Die alte Leier der Telekomriesen und die Fakten: Kommentar

DIW Wochenbericht 11 / 2026, S. 192

Tomaso Duso

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Wenn Santiago Argelich Hesse, Deutschlandchef von Telefónica, in der FAZ für mehr Konsolidierung im europäischen Telekommunikationsmarkt wirbt und sich über einen „ruinösen Wettbewerb” beschwert, ist das eigentlich keine Nachricht. Es ist lediglich die alte Leier, die die großen europäischen Netzbetreiber seit Jahren spielen – mit bemerkenswert konsistenter Choreografie.

Deren zentrale These lautet, dass europäische Telekommunikationsunternehmen zu klein und zu fragmentiert seien, um Investitionen in 5G und Netze stemmen zu können. Konsolidierung sei daher der Schlüssel zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit Europas. Diese These klingt plausibel und wird entsprechend oft wiederholt. Doch die empirische Evidenz spricht dagegen.

Eine Analyse von 29 OECD-Ländern zeigt: Die Existenz eines zusätzlichen Mobilfunkanbieters auf dem Markt geht im Schnitt mit höheren Gesamtinvestitionen einher, nicht mit niedrigeren. Wettbewerb fördert also eher Investitionen.

Gleichzeitig führen Fusionen zu höheren Preisen. Dieselbe Studie zeigt: Ein Anbieter weniger auf dem Markt ist mit sieben Prozent höheren Durchschnittspreisen verbunden, in Europa sogar mit neun Prozent. Telekommunikation ist eine Schlüsselinfrastruktur, die überall täglich genutzt wird. Höhere Telekommunikationspreise belasten daher die gesamte Volkswirtschaft und schwächen damit die Wettbewerbsfähigkeit. Auch aus Gründen der Resilienz spricht wenig für mehr Konzentration: Alternative Netze erhöhen tendenziell die Ausfallsicherheit.

Ein weitere Behauptung ist, dass europäische Telekommunikationsunternehmen keine ausreichende Rendite auf ihr Kapital erzielen und daher nicht investieren können. Eine aktuelle Analyse der EU- Kommission kommt zu einem anderen Ergebnis: Im Durchschnitt deckten die Unternehmen ihre Kapitalkosten oft sogar deutlich. Zugleich weist der Sektor seit zwei Jahrzehnten eine der höchsten Dividendenausschüttungsquoten aller Branchen in Europa auf. Wer seine Aktionär*innen so großzügig belohnt, dem fehlen offensichtlich nicht grundsätzlich die Mittel.

Das bedeutet nicht, dass es keine Unternehmen mit echten Finanzierungsproblemen gibt. Wettbewerb erfordert, dass weniger effiziente Unternehmen den Markt verlassen und möglicherweise durch effizientere ersetzt werden. Ein sektorweites Investitionsproblem ist nicht zu erkennen. Der pauschale Ruf nach Konsolidierung als Lösung für ein nicht bestehendes Problem ist im Interesse der etablierten Telekomunternehmen, schadet aber Verbraucher*innen und Wirtschaft.

Der europäische Telekommunikationsmarkt steht gleichwohl vor echten Herausforderungen. Ein europäischer Binnenmarkt für Telekommunikation existiert bislang nicht. Verbraucher*innen können keine grenzüberschreitenden Verträge abschließen, Frequenzlizenzen werden national vergeben und der Markteintritt über Ländergrenzen hinweg bleibt schwierig. Hier liegt echter Handlungsbedarf, zum Beispiel durch Harmonisierung der Frequenzvergabe, bessere Bedingungen für grenzüberschreitenden Markteintritt und konsequente Stärkung des Roaming-Regimes.

Gefährlich ist der Vorschlag im Draghi-Bericht, nationale Märkte auf EU-Ebene künstlich umzudefinieren, um Fusionen zwischen direkten Wettbewerbern wettbewerbsrechtlich leichter durchzusetzen. Wenn Märkte faktisch national sind, schützt eine andere Marktdefinition auf dem Papier die Verbraucher*innen nicht. Sie öffnet nur die Tür zu höheren Preisen und geringeren Investitionen. Das ist mit deutschem und europäischem Wettbewerbsrecht nicht vereinbar.

Dabei hindert Telefónica und andere nichts daran, mehr in den Glasfaserausbau und die Mobilnetze zu investieren. Auch grenzüberschreitende Fusionen sind möglich – solange die beteiligten Unternehmen keine direkten Wettbewerber sind. Am Ende wird wieder die alte Leier der Telekomriesen gespielt. Doch auch durch ständiges Wiederholen überzeugt sie nicht.

Der Beitrag ist in einer längeren Fassung am 5. März 2026 in der FAZ erschienen.

Tomaso Duso

Abteilungsleiter Abteilung Unternehmen und Märkte


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-11-5


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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