Martin Kroh (2019): Sampling in times of high immigration: The survey process of the IAB-BAMF-SOEP Survey of Refugees. Survey Methods: Insights from the Field (online verfügbar). In die Analysen werden Geflüchtete einbezogen, die zum Zeitpunkt der Zuwanderung 18 bis 55 Jahre alt waren und bei der ersten Befragung nicht länger als sechs Jahre in Deutschland gelebt haben. Für sie lassen sich bis zu vier Wellen des Panels berücksichtigen.

Bei der IAB-SOEP-MigrationsstichprobeinfoHerbert Brücker et al. (2014): The new IAB-SOEP Migration Sample: An introduction into the methodology and the contents. SOEP Survey Papers 216: Series C (online verfügbar). handelt es sich ebenfalls um eine Haushaltsbefragung. Die in den Jahren 2013 und 2015 gezogenen Stichproben beinhalten Zugewanderte, die zwischen 1995 und 2013 nach Deutschland gekommen sind, sowie die Nachkommen von MigrantInnen, die nach 1976 geboren wurden. Auch hier nehmen alle Haushaltsmitglieder an der Erhebung teil. Da sich das Interesse auf Neuzugewanderte richtet, werden für diese Untersuchung, analog zur Geflüchtetenstichprobe, nur 18- bis 55-jährige Personen in die Analysen einbezogen, die selbst zugewandert sind und die sich zum Zeitpunkt der ersten Befragung nicht länger als sechs Jahre in Deutschland aufgehalten haben. Insgesamt können bis zu sieben Wellen des Panels einbezogen werden.

Wann gelingt der Zweitspracherwerb?

Es gibt vielfältige Bedingungen und Umstände, die den Zweitspracherwerb begünstigen oder ihm entgegenstehen können. Sie lassen sich in drei Bereiche aufgliedern: Effizienz, Motivation und Lerngelegenheiten.infoBarry R. Chiswick und Paul W. Miller (1995): The endogeneity between language and earnings: International analyses. Journal of Labor Economics 13 (2), 246–288; Barry R. Chiswick und Paul W. Miller (2001): A model of destination-language acquisition: Application to male immigrants in Canada. Demography 38 (3), 391–409.

Menschen unterscheiden sich darin, wie gut oder schnell sie lernen können, also wie effizient sie beim Spracherwerb sind. Jüngere können sich in der Regel eine neue Sprache leichter und schneller aneignen als Ältere; auch Personen mit entsprechenden kognitiven Fähigkeiten oder einer höheren Bildung sind im Vorteil.infoChiswick und Miller (1995, 2001), a.a.O.; Dustmann and Fabbri (2003), a.a.O.; Hartshorne, Tenenbaum und Pinker (2018), a.a.O. Derartige Überlegungen zur sogenannten Effizienz könnten für Neuzugewanderte unter anderem deshalb von Interesse sein, weil es sich um eine vorwiegend junge Population handelt, der es noch leichter fallen dürfte, eine neue Sprache zu erlernen. Eine Besonderheit für Geflüchtete könnte darin bestehen, dass sie in Anbetracht traumatischer Erlebnisse am Herkunftsort und auf der Flucht häufiger unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.infoHans Dietrich et al. (2019): Screening for posttraumatic stress disorder in young adult refugees from Syria and Iraq. Comprehensive Psychiatry 90, 73–81. Damit verbundene Beeinträchtigungen der mentalen Gesundheit können effizienten Lernprozessen entgegenstehen.infoChiswick und Miller (2001), a.a.O.; Frank van Tubergen (2010): Determinants of second language proficiency among refugees in the Netherlands. Social Forces 89 (2), 515–534.

