Armut nimmt Zukunftschancen

Blog Marcel Fratzscher vom 8. November 2019

Die Ungleichheit verfügbarer Einkommen in Deutschland nimmt weiter zu. Das ist ein Problem, denn damit einher geht ein Anstieg des Armutsrisikos.

Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Als dies die Hans-Böckler-Stiftung vor Kurzem in einer Analyse zeigte, wurde sie dafür von einigen heftig kritisiert: Der Anstieg der Ungleichheit sei ein Artefakt verschiedener Umstände und vor allem der Zuwanderung von Geflüchteten geschuldet; dieser Umstand würde verschleiern, dass es in Deutschland, seitdem die Wirtschaft wieder boomt, allen Einkommensgruppen deutlich besser geht.

Kolumne

Dieser Beitrag ist am 8. November 2019 der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Wie berechtigt ist diese Kritik? Schauen wir uns die einzelnen Argumente einmal genauer an, zeigt sich, dass die Einwände größtenteils unbegründet sind und vor allem der Anstieg des Armutsrisikos ein massives Problem darstellt – nicht nur für die betroffenen Menschen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes.

Der Einwand, dass der Anstieg der Ungleichheit von verfügbaren Haushaltseinkommen lediglich das Resultat der Zuwanderung von Geflüchteten sei, ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch. Auch ohne Geflüchtete ist die Ungleichheit gestiegen, wie die Grafik der Hans-Böckler-Stiftung basierend auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigt. Und wie zynisch ist es zu behaupten, ein Anstieg der Ungleichheit sei nur deswegen weniger problematisch, weil es "nur" bestimmte Gruppen betrifft?

Die Erwerbsquote ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen

Bei der Verteilung geht es grundsätzlich um die Frage, wie der Kuchen, also die Leistung der gesamten Gesellschaft auf ihre Mitglieder verteilt wird. Und sollte nicht jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Bildungsgrad oder Wohnort in unserer liberalen Demokratie gleich viel zählen und das gleiche Gewicht haben? Unser Grundgesetz lässt daran keine Zweifel zu.

Viele Kritiker haben den Anstieg der Ungleichheit bis zum Jahr 2005 und nach 2010 vor allem damit begründet, dass mehr Frauen erwerbstätig sind, dabei aber häufig geringere Löhne und Einkommen erzielen als Männer. Natürlich ist es wichtig zu verstehen, wie sich Ungleichheit zusammensetzt und verändert. Nur so können Ursachen und Lösungsmöglichkeiten identifiziert werden. Der Punkt bleibt jedoch, dass ein Anstieg der Ungleichheit nicht weniger problematisch ist, "nur" weil bestimmte Gruppen stärker davon betroffen sind als andere.

Die Einkommensungleichheit ist auch ohne Geflüchtete auf einem historischen Höchststand


Grafik: WSI

Ein zweiter Einwand in der Debatte ist, dass der Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland nicht überraschend sei, da Geflüchtete und andere Migranten nun mal viel häufiger (zumindest anfänglich) nicht berufstätig seien. Je kleiner also der Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist, desto höher sei tendenziell auch die Ungleichheit der Haushaltseinkommen. Aber auch dieses Argument lässt sich faktisch nicht untermauern: Tatsächlich ist die Erwerbsquote in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deutlich gestiegen, vor allem weil viele Frauen und auch ältere Menschen zunehmend berufstätig sind, aber auch weil viele Migranten im berufsfähigen Alter nach Deutschland kommen und hier arbeiten, vor allem aus dem europäischen Ausland. Nach dieser Logik müsste also die Ungleichheit der Haushaltseinkommen eher gefallen sein.

Argumentiert wird weiterhin, dass die hohe und gestiegene Ungleichheit kein Problem sei, da ja viele Menschen in den untersten Einkommensgruppen lediglich temporär wenig verdienten und dann bald den Aufstieg schafften. Eine Auszubildende oder eine Studentin mag wenig Einkommen haben, sie habe aber gute Aussichten, mit der ersten Anstellung ein besseres Einkommen zu erzielen und somit den Aufstieg zu schaffen. Dieses Beispiel ist zwar richtig, aber auch irreführend.

