Teillegalisierung hat Cannabiskonsum kurzfristig nicht strukturell verändert: Interview

DIW Wochenbericht 13 / 2026, S. 220

Anna Bindler, Erich Wittenberg

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Frau Bindler, wie stark ist die Zahl der Cannabisdelikte in Deutschland nach der Teillegalisierung zurückgegangen? Nach der Teillegalisierung von Cannabis sehen wir in der Polizeilichen Kriminalstatistik einen sehr starken Rückgang in der Zahl der erfassten Cannabisdelikte. 2023 gab es circa 174000 Fälle, 2024 etwa 62000, also fast nur noch ein Drittel. Dieser Rückgang erklärt sich sicherlich zum Großteil daraus, dass einige Fälle aufgrund der Legalisierung nicht mehr strafrechtlich relevant sind.

Wie hat sich der Konsum von Cannabis nach der Teillegalisierung entwickelt? Im Epidemiologischen Suchtsurvey werden Menschen gefragt, wie oft und wie viel sie in den letzten zwölf Monaten Cannabis konsumiert haben. Dabei gaben 2024 knapp zehn Prozent der Befragten an, dass sie im letzten Jahr Cannabis genommen haben. Wenn man zurückgeht auf die Jahre davor, sehen wir etwa seit 2012 einen moderaten Anstieg. Das heißt, bereits vor der Teillegalisierung gaben mehr Menschen an, Cannabis konsumiert zu haben. Wichtig ist hier, dass wir zumindest kurzfristig im Jahr 2024 keine strukturelle Veränderung sehen. Wir haben also eine langfristige Entwicklung, aber keinen markanten Anstieg im Jahr der Teillegalisierung.

Wie hat sich der Cannabispreis nach der Teillegalisierung entwickelt? Zum Cannabispreis liegen uns derzeit Daten bis 2024 vor. Das heißt, auch hier sind nur kurzfristige Aussagen möglich. Der Straßenhandelspreis, der vom BKA ermittelt wird, ist langfristig zwar gestiegen, aber in den letzten Jahren relativ stabil bei etwa zehn Euro pro Gramm geblieben. Das heißt, wir sehen keine markante Veränderung mit der Teillegalisierung. Wenn wir legale und illegale Quellen vergleichen, scheint es keine riesengroßen Unterschiede zu geben, zumindest Stand heute.

Wie sieht es aus beim Konsum von anderen Drogen? Im Vergleich zu Cannabis sehen wir bei anderen Drogen auch bereits vor der Teillegalisierung dynamischere Entwicklungen. Auch hier sprechen wir über langfristige Entwicklungen. Wir sehen dabei einen starken Anstieg gerade bei Kokain und Crack, aber auch bei anderen Substanzen mit teils unterschiedlicher Dynamik je nach Datenquelle. Wenn wir auf die sehr verlässlichen Abwasserdaten schauen, erkennen wir auch bei Amphetamin und Methamphetamin Anstiege.

Was lässt sich aus Ihren Ergebnissen für künftige drogenpolitische Weichenstellungen ableiten? Wir leiten zwei Punkte daraus ab. Der erste Punkt bezieht sich auf Cannabis. In den Daten sehen wir einen langfristigen Anstieg des Cannabiskonsums, aber keine kurzfristigen strukturellen Veränderungen im Zuge der Teillegalisierung. Wenn es der politische Wunsch ist, den Cannabiskonsum zu reduzieren, ist daher die Debatte um ein erneutes Verbot vielleicht nicht der wirksamste Hebel. Vielmehr sollten wir uns Gedanken um Aufklärung und Prävention machen. Punkt zwei sind andere Drogenmärkte. Die Probleme, die dort entstehen und entstehen können, gerade bei Kokain, Crack und Methamphetamin, sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Auch synthetische Opioide wie Fentanyl könnten zu einem Problem werden. Was kann man hier machen? Kurzfristig sind Unterbrechungen der Lieferketten effektiv, langfristig nicht so sehr. Langfristig sind gerade Interventionen auf der Nachfrageseite, also bei den Konsument*innen wichtig – sprich, Prävention, Aufklärung, Suchtberatung und Gesundheitsversorgung. Die große Herausforderung wird sein, das nachhaltig zu finanzieren und auch betroffene Menschen erreichen zu können.

O-Ton von Anna Bindler
Teillegalisierung hat Cannabiskonsum kurzfristig nicht strukturell verändert - Interview mit Anna Bindler


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-13-2


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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