Die Motivation steht für unterschiedliche Arten von Anreizen zum Erlernen einer neuen Sprache. Wer zum Beispiel nach seiner Ankunft in Deutschland eine Ausbildung machen möchte, eine Arbeit finden oder im momentanen Job schon bald besser entlohnt werden will, der benötigt entsprechende Sprachkenntnisse und wird eher geneigt sein, sich diese anzueignen.infoChiswick und Miller (2001), a.a.O.; Cornelia Kristen und Julian Seuring (2021): Destination-language acquisition of recently arrived immigrants: Do refugees differ from other immigrants? Journal of Educational Research Online 13 (1), 128–156. Auch das Alltagsleben wird in vielfacher Weise leichter, wenn man die Sprache der Mehrheitsgesellschaft beherrscht. Sie ermöglicht es, freundschaftliche Kontakte zu anderen zu knüpfen, eine Auskunft einzuholen oder Behördengänge eigenständig zu erledigen.infoThomas J. Espenshade und Haishan Fu (1997): An analysis of English-language proficiency among U.S. immigrants. American Sociological Review 62(2), 288–305; Kristen und Seuring (2021), a.a.O. Diesen positiven Anreizen zum Zweitspracherwerb stehen negative Anreize gegenüber. So erfordern Lernprozesse Zeit und Mühe, etwa beim Vokabellernen, aber auch beim Durchforsten der Angebote oder der manchmal notwendigen Beantragung eines Sprachkurses. Teilweise kosten sie auch Geld, zum Beispiel für Sprachkurse oder Lernmaterial. Lernen kann auch als anstrengend und fordernd empfunden werden.infoVan Tubergen (2010), a.a.O. Derartige Empfindungen sind ebenfalls den negativen Anreizen zuzurechnen. Es ist davon auszugehen, dass Investitionen in den Zweitspracherwerb eher dann getätigt werden, wenn die positiven Anreize überwiegen.

Für Geflüchtete könnte zusätzlich ihre besondere rechtliche Situation eine Rolle spielen. Nach der Ankunft ist ihr Aufenthaltsstatus in der Regel zunächst ungeklärt.infoYuliya Kosyakova und Hanna Brenzel (2020): The role of length of asylum procedure and legal status in the labour market integration of refugees in Germany. Soziale Welt 71 (1-2), 123–159. Die in dieser Zeit bestehende Unsicherheit über die Aussichten auf einen Verbleib in der Bundesrepublik könnte die Bereitschaft senken, Deutsch zu lernen.infoCamilla Hvidtfeldt et al. (2018): An estimate of the effect of waiting time in the Danish asylum system on post-resettlement employment among refugees: Separating the pure delay effect from the effects of the conditions under which refugees are waiting. PLoS ONE, 13 (11), 4–8. Im Gegensatz dazu ist der Aufenthaltsstatus anderer Neuzugewanderter zumeist bereits beim Zuzug geklärt. Beispielsweise sind die aus der Europäischen Union stammenden MigrantInnen aufgrund der geltenden Freizügigkeit von derartigen Unsicherheiten nicht betroffen.

Der dritte Bereich, der beim Zweitspracherwerb eine zentrale Rolle spielt, gründet sich auf die Lerngelegenheiten. Gemeint sind damit alle Möglichkeiten, in der unmittelbaren Umgebung mit der neuen Sprache in Berührung zu kommen. Dies kann einerseits eine Folge gezielter Anstrengungen sein, wie beim Besuch eines Integrations- oder Sprachkurses. Die Vermittlung durch Instruktion, die in Unterrichtssituationen ebenso wie autodidaktisch erfolgen kann, wird als gesteuerter Spracherwerb bezeichnet.infoHartmut Esser (2006): Sprache und Integration: Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten. Frankfurt am Main. Andererseits kann sich der Zweitspracherwerb auch als Beiprodukt anderer Aktivitäten ergeben, vor allem aus dem Gebrauch der deutschen Sprache im Alltagsleben. Hierbei handelt es sich um Formen des ungesteuerten Spracherwerbs. Wichtig sind dabei alle Lebensbereiche: von der Familie über Freunde und Bekannte bis hin zu Nachbarschaftskontakten oder dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen.infoElisabeth Liebau und Diana Schacht (2016): Spracherwerb: Geflüchtete schließen zu anderen MigrantInnen nahezu auf. DIW Wochenbericht Nr. 35, 741–748 (online verfügbar).