Tatsache ist, dass die Aufstiegschancen bei Einkommen und Löhnen in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern relativ gering sind. Nicht nur hängt das Einkommen der Kinder in Deutschland ungewöhnlich stark von Einkommen und Bildung der Eltern ab. Auch die Chancen, sich und seine Familie während der Erwerbsphase besserzustellen, sind in Deutschland geringer als in vergleichbaren Ländern. Dieses Argument ist daher kein Grund zur Entwarnung, sondern ganz im Gegenteil, es deutet darauf hin, dass sich Ungleichheiten bei Einkommen und Chancen in unserem Land verschärfen.

Der vierte Einwand ist, dass der Anstieg der Ungleichheit unproblematisch sei, da fast alle Einkommensgruppen in den vergangenen zehn Jahren eine Erhöhung von Löhnen und Einkommen erfahren konnten, jedoch die höheren Einkommensgruppen lediglich stärker von dieser Entwicklung profitiert hätten. Dieses Argument wird immer wieder als Keule herausgeholt, um eine Diskussion über Verteilung und Ungleichheit abzublocken. Es wird versucht, hierüber die Diskussion als eine Neiddebatte abzutun, bei der die Armen lediglich den Reichen ihren Erfolg nicht gönnten.

Eine aktuelle Studie des DIW Berlin zeigt aber, dass in Deutschland gerade die hohen Löhne seltener als im europäischen Durchschnitt als ungerecht eingestuft werden (41 zu 47 Prozent). Die niedrigen Löhne halten dagegen 84 Prozent der Befragten für zu niedrig. Die Neider sind also durchaus nicht in der Mehrzahl.

Die Gründe für den Anstieg sind bekannt

Sicher gibt es auch Menschen, die den Gutverdienenden ihr hohes Einkommen nicht gönnen, aber es geht beim Anstieg der Ungleichheit nicht nur um die Frage von Gerechtigkeit, sondern um die Frage der sozialen Teilhabe und Chancengleichheit. Natürlich hat Deutschland einen starken Sozialstaat, der im globalen Vergleich eine hervorragende Absicherung gewährleistet. Vom Armutsrisiko betroffen zu sein bedeutet hierzulande eben nicht, dass diese Menschen nun keine Gesundheitsvorsorge oder Unterkunft mehr haben. Der Anstieg des Armutsrisikos von rund elf Prozent vor 20 Jahren auf knapp 17 Prozent aktuell bedeutet aber durchaus, dass zunehmend viele Menschen keine ausreichende soziale Teilhabe in unserer Gesellschaft mehr haben und vor allem Kinder und Jugendliche ihrer Zukunftschancen beraubt werden.

Wenn wir unseren Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft ernst nehmen wollen, dann muss uns der Anstieg des Armutsrisikos und der Einkommensungleichheit Sorge bereiten – egal wen es betrifft. Denn diese Entwicklungen spiegeln zu einem erheblichen Maße eine abnehmende soziale Teilhabe, fehlende Chancengleichheit und eine zunehmende soziale Polarisierung wider.

Mit der Analyse liegen die Lösungen auf der Hand. Der Anstieg von Armutsrisiko und Ungleichheit ist vor allem drei Entwicklungen in Deutschland geschuldet: einem ungewöhnlich großen Niedriglohnbereich, einem hohen Anteil an Teilzeitkräften im Arbeitsmarkt und einem Steuersystem, das vor allem geringere mittlere Einkommen auf Arbeit stark besteuert, wohingegen Vermögen ungewöhnlich gering besteuert werden. Eine Stärkung der Sozialpartnerschaften und des Bildungssystems, ein Abbau von Diskriminierung im Arbeitsmarkt und ein Steuersystem, das Arbeit belohnt, würde Deutschland einen großen Schritt voranbringen. Damit unser Gesellschaftsvertrag wieder die Ideale der sozialen Marktwirtschaft erfüllt.