Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 05.12.2018

EU-Staatsanleihen in den Büchern von Großbanken: „Home Bias“ ist weit verbreitet

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Tendenz zum überproportionalen Investieren in Staatsanleihen des Heimatlandes – Absicherung durch Eigenkapital würde vor allem spanische und italienische Banken treffen und die Staatsschuldenfinanzierung erschweren

Europäische Großbanken haben in den vergangenen Jahren verstärkt in heimische Staatsanleihen investiert. Insbesondere bei den italienischen und spanischen Banken ist diese Tendenz sehr ausgeprägt. Dies zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Müssten Banken – wie vielfach gefordert – EU-Staatsanleihen genauso wie andere Wertpapiere mit Eigenkapital unterlegen, so müssten die hier betrachteten italienischen und spanischen Banken zusätzliches Eigenkapital in Höhe von zusammen mehr als 20 Milliarden Euro aufbringen“, sagt DIW-Finanzmarktexpertin Dorothea Schäfer. Dies würde die Finanzierung der Staatsschulden insbesondere Italiens deutlich erschweren. Eine Risikogewichtung für Staatsanleihen empfiehlt sich erst dann, wenn sich die öffentlichen Haushalte im Euroraum stabilisiert haben. Gleichzeitig sollten Maßnahmen eingeführt werden, die es den Banken erleichtern, ihr Staatsanleiheportfolio besser zu diversifizieren.

EU-Staatsanleihen als unterschätztes Risiko, aber …

EU-Staatsanleihen werden bei der Eigenkapitalregulierung von Banken weiterhin bevorzugt behandelt und mit null Risiko gewichtet. Wenn also Banken Staatsanleihen von EU-Staaten in ihre Bücher aufnehmen, können sie diese ohne zusätzliches Eigenkapital ausschließlich mit Schulden finanzieren. Dies gilt als eine Ursache der Risikoverflechtung zwischen Banken und Staaten, weshalb seit Beginn der europäischen Schuldenkrise über eine Abschaffung des sogenannten Staatsanleiheprivilegs diskutiert wird.

Besonders hoch ist die Gefahr, dass Bankenrisiken auf Staaten überspringen, wenn Banken überproportional viele Staatsanleihen des eigenen Landes halten. Dorothea Schäfer hat zusammen mit Dominik Meyland die Entwicklung des sogenannten Home Bias – also der Neigung zum übermäßigen Investieren in heimische Staatsanleihen – für die Großbanken einiger ausgewählter EU-Staaten untersucht und ihren potentiellen zusätzlichen Eigenkapitalbedarf für den Fall der Abschaffung der Nullgewichtung von Staatsanleihen bestimmt.

… eine Abschaffung des Staatsanleiheprivilegs könnte die europäische Schuldenkrise neu entfachen

Es zeigte sich, dass der Home Bias bei den meisten der betrachteten europäischen Großbanken zwischen 2014 und 2018 gestiegen ist. Während der Home Bias der deutschen, französischen und britischen Banken eigenkapitalneutral ist, zieht er bei italienischen und spanischen Banken jedoch einen Eigenkapitalbedarf nach sich, da diese beiden Staaten ein vergleichsweise schlechtes Rating haben und ihre Staatsanleihen deshalb mit einem höheren Risikogewicht belastet würden. So müssten italienische Banken 11,5 Milliarden Euro und spanische Banken 9,5 Milliarden Euro zusätzliches Eigenkapital aufbringen. Eine Abschaffung des Staatsanleiheprivilegs würde also vor allem italienische Banken mit ihren relativ niedrigen Eigenkapitaldecken erneut in Schwierigkeiten bringen und könnte negative externe Effekte auf die Stabilität des gesamten Euroraums haben.

Unter den gegenwärtigen Umständen wäre daher eine Reform sinnvoll, die Anreize für Banken setzt, ihren Home Bias abzubauen und ihr EU-Staatsanleiheportfolio besser zu diversifizieren. Ein geeignetes Instrument könnten beispielsweise die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Sovereign Bond Backed Securities (SBBS) sein, die mit Staatsanleihen aus dem gesamten Euroraum besichert wären. Damit hätten Banken ein neues Wertpapier in der Hand, das es ihnen ermöglicht, ihr Staatsanleiheportfolio automatisch zu diversifizieren. „Wenn dieses neue Wertpapier ein Risikogewicht von Null hätte, wäre dies ein starker Anreiz für die Banken, in dieses Wertpapier zu investieren und damit ihren Home Bias zu reduzieren“, so Schäfer. Gleichzeitig sollte die Erhöhung des Eigenkapitals der Großbanken von der Staatsfinanzierung abgekoppelt werden, solange die Staatsschuldenkrise des Euroraums nicht überwunden ist. Ziel müsse die Erhöhung der risikounabhängigen Eigenkapitalpuffer (Leverage Ratio) von Großbanken auf mindestens fünf Prozent sein.

Links

DIW Wochenbericht 49/2018 | PDF, 2.68 MB

Interview mit Studienautorin Dorothea Schäfer | PDF, 75.38 KB

Audio | MP3, 3.33 MB

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