Außerdem ist in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, dass Zugewanderte auch schon vor der Migration derartigen Lerngelegenheiten ausgesetzt gewesen sein können, zum Beispiel in der Schule, bei vorangehenden Aufenthalten in Deutschland oder in Kursen, die als gezielte Vorbereitung auf die Migration besucht wurden. Da Geflüchtete ihren Heimatort in Anbetracht unmittelbarer Bedrohungssituationen häufig abrupt verlassen, dürften derartige Vorbereitungen selten vorkommen, wohingegen andere Neuzugewanderte die Migration planen und sich vorab mit ihr auseinandersetzen können.infoHerbert Brücker, Yuliya Kosyakova und Ehsan Vallizadeh (2020): Has there been a “refugee crisis”? New insights on the recent refugee arrivals in Germany and their integration prospects. Soziale Welt, 71 (1-2), 24–53; Kristen und Seuring (2021), a.a.O.

Auch nach der Ankunft können sich die Lerngelegenheiten, auf die Geflüchtete und andere Neuzugewanderte treffen, voneinander unterscheiden. Zum einen werden Geflüchtete regelmäßig in Sammelunterkünften untergebracht, was mit weniger Alltagskontakten zu deutschsprachigen Personen einhergeht.infoBrücker, Kosyakova und Vallizadeh (2020), a.a.O.; van Tubergen (2010), a.a.O. Zum anderen werden Geflüchteten vielfältige Angebote zum Besuch von Kursen unterbreitet, von denen diese auch regen Gebrauch machen.infoKosyakova und Brenzel (2020), a.a.O.; Kristen und Seuring (2021), a.a.O. Die Kanalisierung in den gesteuerten Zweitspracherwerb könnte zu einer zügigen Verbesserung der Deutschkenntnisse speziell unter Geflüchteten beitragen.infoDies legen bisherige Befunde zur Wirkung von Sprachkursen nahe: John E. Hayfron (2001): Language training, language proficiency and earnings of immigrants in Norway. Applied Economics 33 (15), 1971–1979; Jutta Hoehne und Ines Michalowski (2016): Long-term effects of language course timing on language acquisition and social contacts: Turkish and Moroccan immigrants in Western Europe. International Migration Review 50 (1), 133–162; van Tubergen (2010), a.a.O.

Deutschkenntnisse nehmen im Zeitverlauf zu

In den Erhebungen werden die Zugewanderten regelmäßig gefragt, wie gut sie Deutsch sprechen, lesen und schreiben können. Sie können dazu zwischen unterschiedlichen Ausprägungen wählen und Werte zwischen 0 (gar nicht) und 4 (sehr gut) angeben. Für die Analysen wurden für jede Person die Werte dieser drei sprachlichen Bereiche aufaddiert, so dass Ausprägungen zwischen 0 und 12 möglich sind. Ein höherer Wert auf dieser Skala steht für bessere Deutschkenntnisse.

Zunächst fällt auf, dass Geflüchtete zum Zeitpunkt ihres Zuzugs selten Kenntnisse der deutschen Sprache aufweisen, während andere Neuzugewanderte häufiger Vorkenntnisse besitzen (Abbildung 1). Trotz bestehender Ausgangsunterschiede (in Höhe von etwa 2,5 Punkten) zeigt sich für Geflüchtete ein recht ähnlicher Verlauf wie bei anderen Neuzugewanderten: Im Zeitverlauf verbessern sich die Deutschkenntnisse substanziell, und die Kurven gleichen sich immer mehr an. Nach rund 48 Monaten sind keine signifikanten Unterschiede mehr erkennbar. Beide Gruppen erzielen im Schnitt Werte in Höhe von 7,5 Punkten.

Die Kurvenverläufe illustrieren einen etablierten Befund der Forschung, wonach Lernzuwächse in der ersten Zeit nach dem Zuzug deutlich zu Tage treten (die Kurve verläuft steiler) und anschließend abnehmen (die Kurve flacht ab).infoHartshorne, Tenenbaum und Pinker (2018), a.a.O. Zu einem späteren Zeitpunkt wird also deutlich mehr Zeit benötigt, um ähnliche Zuwächse wie in der Anfangszeit zu realisieren. Die Verläufe für Geflüchtete und andere Neuzugewanderte verweisen damit gleichermaßen auf die besondere Dynamik des Zweitspracherwerbs in den ersten Monaten nach der Ankunft.

