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Familiäre Verpflichtungen spielen eine große Rolle für erwartetes Gehalt: Interview

DIW Wochenbericht 42 / 2022, S. 546

Andreas Leibing, Erich Wittenberg

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Herr Leibing, Sie haben die Einkommenserwartungen junger Menschen direkt nach dem Abitur untersucht. Inwieweit unterscheiden sich die Lohnerwartungen zwischen Frauen und Männern? Wir haben im Berliner-Studienberechtigten-Panel (Best Up) Abiturientinnen und Abiturienten von verschiedenen Berliner Schulen mehrere Jahre lang begleitet und nach Aspekten ihres möglichen Studiums und ihrer Berufswahl befragt. In diesem Wochenbericht widmen wir uns den mit verschiedenen Hochschulabschlüssen verbundenen Einkommenserwartungen, die im Jahr 2014 kurz nach dem Abitur abgefragt wurden. Unser zentrales Ergebnis ist, dass Frauen bereits kurz nach dem Abitur deutlich niedrigere Einkommen erwarten als Männer. Der resultierende Gender Gap in den Einkommenserwartungen liegt für den Fall eines abgeschlossenen Hochschulstudiums im Durchschnitt bei 15,7 Prozent.

Warum erwarten Abiturientinnen ein geringeres Einkommen? Wir können in der Studie zwischen verschiedenen Faktoren unterscheiden. Dazu gehören verschiedene Berufspräferenzen, die angestrebte Studienfachwahl, verschiedene Persönlichkeitsmerkmale, die Leistungen im Abitur, aber auch der familiäre Hintergrund. Als sehr wichtig identifizieren wir die sogenannten erwarteten Einkommensabschläge aufgrund familiärer Verpflichtungen. Das bedeutet, dass Frauen, die sich neben dem Beruf genug Zeit für die Familie wünschen, deutlich niedrigere Einkommenserwartungen haben. Im Gegensatz dazu erwarten Männer, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine Kompromisse machen zu müssen.

Wie wirkt sich diese Erwartung auf den späteren Berufsweg und das tatsächliche Einkommen der Frauen aus? Das tatsächliche Einkommen kann durch Einkommenserwartungen stark beeinflusst werden. Wir unterscheiden da zwischen zwei Aspekten. Der erste betrifft die Gehaltsverhandlungen im späteren Leben. Wenn Frauen zum Beispiel schon mit niedrigeren Einkommensvorstellungen in Gehaltsverhandlungen für das Einstiegsgehalt gehen, starten sie im Endeffekt auch mit niedrigeren Einkommen. Das setzt sich dann quasi durch die gesamte Karriere fort. Der zweite Aspekt ist die Aufnahme eines Studiums. Niedrigere Einkommenserwartungen können ein Zeichen dafür sein, dass ein Studium als monetär weniger wertvoll angesehen wird. So können Einkommenserwartungen auch über die Aufnahme eines Studiums das spätere Einkommen beeinflussen. Tatsächlich zeigt sich, dass Frauen mit geringeren Einkommenserwartungen seltener studieren.

Wir stark unterscheiden sich die Einkommenserwartungen, wenn man nach Bildungsabschluss unterscheidet? Für einen Hochschulabschluss unterscheiden wir zwischen Einkommenserwartungen mit einem Master und mit einem Bachelor. Beim Master beträgt der Gender Gap in den Einkommenserwartungen 13,8 Prozent. Bei einem Bachelor liegt er mit 18,7 Prozent sogar noch deutlich höher. Auch im Durchschnitt ist der Gender Gap in den Einkommenserwartungen für einen Hochschulabschluss größer als bei einer Berufsausbildung, denn hier beträgt er nur 13 Prozent.

Welche Bedeutung könnten Ihre Ergebnisse für zukünftige bildungspolitische Entscheidungen haben? Für die Bildungspolitik ist es in unseren Augen wichtig, in den Schulen rechtzeitig vor dem Abitur darüber zu informieren, wie sich im späteren Arbeitsleben Familie und Beruf ohne große Einkommensabschläge vereinbaren lassen. Allerdings gehen unsere Politikimplikationen auch über die Bildungspolitik hinaus, denn alle Arbeitsmarktreformen, die letztendlich auch das tatsächliche Einkommensniveau und somit auch den tatsächlichen Gender Pay Gap beeinflussen, können indirekt auch einen Einfluss auf die Einkommenserwartungen haben.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Andreas Leibing
Familiäre Verpflichtungen spielen eine große Rolle für erwartetes Gehalt - Interview mit Andreas Leibing

Andreas Leibing

Doktorand in der Abteilung Staat

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