Bericht vom 4. November 2026
Mit dem „Geolinking Service SoRa“ steht ab sofort eine neue Forschungsdateninfrastruktur zur Verfügung. Der Service macht es möglich, Befragungsdaten aus den Sozialwissenschaften mit raumbezogenen Daten zu verknüpfen und eröffnet damit neue Möglichkeiten für die interdisziplinäre Forschung. Entwickelt wurde der Dienst vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden, vom GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim und vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).
Die Forschungsdateninfrastruktur „Geolinking Service SoRa“ trägt dazu bei, eine Lücke in der deutschen Forschungslandschaft zu schließen. Viele Fragen etwa zu sozialer Ungleichheit oder zu Umweltgerechtigkeit lassen sich nur durch interdisziplinäre Analysen wie die Verknüpfung sozialwissenschaftlicher und raumwissenschaftlicher Daten beantworten: Wirkt sich der Anteil an Grünflächen im Wohnviertel auf Gesundheit und Wohlbefinden aus? Sind Menschen, die im Einfamilienhaus leben, zufriedener als die Bewohner*innen dicht bebauter Stadtquartiere? Wie beeinflusst die Verkehrsinfrastruktur, zum Beispiel der Zugang zu Bus und Bahn, das Mobilitätsverhalten von Menschen?
Um solche Fragen zu beantworten, braucht es einerseits Umfragedaten zur Lebenszufriedenheit oder zu politischen Einstellungen von Menschen, wie sie zum Beispiel das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) erhebt. Auf der anderen Seite braucht es Geodaten, die Auskunft geben über die Beschaffenheit von Wohnquartieren und andere räumliche Gegebenheiten. Die Verknüpfung dieser unterschiedlichen Daten aus Sozial-, Wirtschafts- und Raumwissenschaften ist bislang sehr mühsam. Technische, institutionelle und datenschutzrechtliche Herausforderungen stehen dem entgegen: Um die Privatsphäre der Befragten zu schützen, werden die Adressen befragter Haushalte nicht offengelegt; ihre Verarbeitung ist nur in besonders gesicherten Umgebungen von Forschungsdatenzentren (FDZ) möglich, die höchsten Ansprüchen an den Datenschutz genügen. Hinzu kommen heterogene Datenformate und Schnittstellen, die fehlende Standardisierung von Daten und Verarbeitungsprozessen sowie verschiedene Datenhalter mit unterschiedlichen Zuständigkeiten. Außerdem erfordern die Verknüpfung und die Analyse von Befragungs- und Geodaten Spezialwissen, wie den Umgang mit Geoinformationssystemen, über das nur einzelne Forschende aus den Sozialwissenschaften verfügen.
Hier setzt der „Geolinking Service SoRa“ an: Der Dienst unterstützt seine Nutzer*innen bei jedem Schritt auf dem Weg von der Auswahl geeigneter Befragungs- sowie Geodaten über die Verknüpfung der Datensätze bis hin zur Analyse der verknüpften Daten. Dafür nimmt er den Forschenden weitestgehend alle daten- und verknüpfungstechnischen Arbeiten ab.
Aktuell bietet SoRa Zugang zu den Umfragedaten des SOEP, zu Zensusdaten und zu den Geodaten des Monitors der Siedlungs- und Freiraumentwicklung (IÖR-Monitor). Auch amtliche Geodaten des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie (BKG) bindet der Dienst ein. Eine komfortable Suchfunktion hilft bei der Auswahl passender Datensätze und Methoden, ein integrierter Dienst überführt Adresslisten in Koordinaten. Damit Ergebnisse nachvollziehbar und wiederholbar bleiben, dokumentiert SoRa bei jeder Verknüpfung automatisch, welche Daten, Methoden und Einstellungen verwendet wurden.
Ein weiterer Vorteil des Dienstes: Um vorab zu testen, ob die geplante Verknüpfung von Daten für die eigene Forschungsfrage zielführend ist, lassen sich Geodaten und Verknüpfungsmethoden im sogenannten „Public Modus“ von zuhause oder von der eigenen Forschungseinrichtung aus nutzen. Dafür stehen synthetische Wohnkoordinaten zur Verfügung, die der echten räumlichen Verteilung nachempfunden sind. Erst im „Private Modus“ ist der Zugriff auf die echten Wohnkoordinaten des SOEP möglich – dies dann wie gehabt innerhalb der technisch gesicherten Umgebung des FDZ SOEP in Berlin.
Der „Geolinking Service SoRa“ ist mit Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) entstanden. Er ist als Open Source angelegt und folgt den internationalen FAIR-Prinzipien für Wissenschaftsdaten. Sie besagen, dass Daten auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein sollen. Angegliedert ist SoRa am Forschungsdatenzentrum des Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR-FDZ). Es handelt sich um ein dauerhaftes Angebot, das Teil der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) ist. Um die kontinuierliche Weiterentwicklung werden sich die drei beteiligten Einrichtungen – GESIS, SOEP/DIW Berlin und IÖR – gemeinsam kümmern. In der Zukunft können und sollen die Angebote weiterer Forschungsdatenzentren und Datenhalter eingebunden werden.
Link zum “Geolinking Service SoRa”
Das GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften ist die größte europäische Infrastruktureinrichtung für die Sozialwissenschaften. Das Institut steht Forscherinnen und Forschern mit seinem Infrastrukturangebot und seiner Expertise rund um Forschungsdaten auf allen Ebenen ihrer Forschungsvorhaben zur Seite. GESIS stellt somit die Basis, um mit neuesten wissenschaftlichen Methoden und qualitativ hochwertigen Daten Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen geben zu können.
Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) erarbeitet wissenschaftliche Grundlagen, Analysewerkzeuge sowie Instrumente für eine nachhaltige Entwicklung und Transformation von Quartieren, Städten und Regionen. Dazu erforscht es maßstabsübergreifend das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen zwischen natürlicher Umwelt, Mensch und Technologien sowie Möglichkeiten gesellschaftlicher Planung und Steuerung. Das IÖR-Forschungsdatenzentrum (IÖR-FDZ) bereitet komplexe räumliche Daten auf und bietet Analysen, Simulationen sowie Dateninfrastrukturen und Werkzeuge zur maßstabsübergreifenden Dateninterpretation an.
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine der größten und am längsten laufenden multidisziplinären Panelstudien weltweit, für die derzeit jährlich etwa 30.000 Menschen in knapp 20.000 Haushalten befragt werden. Die Studie wird seit 1984 durchgeführt. Gleichzeitig ist das SOEP eine forschungsbasierte Infrastruktureinrichtung im DIW Berlin. Studien auf Basis der SOEP-Daten befassen sich mit verschiedenen Aspekten des gesellschaftlichen Wandels. Das SOEP wird unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und den Ländern gefördert.