Zweitspracherwerb erfolgt bei Geflüchteten und anderen Neuzugewanderten in ähnlicher Weise

Betrachtet man die verschiedenen Bedingungen, die den drei Bereichen Effizienz, Motivation und Lerngelegenheiten zuzuordnen sind, so wird deutlich, dass diese in weiten Teilen in ganz ähnlicher Weise für Geflüchtete und andere Zugewanderte gelten.infoDie ausführliche Ergebnistabelle kann dem Originalbeitrag, auf dem dieser Bericht beruht, entnommen werden: Kosyakova, Kristen und Spörlein (2021), a.a.O. Was also in der einen Gruppe für Zuwächse bei den Deutschkenntnissen sorgt, tut dies auch in der anderen Gruppe. Diese Kernaussage steht auch nicht in Widerspruch zu den oben beschriebenen Besonderheiten, die für Geflüchtete zusätzlich in Betracht zu ziehen sind.

Verschiedene Größen, die Aspekte der Effizienz abbilden, belegen weithin etablierte Befunde, wonach Jüngere, Personen mit höherer formaler Bildung und besseren kognitiven Fähigkeiten bei Lernprozessen im Vorteil sind. Die Vermutung, dass sich Beeinträchtigungen der mentalen Gesundheit, die aufgrund von Erlebnissen vor und während der Migration unter Geflüchteten eher als bei anderen Zugewanderten auftreten, negativ auf den Zweitspracherwerb auswirken, findet dagegen keine Bestätigung.

Die meisten der betrachteten Größen zur Motivation lassen sich ebenfalls nicht mit dem Zweitspracherwerb in der erwarteten Weise in Verbindung bringen. Eine bedeutsame Ausnahme betrifft den Aufenthaltsstatus bei Geflüchteten. Personen mit einer sicheren Bleibeperspektive, zum Beispiel in Form der Anerkennung als Asylberechtigte, weisen bessere Deutschkenntnisse auf als Personen, die noch auf den Ausgang ihres Verfahrens warten. Ein gesicherter Aufenthalt schafft damit Anreize, Deutsch zu lernen.

Für die Lerngelegenheiten ergeben sich sehr klare und durchweg konsistente Ergebnisse. Wer in seinem Umfeld regelmäßig mit der neuen Sprache in Berührung kommt, dessen Deutschkenntnisse verbessern sich kontinuierlich. Dies gilt für Geflüchtete ebenso wie für andere Neuzugewanderte. Für nahezu alle Größen, die in den Analysen berücksichtigt werden, lassen sich entsprechende Einflüsse nachweisen. Dies bedeutet auch, dass der gesteuerte Spracherwerb in Kursen ebenso wie der ungesteuerte Spracherwerb über Alltagskontakte gleichermaßen bedeutsam sind für den Erwerb von Deutschkenntnissen. Für Geflüchtete lässt sich zusätzlich zeigen, dass die Unterbringung in Sammelunterkünften den Zweitspracherwerb verzögert.

Lerngelegenheiten spielen Schlüsselrolle beim Zweitspracherwerb

Stellt man die drei Bereiche nebeneinander, so lässt sich auf einen Blick ablesen, dass die Lerngelegenheiten den Dreh- und Angelpunkt des Zweitspracherwerbs bilden (Abbildung 2). Im Gegensatz dazu spielen Aspekte der Effizienz eine gewisse und die Motivation eine untergeordnete Rolle. Dies gilt für Geflüchtete und andere Neuzugewanderte gleichermaßen.

Da den Lerngelegenheiten eine so zentrale Rolle zukommt, wird zusätzlich zwischen drei Arten von Lerngelegenheiten unterschieden: (a) Lerngelegenheiten vor der Migration, wie sie zum Beispiel in vorbereitenden Sprachkursen oder im Schulunterricht anzutreffen sind, (b) informelle Lerngelegenheiten nach der Migration, die sich im sozialen Umfeld im Alltagsleben ergeben, und (c) formale Lerngelegenheiten wie beim Besuch von Sprach- oder anderen Kursen.

