Für viele klingt die Idee erst einmal sympathisch: Interview

DIW Wochenbericht 15 / 2019, S. 271

Jürgen Schupp, Erich Wittenberg

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Herr Schupp, wie groß ist die Ablehnung, beziehungsweise die Befürwortung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland? Wenn man die Fehlerintervalle mit berücksichtigt, schwankt die Anzahl der Personen, die einer solchen Idee zugeneigt sind, in einem Korridor von 45 bis 52 Prozent. Vor dem Hintergrund, dass die Schweiz im Jahr 2016 eine Volksabstimmung zum Grundeinkommen durchgeführt hat, bei der lediglich 26 Prozent der Idee zugestimmt haben, überrascht es dann schon, dass in Deutschland offensichtlich so viele Menschen dieser Idee grundsätzlich zustimmen.

Welche Gruppen sind eher dafür und welche eher dagegen? Es sind eher die Jüngeren, die dem zustimmen, die Älteren stehen der Idee eher ablehnend gegenüber. Wir finden keine Geschlechterdifferenzen. Menschen aus den unteren Einkommensschichten und den höheren Bildungsschichten äußern tendenziell stärker Zustimmung. Auf den ersten Blick macht es den Eindruck, als sei die Zustimmung in Ostdeutschland größer als im Westen, aber bei statistischer Kontrolle der demografischen Unterschiede, der Erwerbsbeteiligung, des Bildungsniveaus und der Altersunterschiede sehen wir keinen Unterschied mehr.

Hat die Zustimmung zum Grundeinkommen in Deutschland zu- oder eher abgenommen? Die Zustimmung ist auf einem hohen Niveau und steigt leicht. Wenn man aber den statistischen Fehler rausrechnet, würde ich nicht sagen, dass sie wirklich signifikant angestiegen ist.

Wie groß ist die Zustimmung im europäischen Vergleich? Im europäischen Vergleich finden wir einige Länder, in denen die Ablehnung einer solchen Idee stärker ausgeprägt ist als in Deutschland. In den skandinavischen Ländern beispielsweise ist die Zustimmung zu einem Grundeinkommen deutlich geringer. Wir liegen ungefähr auf dem Niveau der Niederlande oder Frankreichs. Es gibt aber durchaus auch Staaten in Europa, wie Ungarn, Litauen oder Slowenien, die mit über 60 Prozent deutlich höhere Zustimmungsraten zu einem Grundeinkommen haben.

Warum ist die Zustimmung in Deutschland im Vergleich dazu geringer? Das hat vermutlich auch etwas mit der Ausprägung des jeweiligen Sozialstaats zu tun, denn ein bedingungsloses Grundeinkommen soll ja letztlich auch eine Alternative zu bestimmten Sozialleistungen darstellen. Das bedingungslose Grundeinkommen soll sozusagen einen weiteren Schritt gehen, indem es letztlich ohne Prüfung und ohne Bürokratie an jeden ausgezahlt wird

Welche Rolle spielt der Gedanke der Leistungsgerechtigkeit? Beim Gerechtigkeitsempfinden unterscheiden wir zwischen dem Motiv der Leistungsgerechtigkeit und der Bedarfsgerechtigkeit. Wir sehen für beide Präferenzen eine hohe Korrelation mit der Ablehnung beziehungsweise Zustimmung zu einem Grundeinkommen. Diejenigen, die Bedarfsgerechtigkeit sehr hoch schätzen, haben durchaus Sympathien mit dem Grundeinkommen, diejenigen aber, die der Leistungsgerechtigkeit einen hohen Wert beimessen, sind dem Grundeinkommen gegenüber eher negativ eingestellt.

Welche Bedeutung haben Ihre Ergebnisse für die weitere Debatte? Die Idee an sich weckt offensichtlich ein Interesse der Bevölkerung, über das bestehende System unserer Sozialpolitik gründlicher nachzudenken. Es gibt eine allgemeine Suche nach Ideen, um unsere Sozialpolitik zu reformieren und zukunftsgerecht aufzustellen. Beispiel Digitalisierung: Wir wissen nicht, wie stark die Disruptionen am Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren sein werden. Auch der demografische Prozess der Alterung macht die Menschen ein Stück weit nervös. Da klingt das Grundeinkommen erst einmal sympathisch, allerdings müssen die Fragen, die noch offen sind, beantwortet werden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Jürgen Schupp

Vize-Direktor SOEP & Bereichsleiter Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel