Teilkrankschreibung könnte krankheitsbedingte Fehlzeiten reduzieren: Interview

DIW Wochenbericht 20 / 2026, S. 308

Markus M. Grabka, Erich Wittenberg

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Herr Grabka, wie hat sich die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt? Wir beobachten die Entwicklung seit dem Jahr 2000. In diesem Zeitraum lag der Tiefstand in den Jahren 2006 und 2007 mit etwa acht krankheitsbedingten Fehltagen pro Jahr pro Arbeitnehmer*in. Diese Zahl ist über die letzten Jahre sukzessive gestiegen. Einen besonders ausgeprägten Sprung sehen wir zwischen den Jahren 2021 und 2022 mit einem plötzlichen Anstieg um mehr als 3,5 Tage auf knapp 15 Fehltage.

Wie ist dieser starke Anstieg um das Jahr 2022 zu erklären? Zu diesem Zeitpunkt wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) in Deutschland eingeführt. Von da an wurde der sogenannte gelbe Schein bei einer Krankschreibung automatisch an die Krankenkassen weitergeleitet, was zuvor nicht der Fall war. Daher hat man auf Grundlage der amtlichen Daten vermutet, dass dieser starke Sprung nur auf diese elektronische Krankschreibung zurückzuführen ist. Wir haben das genauer untersucht und dabei den Vorteil genutzt, dass wir auf Daten des SOEP zugreifen können. Diese waren nicht von der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung betroffen, weil wir die Befragten ganz allgemein danach fragen, wie oft sie im vergangenen Jahr krankheitsbedingt bei der Arbeit gefehlt haben. Dabei stellen wir fest, dass der Anstieg von 2021 auf 2022 zwar bestehen bleibt, aber deutlich kleiner ausfällt. Nach Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK ist das vor allen Dingen darauf zurückzuführen, dass die Atemwegserkrankungen im Jahr 2022 besonders stark zugenommen haben.

Welche anderen Erkrankungen sind häufig dafür verantwortlich, dass Beschäftigte fehlen? Der plötzliche Sprung im Jahr 2022 ist tatsächlich auf Atemwegserkrankungen zurückzuführen. Die Fehlzeiten in Deutschland haben aber auch langfristig zugenommen, und da zeigt sich, dass vor allen Dingen die Fehltage bei psychischen Erkrankungen kontinuierlich nach oben gegangen sind.

Bei welchen Gruppen von Beschäftigten stiegen die Fehlzeiten stärker an als bei anderen? Das betrifft zum einen ältere Menschen im Alter zwischen 55 und 66 Jahren. Darüber hinaus haben Frauen generell höhere Fehlzeiten und zudem Personen, die sich besonders große Sorgen um ihre eigene Gesundheit machen. Diese drei Gruppen hatten schon im Jahr 2021 hohe Fehlzeiten und zusätzlich noch 2022 einen besonders starken Zuwachs.

In welcher Höhe liegen die Kosten, die durch Fehlzeiten entstehen? Im Jahr 2024 waren das 69 Milliarden Euro, die die Arbeitgeber für diese Lohnfortzahlungen zahlen mussten. Das entspricht in etwa rund 15 Prozent der gesamten Sozialabgaben, die die Arbeitgeber zu leisten haben.

Was könnte getan werden, um die hohe Zahl der Fehlzeiten zu reduzieren? Es sind vor allem zwei Dinge: Zum einen brauchen wir effektivere Präventionsmaßnahmen, insbesondere im Hinblick auf psychische Erkrankungen. Dort sollten zudem die Behandlungsmöglichkeiten für die Betroffenen verbessert und vor allem die Wartezeiten reduziert werden. Zum anderen sollte über die Einführung einer sogenannten Teilkrankschreibung nachgedacht werden, die es in anderen europäischen Ländern schon gibt. Das bedeutet, dass man nicht mehr diese Schwarz-Weiß-Situation hat, dass Beschäftigte vom Arzt nur vollständig als krank oder vollständig als genesen eingestuft werden, sondern dass auch ein mittlerer Bereich möglich ist, in dem zum Beispiel mit einer reduzierten Stundenzahl gearbeitet werden kann.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Markus M. Grabka
Teilkrankschreibung könnte krankheitsbedingte Fehlzeiten reduzieren - Interview mit Markus Grabka


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-20-2


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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