Zunächst lässt sich festhalten, dass die in allen drei Bereichen berücksichtigten Größen den Zweitspracherwerb in beiden Gruppen gleichermaßen positiv beeinflussen. Unterschiede zeigen sich jedoch hinsichtlich der relativen Bedeutung der einzelnen Bereiche für Geflüchtete und andere Neuzugewanderte (Abbildung 3). Während die Lerngelegenheiten vor der Migration für Geflüchtete wie erwartet keine große Bedeutung besitzen, sind diese für andere Zugewanderte relevant. In diesem Unterschied kommt zum Ausdruck, dass sich andere Neuzugewanderte eher auf die Wanderung vorbereiten können, während dies bei einer durch Krieg oder Bedrohung ausgelösten Migration seltener der Fall ist. Außerdem fällt ins Auge, dass Geflüchtete in starkem Maße von den Lerngelegenheiten in formalen Kontexten und damit vom gesteuerten Zweitspracherwerb profitieren, wohingegen andere Zugewanderte ihre Deutschkenntnisse eher in informellen Kontexten verbessern und ihr Zweitspracherwerb dementsprechend häufiger von ungesteuerten Lernprozessen geprägt ist. Die beiden Gruppen unterscheiden sich also vor allem darin, wo sie auf Lerngelegenheiten stoßen und ihre Deutschkenntnisse erwerben. Die Lerngelegenheiten selbst wirken jedoch ähnlich in beiden Gruppen.

Die mit dem Besuch von Kursen verbundenen Zuwächse bei den Deutschkenntnissen belegen, dass sich die Anstrengungen, Geflüchtete systematisch in formale Lernsituationen zu bringen, gelohnt haben. Da für die Gruppe der Geflüchteten detaillierte Messungen zum Kursbesuch und den dort erreichten Zertifikaten vorliegen, lassen sich die mit diesen Aktivitäten verbundenen Erfolge besonders gut illustrieren (Abbildung 4). Bereits ein einfacher Kursbesuch ohne abschließendes Zertifikat führt zu einer Verbesserung von rund einem Punkt auf der Skala der Deutschkenntnisse. Das Erreichen eines Zertifikats auf Anfängerniveau A1/A2 führt zu einem Zuwachs von 1,7 Punkten auf der Skala der Deutschkenntnisse; auf dem höchsten Niveau C1/C2 werden durchschnittlich 3,7 Punkte realisiert.

Berücksichtigt werden sollte dabei, dass 73 Prozent der Geflüchteten einen Sprach- oder Integrationskurs besuchen, diesen aber nicht immer mit einem Zertifikat abschließen. Nur die wenigsten Geflüchteten erreichen das höchste Niveau C1/C2 (Abbildung 5).

Fazit: Sprachkurse zahlen sich aus

Die Prozesse des Zweitspracherwerbs verlaufen bei Geflüchteten und anderen Neuzugewanderten ähnlich. Teilweise unterscheiden sich jedoch die Umstände, unter denen die Deutschkenntnisse erworben werden. Dies gilt in besonderer Weise für die Lerngelegenheiten, auf die die beiden Gruppen vor und nach der Migration treffen: Geflüchtete haben vor der Migration seltener Deutschkenntnisse und lernen in Deutschland häufig in Sprachkursen. Andere Zugewanderte kommen oft schon mit Sprachkenntnissen ins Land und lernen Deutsch stärker in Alltagssituationen, also zum Beispiel in der Ausbildungsstätte oder am Arbeitsplatz.

Geeignete Lerngelegenheiten für den gesteuerten Zweitspracherwerb zu schaffen ist demnach ein effektives Instrument, mit der die Politik neu zugewanderte Personen – unabhängig von deren Herkunft und Migrationsmotiven – beim Erlernen einer neuen Sprache gezielt unterstützen kann. Die vorgestellten Befunde verdeutlichen, dass gerade die vielen Kursangebote, die Geflüchteten in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft gemacht werden, eine wichtige Rolle bei ihrer frühen Integration spielen. Die mittel- und langfristigen Erträge dieser Investitionen – wie eine schnellere Kontaktaufnahme zur Mehrheitsbevölkerung oder ein erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt – dürften die entstandenen Kosten bei weitem aufwiegen. Daher sollte die Politik auf allen Ebenen kontinuierlich an der Verbesserung des Angebots arbeiten, um nicht nur mehr Geflüchtete in Sprachkurse zu bringen, sondern auch dafür zu sorgen, dass höhere Niveaus erreicht werden.

Cornelia Kristen

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: J15;J24;Z13
Keywords: destination-language proficiency, language acquisition, refugees, new immigrants
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2022-5-1

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